Zwischen Demokratieverachtung und Hass

Der bekannte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hat mit „Querdenken“ einen Sammelband zur Protestbewegung „zwischen Demokratieverachtung, Hass und Aufruhr“ - so der Untertitel - herausgegeben. Darin finden sich 16 methodisch und thematisch ganz unterschiedliche Beiträge, wozu journalistische Reportagen ebenso wie wissenschaftliche Texte gehören.

Dienstag, 18. Januar 2022
Armin Pfahl-Traughber
Wolfgang Benz Querdenken

Gegenwärtig machen die Gegner der Pandemiepolitik öffentlich lautstark auf sich aufmerksam, wovon die regelmäßigen Demonstrationen der „Querdenker“ – so die Selbstbezeichnung – zeugen. Gelegentlich kommt es auch zu Angriffen auf Gegendemonstranten, Journalisten oder Polizisten. Es finden sich unter den Demonstranten aber nicht nur besorgte „Normalbürger“, sondern auch viele Esoteriker, Rechtsextremisten oder „Reichsbürger“. Doch wie muss diese neue Bewegung eingeschätzt werden, scheint sie doch auch politisch eine unterschiedliche Zusammensetzung aufzuweisen? Und wie muss das Gefahrenpotential dieser neuen Protestbewegung eingeschätzt werden?

Antworten auf diese Fragen will ein Sammelband geben, den der bekannte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz unter dem Titel „Querdenken. Protestbewegung zwischen Demokratieverachtung, Hass und Aufruhr“ herausgegeben hat. Er kann als eine aktuelle Momentaufnahme gelten und enthält 16 methodisch und thematisch ganz unterschiedliche Texte.

„Kollektive Entfaltung unbeschränkter Egozentrik“

Am Beginn steht eine Einleitung des Herausgebers, worin Benz sehr scharfe Worte vorträgt: „Provokation und Usurpation sind die Methoden. Ziel ist die Destruktion von Normen und Regeln, die friedlichem Miteinander und vernünftigem Interessenausgleich in Staat und Gesellschaft dienen. Ursachen sind die Verweigerung von Solidarität und Toleranz und die kollektive Entfaltung unbeschränkter Egozentrik“.

Dem folgen dann ganz unterschiedliche Beiträge, wie etwa der Bericht von Angelika Censebrunn-Benz, die als Mitarbeiterin von Parlamentariern kontinuierlich die Wut auf manche Volksvertreter mitbekam. Maria Fiedler, Journalistin beim „Tagesspiegel“, fragt demgegenüber, warum die AfD in Sachsen-Anhalt so erfolgreich ist. Dass der Antisemitismus bei all diesen Protesten eine so große Rolle spielt, macht die bekannte Expertin Juliane Wetzel deutlich, führt sie doch sehr viele Belege für Judenfeindschaft in ganz unterschiedlichen Protestbewegungen auf. Der Journalist Sebastian Leber widmet sich dann der „Reichsbürger“-Szene.

Empirische Befunde zu den Corona-Protesten

Die meisten Beiträge sind Reportagen zum Thema. Es gibt aber auch immer wieder interessante Fallstudien, etwa zu dem Aktivisten Michael Ballweg von dem Journalisten Josef-Otto Freudenreich oder zu dem „Impfrebell“ von dem Sozialwissenschaftler Thomas Pfeiffer. Der ideengeschichtliche Hintergrund wird von dem Fachjournalisten Andreas Speit thematisiert. Und die Sozialwissenschaftlerin Claudia Barth analysiert die Parteineugründung „Basisdemokratische Partei Deutschlands“, die auch schon zu den Bundestagswahlen 2021, wenn auch mit bescheidenem Erfolg, kandidierte.

Besondere Aufmerksamkeit sollen hier noch drei wissenschaftlich gehaltene Beiträge finden: Empirische Befunde zu den Corona-Protesten präsentiert der Soziologe Oliver Nachtwey, wobei seine eigenen Daten aus einer nicht repräsentativen Studie hervorgehen. Darauf macht er in einer Fußnote aufmerksam. Er nennt auch noch andere Gründe für eine mögliche Schiefe seiner Studie. Das sollte bei der Einschätzung des Materials auch stärker berücksichtigt werden.

AfD und Neue Rechte wollen die Protestbewegung instrumentalisieren

Der Historiker Volker Weiß geht demgegenüber den Kontexten nach, die zwischen Corona-Protesten und der Neuen Rechten bestehen. Anhand von Aussagen aus dem gemeinten Intellektuellenbereich wird deutlich, wie hier das Corona-Protestthema von ihnen politisch instrumentalisiert werden soll. Die zahlreichen Belege in Form von Zitaten vermitteln, dass es hier nicht um eine Konstruktion von Zusammenhängen geht. Und schließlich gehen die beiden Politikwissenschaftler Gudrun Hentges und Gerd Wiegel den „Vergeblichen Avancen: AfD und Querdenker“ – so der Titel – nach. Deutlich wird auch hier herausgearbeitet, wie die AfD mit ihrer Agitation „Corona“ als politisches Thema nutzen will.

Ältere Fotos belegen übrigens, dass man zunächst die Regierung für ein zu schwaches Vorgehen kritisiert hatte. Dann drehte die AfD diese Auffassung in ihr Gegenteil um, woran eben die Instrumentalisierung des Themas erkennbar ist. Auch wenn nicht alle Beiträge die Lektüre lohnen, allein die letztgenannten Aufsätze sprechen für diesen interessanten Sammelband.

Wolfgang Benz (Hrsg.), Querdenken. Protestbewegung zwischen Demokratieverachtung, Hass und Aufruhr, Berlin 2021 (Metropol-Verlag), 318 S.

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