von Armin Pfahl-Traughber
   

Zwischen Antisemitismus und „Judenemanzipation“ – ein Sammelband zum Thema

Die Historiker Guido Hausmann, Manfred Hettling und Michael G. Müller präsentieren in ihrem Sammelband „Die ‚Judenfrage’ – ein europäisches Phänomen?“ 13 Fallstudien zum Bild von und Umgang mit den Juden in europäischen Ländern zwischen Ende des 18. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Es handelt sich um gut belegte und recherchierte Fallstudien, wobei die vergleichende Betrachtung leider nur auf die allerdings sehr reflexionswürdige Einleitung beschränkt bleib.

Buchcover „Die ‚Judenfrage’ – ein europäisches Phänomen?“

Der Begriff „Judenfrage“ stand ab Ende des 18. Jahrhunderts im öffentlichen Diskurs der europäischen Länder für kontroverse Positionen zum Status einer religiösen Minderheit. Dabei schwankte die Debatte zwischen zwei Grundpositionen hin und her: Einerseits fand die Forderung nach Emanzipation und Gleichstellung der Juden stärkere Aufmerksamkeit, andererseits artikulierte sich eine Gegenbewegung mit einer antisemitischen Zuspitzung. Bekanntlich obsiegte die letztgenannte Richtung in Deutschland und fand im Holocaust ihren grausamen Höhepunkt. Die Besonderheiten einer damit einhergehenden Entwicklung lassen sich besser durch den europäischen Vergleich erkennen. Dieser Ansatz leitet die Autoren des Sammelbandes „Die ‚Judenfrage’ – ein europäisches Phänomen?“, der von den Historikern Guido Hausmann, Manfred Hettling und Michel G. Müller herausgegeben wurde. Er enthält 13 Fallstudien zu besonderen Aspekten des Themas im mittel-, ostmittel- und südeuropäischen Raum vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert.

Darin geht es bezogen auf Deutschland um die Formierung des Begriffs „Judenfrage“ und das Verhältnis der deutschen Liberalen zum Thema. Bei den Fallstudien über Polen stehen die Einstellung der liberalen Intellektuellen, die „Judenfrage“ in der Zeitschrift „Przeglad Spoleczny“ und die Ursprünge des dortigen politischen Antisemitismus im Blick. Italien und Ungarn sind jeweils nur ein Beitrag zum Begriff „Judenfrage“ in der italienischen Sprache sowie zur Diskussion über die „Judenfrage“ in der Zeitschrift „Huszadik Szazad“ gewidmet. Bezogen auf Österreich stehen ganz allgemein die „Judenfrage“ in Habsburg und die Neukonzeption des Ostjudenbildes im Fin-de-Siécle im Zentrum des Interesses. Die Beiträge zu Tschechien widmen sich der „Judenfrage“ in der Frühphase der Nationalbewegung und den Auffassungen der Liberalen. Und schließlich behandeln die Aufsätze zu Litauen publizistische Quellen des modernen Antisemitismus und den Kontext von „Judenfrage“ und wirtschaftlicher Emanzipation.

In der vergleichenden Betrachtung konstatieren die Herausgeber: „In den Debatten und Kontroversen bedienten sich Befürworter und Gegner in allen Ländern sehr ähnlicher Argumente, die kaum ‚nationalspezifische’ Elemente aufweisen. Im Unterschied zur europäischen Gemeinsamkeit in den einzelnen Topoi der Diskussion liegen nationalspezifische Differenzen vor allem darin, dass diese Debatten zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher Intensität geführt wurden“ (S. 10). Und weiter heißt es: „Dass in allen genannten Ländern und Nationen ... über die ‚Judenfrage’ öffentlich debattiert und verhandelt wurde, stand an sich in keinem ursächlichem Zusammenhang mit der Anzahl der im jeweiligen nationalen Kontext lebenden Juden oder mit der je besonderen conditio iudaica. Prägender war demgegenüber jeweils die Frage nach der nationalen, kulturellen und religiösen Homogenität resp. Heterogenität der einzelnen Nationen auf den Verlauf und die Intensität der Debatten um die Judenfrage’“ (S. 13).

Derart interessante und reflexionswürdige Erkenntnisse der komparativen Betrachtung findet man aber nur knapp in der Einleitung der Herausgeber. Wünschenswert wäre gerade angesichts der beschworenen vergleichenden Perspektive eine ausführlichere Erörterung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden am Ende des Bandes gewesen. Denn die Fallstudien des Sammelbandes sind meist viel zu sehr auf einzelne Aspekte in bestimmten Ländern und jeweilig Zeiten begrenzt. Gleichwohl handelt es sich dabei um Darstellungen aus der Feder von ausgezeichneten Kennern der Materie. Indessen bleiben diese Autoren mit ihrer Beschreibung und Kommentierung auf das jeweilige Land beschränkt. Gerade die Feststellung der Herausgeber, dass die „Judenfrage“ immer mit der „Nationalstaatsbildung“ in einem ausgeprägten Kontext stand, hätte zumindest bei einer Bilanz stärkere Aufmerksamkeit finden können. Die analytischen Potentiale waren dafür sehr wohl vorhanden. Indessen bleibt die vergleichende Sicht eben auf die Einleitung reduziert.

Manfred Hettling/Michael G. Müller/Guido Hausmann (Hrsg.)
Die „Judenfrage“ – ein europäisches Phänomen?
Metropol-Verlag, Berlin, 2013
351 Seiten, 24,00 Euro

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