von Mathias Brodkorb
   

"Zur Judenfrage": War Karl Marx ein Antisemit? Teil II

Der zweite, nur wenige Seiten umfassende Teil von Marxens Schrift "Zur Judenfrage" aus dem Jahre 1843 hat es in sich. Auf ihn berufen sich zahlreiche Autoren, die Marx des Antisemitismus überführen wollen. Dem wenig überzeugenden Hinweis, dass Marx selbst jüdischer Abstammung war und folglich kein Antisemit gewesen sein konnte (Hirsch/Schuder 1999: 70), muss man dabei gar nicht mit dem Verweis auf einen ominösen "jüdischen Selbsthass" (Theodor Lessing) begegnen. Denn Marx mag zwar "jüdischer Abstammung" gewesen sein, mit dem Judentum verband ihn geistig und kulturell jedoch nichts.

Da für Marx die bestimmende Funktion des bourgeois in der modernen Gesellschaft außer Frage stand, musste auch die religionspolitische Frage nach der Emanzipation des Judentums aus seiner Sicht auf diesen weltlichen Zusammenhang zurückgeführt, die "theologische Fassung der Frage" (MEW 1/372) gebrochen werden. Marx glaubte, dass hierzu eine Unterscheidung zwischen dem "Sabbatjuden" und dem "Alltagsjuden" vonnöten sei. Über letzteren schreibt er: "Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden. Welches ist der weltliche Kultus des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld." (ebd.)

Auf den ersten Blick scheint eine erhebliche Übereinstimmung zwischen dieser Formulierung und dem zu bestehen, was sich später im Antisemitismus des Nationalsozialismus zeigen wird. Hitler schreibt beispielsweise in "Mein Kampf": "Sobald (...) der gemeinsame Feind besiegt, die allen drohende Gefahr beseitigt, der Raub geborgen ist, hört die scheinbare Harmonie der Juden untereinander auf, um den ursächlich vorhandenen Anlagen wieder Platz zu geben. Der Jude ist nur einig, wenn eine gemeinsame Gefahr ihn dazu zwingt oder eine gemeinsame Beute lockt; fallen beide Gründe weg, so treten die Eigenschaften eines krassesten Egoismus in ihre Rechte, und aus dem einigen Volk wird im Handumdrehen eine sich blutig bekämpfende Rotte von Ratten." (Hitler 1934: 330f) Dass dieser "jüdische Egoismus" in Hitlers Welt letztlich im "Weltfinanzjudentum" (ebd.: 505) und in der politischen Forderung nach der "Brechung der Zinsknechtschaft" (Feder 1919) kulminiert, gehört heutigentags zur Allgemeinbildung.

So verwundert es auch nicht, dass Antisemiten, die etwas auf sich halten, heute nicht selten auf das Marxsche Oeuvre zurückgreifen, um ihren pathologischen Gedanken so eine höhere Weihe zu verleihen. So bspw. geschehen im Jahre 2000 in einem Gespräch zwischen dem Gründer der Republikaner, Franz Schönhuber, und dem heutigen Hitler-Verehrer Horst Mahler. Seinerzeit kritisierte Mahler Hitler zwar noch für dessen biologischen Rassismus. Allerdings war er bereits damals im Sinne eines kulturellen Antisemitismus voll des Lobes für die Kritik der "säkularen Form des Mammonismus" (Schönhuber/Mahler 2000: 29) des Judentums. Und um eben dies näher zu begründen, orientierte er sich nicht nur am deutschen Idealismus und insbesondere dem Philosophen Hegel, sondern nicht zuletzt an der "Marx'schen Kritik des Mammonismus" (siehe ebd.: 31).

Allerdings sollte man sich in Sachen "Marx und der Antisemitismus" vor allzu vorschnellen Urteilen hüten. Denn selbst rechtsextremistische Publizisten wie Jürgen Schwab widersprechen der These, dass Marx ein Antisemit gewesen sei. Auch Schwab zitiert in einem Aufsatz mit dem Titel "Die zionistische Herausforderung" die oben wiedergegebene Passage aus dem Frühwerk von Marx, weist jedoch darauf hin, dass dieser damit doch wohl nur einen "Typus" gemeint habe: "Dem können Juden wie Nicht-Juden entsprechen." (Schwab 2007: 92) Ganz ähnlich interpretierte diesen Passus vor knapp 25 Jahren übrigens der marxistische Philosophieprofessor Wolfgang Fritz Haug in seiner berühmten mehrbändigen Aufsatzsammlung "Pluraler Marxismus". Er ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er in Marxens Ausführungen "im Gegenteil einen Generalangriff auf allen christlich-bürgerlichen Antisemitismus" (Haug 1987: 141) sehen zu können glaubte. Marx hätte demnach in "Zur Judenfrage" gar nicht den Kapitalismus mit dem Juden (und umgekehrt) identifiziert, sondern in der Sprache Bruno Bauers eben diesem seine eigenen Vorurteile zurückgespiegelt: "Der Sinn ist: Erkennt Euch selbst - in Euerm Feindbild! Wo Ihr 'Jude' sagt, redet ihr blind von Euch selbst. (...) Euer 'Jude' ist der Bankier, ist der Händler, ist ganz allgemein der Kapitalist (...)" (146) - ein Typus eben.

