von Robert Scholz
   

Zwischen Heldenmut und Sandflieger – der aktuelle HDJ-„Funkenflug“

In der aktuellen Ausgabe der HDJ-Vereinszeitschrift „Funkenflug“ beschreibt eine Autorin, die sich „Heike“ nennt, ein diesjähriges Sommerlager der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) im „schönen Mecklenburg“. Ihre kindlich naiven Schilderungen passen nur sehr schwer zum Bericht eines „Ragnar“, der über die „Menschen unserer Rasse“ schreibt.

„Seefahrt tut Not!“ lautete das Motto des HDJ-Sommerlagers, bei dem unter anderem ein „Orientierungslauf für die Großen und Üben für die Messerprobe bei den Kleinen“ angesagt gewesen sein sollen. Die „kleinen Jungs“ bastelten Holzschwerter, während die „kleinen Mädels“ im See baden gingen. „Mädel“ als Bezeichnung für Mädchen klingt nicht nur merkwürdig altbacken, es verweist vielmahr schon sprachlich auf die Organisation, die wohl als das historische Vorbild gelten kann: Den „Bund deutscher Mädel“, dem weiblichen Zweig der Hitlerjugend. Hier waren alle jungen Mädchen Pflichtmitglieder, sofern sie nicht aus „rassischen Gründen“ ausgeschlossen waren.

2008 können die „Mädels“ beim Sommerlager der HDJ „Waschlappen mit Namen und Bildern besticken und zum anderen Tanzen“, während die Jungs Baumhäuser bauen. Den Tag am Strand verbringen die HDJ-Lagerkinder mit Baden und spielen im Sand. Aber statt Kleckerburgen werden „HDJ-Sandflieger“ gebaut. „Funkenflug“-Autorin „Heike“ schreibt: „Und so vergingen die ersten zwei Tage wie im Fluge vorbei...“

Beim Kochwettbewerb lernten die Teilnehmer offenbar nicht die Zubereitung von Speisen aus dem Supermarkt, sondern was an Wald- und Wiesengewächsen alles essbar ist. Auf einer „Schatzsuche“ galt es „8 Stationen mit kniffligen Rätseln und schwierigen Geschicklichkeitsspielen zu meistern (...), um an die eingegrabene Truhe für die ganze Lagermannschaft zu kommen.“

An einem anderen Tag stand ein Geländespiel auf dem Programm, die „Kleinen“ machten eine „Messerprobe“ und alle zusammen einen Ausflug zum nahegelegen See. Der Tag klang bei „lustigen Spielen“ und ausgelassenem Singen von Liedern aus.

Der Bericht in der Vereinszeitung, der so unpolitisch und kindlich naiv daherkommt, beschreibt allerdings nur die halbe Wahrheit. Dass in diesen Lagern regelmäßig so genannte „Rassenschulungen“ stattfinden ist kein Geheimnis. Erst im Mai wurde bekannt, dass es im Januar ein HDJ-Lager gab, auf dem der Greifswalder Student Ragnar Dam den nationalsozialistischen Propagandafilm „Der ewige Jude" gezeigt haben soll, dessen Aufführung wegen seines erheblich volksverhetzenden Charakters verboten ist.

Im Funkenflug findet sich ein Artikel, der ebenfalls von einem „Ragnar“ geschrieben ist. Er thematisiert „Krieg & Frieden“, die Ragnar nicht für „einander ausschließende Gegensätze“ hält, sie sollen sich vielmehr „ergänzen“, „bedingen“ und „abwechseln im ewigen Kreislauf des Lebens. Und dieses Leben bedeutet Kampf!“

An dieser Stelle sei noch einmal erinnert, dass es sich um eine Vereinszeitschrift handelt und Kinder bereits mit sechs Jahren Mitglied werden. Bei der Polizeirazzia in Hohen Sprenz bei Güstrow soll das Kuscheltier eines Mädchens zerstört worden sein, was nach Beschreibung der NPD zu schweren Traumata geführt haben soll. Das Leben in dieser Zeitschrift zum beständigen Kampf zu erklären, scheint dem Heftverantwortlichen, Sebastian Räbiger, weniger problematisch zu sein.

Dabei gelte der Grundsatz vom Leben als Kampf für „Menschen unserer Rasse“ „im Besonderen“, fährt der Autor „Ragnar“ fort, er sei sogar „fest verankert in unserem Ahnenerbe“: „Aus seinem innersten Wesen heraus bejaht der Nordmensch den Kampf“. Begriffe wie der „ewige Frieden“ sind „Ragnar“ hingegen, wie er schreibt, „völlig fremd“. Gar „weltfremd“ mutet ihm das „Gewäsch des 'Pazifismus' an“: „Wer sich im gewaltigen Ringen der Völker selbst aufgibt, beschwört damit nur seinen eigenen Untergang herauf. [...] Sang- und klanglos gehen sie unter und niemand wird sich ihrer Taten erinnern.“

Hier kann man sich des in einschlägigen Kreisen beliebten Ausspruchs „Ewig lebt der Toten Tatenruhm“ erinnern – ein Zitat aus der Edda, einer Sammlung nordischer Dichtungen unbekannter Autoren, die zum einen Götter- und zum anderen Heldenlieder umfasst. Die Edda gilt als wichtigste Quelle altnordischer Mythologie. In der Zeit des Nationalsozialismus nahmen „NS-Eleven vom Schlage Himmlers oder Rosenbergs“ schließlich eine selektive Rezeption vor und glorifizierten „Fanatismus, Dumpfheit und Irrationalismus“. Heutzutage wird die Edda im Rahmen so genannter „Heldengedenken“ reaktiviert, aber auch bei den Protesten gegen die Wehrmachtsausstellung zierte der Slogan „Ewig lebt der Toten Tatenruhm“ Flugblätter der NPD .

Der Kontrast der beiden Texte könnte also deutlicher nicht sein. Während im Erlebnisbericht von „Heike“ ein Hauch von „Ferienlager“ vermittelt wird, vergöttert „Ragnar“ Opferbereitschaft und Heldenmut. Damit gelingt es dem aktuellen „Funkenflug“ nicht nur ein breites Spektrum an Themen zu bedienen, er bildet vermutlich auch die gesamte Palette eines HDJ-Lagers ab: Zwischen Freizeitspaß und politischer Indoktrination.

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