Zwölffacher Mordversuch vor Gericht

Am Donnerstag startet vor dem Landgericht Düsseldorf der Prozess gegen den mutmaßlichen Bombenleger Ralf S. Der Angeklagte wird beschuldigt, mit einem selbst gefertigten Sprengsatz im Juli 2000 am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn gezielt Menschen angegriffen und zum Teil schwer verletzt zu haben.

Montag, 22. Januar 2018
Alexander Brekemann

Fast auf den Tag genau siebzehneinhalb Jahre, nachdem am 27. Juli 2000 auf dem Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn ein Sprengsatz per Fernzündung zur Explosion gebracht worden war, beginnt am 25. Januar 2018 vor dem Landgericht Düsseldorf der Prozess gegen einen Mann, der des zwölffachen Mordversuchs angeklagt wird. Dieser streitet die Tat ab. Einstweilen sind 37 Prozesstage bis Mitte Juli terminiert. 

Am 27. Juli 2000 soll Ralf S. mit einem selbst gefertigten Sprengsatz gezielt zwölf Migrantinnen und Migranten aus der ehemaligen UdSSR, die meisten von ihnen Jüdinnen und Juden, angegriffen haben. Diese waren auf dem Heimweg von einem Deutschkurs einer Bildungseinrichtung. Zehn von ihnen wurden teils lebensgefährlich verletzt, eine Schwangere verlor ihr ungeborenes Kind. Einige der damals Verletzten werden im Prozess als Nebenkläger auftreten.

„Indizienkette“ der Staatsanwaltschaft

Fast ein Jahr hat sich die Staatsanwaltschaft nach der am 1. Februar 2017 erfolgten Bekanntgabe der Festnahme eines mutmaßlichen Täters (bnr.de berichtete) Zeit genommen, um ihre „Indizienkette“ zu stabilisieren und eine Anklageschrift zu verfassen. Das hat Gründe. Zwar wurden die Ermittlungen gegen den schon 2000 verdächtigten Ralf S. 2014 wieder aufgenommen, nachdem dieser während einer kurzen Haftzeit einem Mithäftling gegenüber mit seiner Täterschaft geprahlt hatte, es fehlt jedoch an eindeutigen Beweisen. Und ebenso an Augenzeugen, die das Deponieren und Zünden des Sprengsatzes beobachtet haben. Die Anklage untermauern sollen unter anderem Zeugen, denen S. gegenüber die Tat angekündigt oder aber im Nachhinein eingestanden haben soll.

Außerdem soll es einen Zeugen geben, der S. beim „Ausbaldowern“ der Opfergruppe gesehen haben soll. Auch existiert eine Verbindung zwischen S. und Sprachschülern der Bildungseinrichtung. Im Herbst 1999 inszenierten zwei seiner engeren „Kameraden“ eine Drohkulisse gegen Teilnehmer eines Sprachkurses, indem sie sich täglich mit Hunden vor deren Unterrichtsgebäude postierten. Die Polizei wurde damals hierüber informiert – und nach dem Anschlag auf einen möglichen Zusammenhang aufmerksam gemacht. Damals wurde dem aber nur wenig Beachtung geschenkt.

Der „Sheriff von Flingern“

Ralf S. gehörte zum Tatzeitpunkt einer selbstbewussten und aktiven Neonazi-Szene vor Ort an, die mit dem damals 22-jährigen Sven Skoda einen neuen „Kameradschaftsführer“ gefunden hatte. Mit diesem pflegte der nur zwei Straßen entfernt lebende S. eine mal mehr, mal weniger enge Bekanntschaft. Doch sich längerfristig in einer Partei oder „Freien Kameradschaft“ zu organisieren, gar an Parteiversammlungen, „Kameradschaftsabenden“ oder Aufmärschen teilzunehmen, war nicht sein Ding. Der ehemalige Bundeswehrsoldat, dem eine Langzeitverpflichtung verweigert worden war, verstand sich als Soldat – und nicht als Politiker. Mehr schlecht als recht hatte er sich im Stadtteil Flingern einen kleinen Militaria-Laden in der Nähe des S-Bahnhofs Wehrhahn aufgebaut und bot sich für Security- und Wachschutzdienste an. Hierbei stand er in Kontakt zu Aktivisten der lokalen Neonazi-Szene, die in seinem Ladenlokal ein und aus gingen. Einige heuerte er sogar für seine Sicherheitsdienste an.

In Flingern war S. allseits durch seine „Patrouillen“-ähnlichen Rundgänge in Militär-Outfit und mit Hund bekannt. Nicht selten verklebte er dabei rechtsextreme Aufkleber, beispielsweise der DVU, der er zeitweise angehört haben soll. Der „Sheriff von Flingern“ – wie er genannt wurde – war im Stadtteil bekannt für seinen Hass auf „Ausländer“, aus dem er kein Geheimnis machte. Das nötige Know-how zum Bau eines Sprengsatzes besaß er, weil er bei der Bundeswehr eine entsprechende Ausbildung genossen hatte, auch an der nötigen Ausrüstung fehlte es nicht. Beides aber blieb der ab August 2000 aktiven Ermittlungskommission verborgen. Da man ihm auch nichts nachzuweisen wusste, wurde das damalige Ermittlungsverfahren eingestellt, unter anderem mit der Begründung, dass S. „offenbar nicht in der Lage“ gewesen sei, „ausgefallene Gegenstände aus dem Waffenbereich herzustellen oder zu besorgen“. Dass er das sehr wohl war, wurde offenbar erst nach ab 2014 recherchiert.

Ermittlungspannen und Vernebelungstaktik

Dass die Ermittlungen im Jahr 2000 an einigen Stellen nicht rund liefen, bezeugte auch der damalige Ermittlungsleiter Dieter Wixfort vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags Nordrhein-Westfalen (PUA). Er kritisierte eine erste, bei S. am 29. Juli 2000 durchgeführte Hausdurchsuchung des Polizeilichen Staatsschutzes als „oberflächlichen Stubendurchgang“, der zudem noch angekündigt gewesen sei. Auf seine Anfragen an den Verfassungsschutz (VS) – unter anderem zum Tatverdächtigen– habe er keine Rückmeldungen erhalten. Dabei führte der NRW-VS im Jahr 2000 im unmittelbaren Umfeld von S. mit dem Düsseldorfer Neonazi André M. einen V-Mann, der zeitweise für S. als Wachmann tätig war. Dass M. als V-Mann tätig war, erfuhren die Polizeiermittler aber erst 2012 vom VS. Zum Tatzeitpunkt, so der VS, sei M. mit seinem V-Mann-Führer im Düsseldorfer Hafen unterwegs gewesen.

Weiterhin teilte der VS ohne weitere Informationen mit, dass sich M. im September 2000 gemeldet habe, weil er etwas über den Wehrhahn-Anschlag berichten wollte. Das anberaumte Treffen sei aber „völlig unergiebig“ gewesen. Vier Jahre später dann wurde der Düsseldorfer Polizei bekannt, dass M. geäußert haben soll, der Anschlag sei „von Rechten aus dem Osten unter Abdeckung durch die hiesige rechte Szene“ verübt worden. Vor dem PUA musste er ebenso wenig aussagen wie sein V-Mann-Führer, obwohl einstimmig gefasste Beweisbeschlüsse für deren Zeugenvernehmungen vorlagen. Die Initiative „NSU Watch NRW“ kritisiert deshalb, dass sich der PUA geweigert habe, Fragen nach der Verstrickung des Geheimdienstes nachzugehen. Damit habe er sich "zum Erfüllungsgehilfen der Vernebelungstaktik des Verfassungsschutzes degradiert“.

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