Und diese Interpretation hat einige Plausibilität auf ihrer Seite. Denn was die meisten Autoren, die Marx des Antisemitismus überführen wollen, nicht zitieren, sind eben jene Sätze, in denen Marx die "dem Juden" zugeschriebenen Elemente auf die ganze bürgerliche Gesellschaft bezieht. Im Judentum würde nämlich ein "allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element" (MEW 1/372) erkennbar, an dem "die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet" hätten (373). Wir haben es nach Marx also mit einem allgemeinen Phänomen zu tun, dem zwar auch "der Jude" verfallen ist - aber eben nicht nur. Denn das Geld sei "durch ihn und ohne ihn" zur Weltmacht geworden und hätte eine bürgerlich-kapitalistische und nicht politische Form der Emanzipation des Judentums hervorgebracht: "Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden geworden sind." (ebd.) "(...) in der jetzigen Gesellschaft", fährt Marx am Schluss seines Textes fort, "finden wir das Wesen des heutigen Juden, nicht als ein abstraktes, sondern als ein höchst empirisches Wesen, nicht nur als Beschränktheit des Juden, sondern als die jüdische Beschränktheit der Gesellschaft." Marx schließt mit den Worten: "Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum." (ebd.: 377)

Freilich klingen diese Worte nach Auschwitz ungehörig, allerdings sind sie eben vor Auschwitz geschrieben. Marx verteidigt in seiner Schrift "Zur Judenfrage" gerade gegen Bruno Bauer die Religionsfreiheit und die volle gesellschaftliche Emanzipation der Juden. Von Diskriminierung, Forderung nach Sonderbehandlung keine Spur. Im Gegenteil. Das Einzige, was hier als antisemitisch klassifiziert werden könnte, ist die Tatsache, dass Marx im "Juden" den historisch verwirklichten Idealtypus des Kapitalisten sehen zu können glaubt, weil eben "die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet" hätten. Marx spielt dabei auf die von Antisemitismus-Experten als historische Tatsache angesehene These an, dass Juden aufgrund ihrer gesellschaftlichen Zwangslage "in der Geschichte des deutschsprachigen Raumes eine wirtschaftliche Sonderrolle gespielt" (Hirsch/Schuder 1999: 12) hätten. Strittig ist hierbei in aller Regel nicht, dass Juden in kaufmännischen Betätigungsfeldern etc. überdurchschnittlich vertreten waren und somit neben den Protestanten zu den Motoren der Entstehung des Kapitalismus wurden (Max Weber), sondern höchstens, ob "die Juden das gewollt" (Hirsch/Schuder 1999: 12) hätten oder dies nicht vielmehr das Ergebnis einer entsprechenden Diskriminierung gewesen sei (ebd.: 43-74).

Und genau dies unterscheidet Marx auch essentiell von Hitler. Marx' Feind ist nicht "der Jude", sondern der Kapitalismus - bei Hitler ist es bekanntermaßen umgekehrt. Hitler unterscheidet seinerseits zwischen jüdischem "raffendem" und arischem "schaffendem" Kapital. Er denkt nicht an die Überwindung des Kapitalismus, sondern an die Vernichtung der Träger des "raffenden Kapitals". Der Kapitalismus wird von Marx hingegen in Gänze als eine alle Menschen entfremdende Form der Vergesellschaftung aufgefasst, der selbstverständlich auch religiöse Juden unterliegen. Denn es gilt bereits in "Zur Judenfrage": "Aus ihren Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden." (MEW 1/374). "Der Jude" wird bei Marx somit in polemischer Wendung zum Spiegelbild des Kapitalismus insgesamt. Er fasste damit in jungen Jahren unter dem Begriff des "Juden" einen Teil dessen, was er später in seinem Hauptwerk "Das Kapital" mit dem Begriff der "ökonomischen Charaktermasken" (MEW 23/100) wieder aufnehmen wird. Marx "hasste" zwar den Kapitalismus, aber nicht den Kapitalisten (und auch nicht "den Juden") - ein feiner Unterschied, der noch heute so mancher linksextremistischen Politsekte schwer verständlich scheint. Denn als historischer Materialist könne er selbstverständlich nicht "den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag." (MEW 23/16)

Marx angesichts dieser Fakten dennoch zu einem Antisemiten stempeln zu wollen, funktionierte nur, wenn gleich mehrere der folgenden Bedingungen erfüllt wären:

     

  • Zunächst müsste im Sinne einer notwendigen Bedingung schlicht geleugnet werden, dass es überhaupt einen Unterschied zwischen dem jungen und dem alten Marx gibt. Marx "antisemitische" Schmähschrift schrieb dieser allerdings im Alter von 25 Jahren. Folgte man dieser Logik, müsste jedoch auch der Hitler-Verehrer Horst Mahler noch heute als ein glühender Anhänger der Linken gelten.
  • Darüber hinaus wäre jedwede Äußerung auf eine ganz unhistorische Art und Weise mit dem Auschwitz-Messer zu sezieren. Denn selbstverständlich waren die Juden zu Marxens Lebzeiten bereits seit mehreren Jahrhunderten Opfer von Schmähung und Diskriminierung geworden. Und selbstverständlich war auch Marx - zum Beispiel in manchen seiner Briefe - nicht frei von einem Sprachgebrauch, der sich in diesem Zusammenhang etabliert hatte. Allerdings hat dieser Blick zurück in die Geschichte nicht nur eine anmaßende Tendenz an sich, sondern führt vor allem zu einer dritten Bedingung des Antisemitismus.
  • Damit Marx, der bereits im Frühwerk für die volle bürgerrechtliche Emanzipation der Juden eintrat, als Antisemit gelten könnte, müsste der Begriff des Antisemitismus derartig ausgeweitet und damit sogleich auf eine Art und Weise sinnentleert werden, dass bereits in die Nähe des Antisemitismus rückt, wer nur "Jude" sagt oder einfache historische Tatsachen ausspricht. So zum Beispiel, dass Juden in merkantile Berufe abgedrängt wurden und sich somit den Nationalsozialisten als finanzkapitalistische Sündenböcke geradezu anboten oder dass Menschen "jüdischer Abstammung" zumindest zu einem beachtlichen Teil in den Führungsetagen des Bolschewismus mitwirkten, was politisch jedoch ziemlich unerheblich ist. Es mag daher kein Zufall sein, dass die Akteure in der Marx-Debatte in aller Regel eine präzise begriffliche Definition von "Antisemitismus" unterlassen. Sie werden wissen warum.
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Freilich: Die Konsequenz einer solchen "behutsamen" Interpretation wäre es, auch in anderen Fällen nicht unhistorisch und vorschnell die Antisemitismus-Keule zu schwingen. Marx' Argumentation beruht dennoch auf einer logisch unzulässigen, polemisch zugespitzten Verallgemeinerung. Aber reicht das schon aus, um Antisemit zu sein?


Literatur:
Feder, Gottfried (1919): Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft (Faksimile), in: Bevor Hitler kam, Bremen 2000
Haug, Wolfgang Fritz (1987): Antisemitismus als Bewährungsprobe marxistischer Ideologietheorie, in: ders.: Pluraler Marxismus, Berlin, S. 141-168
Hirsch, Rudolf/Schuder, Rosemarie (1999): Der gelbe Fleck. Wurzeln und Wirkungen des Judenhasses in der deutschen Geschichte, Köln
Hitler, Adolf (1934): Mein Kampf (Erstauflage 1925), München
Schönhuber, Franz/Mahler, Horst (2000): Schluß mit deutschem Selbsthass, Berg am Starnberger See
Schwab, Jürgen (2007): Die zionistische Herausforderung, in: ders.: Die 'westliche Wertegemeinschaft', Tübingen, S. 81-105
Marx, Karl/Engels, Friedrich (1956ff): Werke (MEW), Berlin

"Zur Judenfrage": War Karl Marx ein Antisemit? Teil I

karl_marxImmer wird insbesondere von Rechtsextremisten - offenbar aus Motiven der Selbstentlastung - mit aller Verbissenheit über die Frage diskutiert, ob der Kommunist und "Jude" Karl Marx nicht selbst in Wahrheit ein Antisemit gewesen sei. Hauptquelle dieses Vorwurfes ist die Frühschrift "Zur Judenfrage" aus dem Jahre 1843.

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Kommentare(21)

B.C. Dienstag, 06.April 2010, 07:03 Uhr:
Vielen Dank Herr Brodkorb. Ihre "behutsame" Aufbereitung war mir ein nicht nur inhaltlich ein Lesevergnügen.
 
Krähling Dienstag, 06.April 2010, 08:15 Uhr:
Es ist schön, als Naturwissenschaftler mitzuerleben, wie Sie mit dem undefinierbaren Begriff „Antisemitismus“ bei Freund Marx umgeht. Solange sich einige promi- und unprominente Zeitgenossen den Begriff nur noch als „Schmähkritik“ um die Ohren hauen, ist das Wort mittlerweile ziemlich ausgefranst.


"Niemals habe ich einen Menschen gesehen von so verletzender, unerträglicher Arroganz des Auftretens. Keiner Meinung, die von der seinen abwich, gewährte er die Ehre einer einigermaßen respektvollen Erwähnung. Jeden, der ihm widersprach, behandelte er mit kaum verhüllender Verachtung." Carl Schurz über Karl Marx

Marx war asozial c’est tout.
 
Hamburger Studi Dienstag, 06.April 2010, 08:28 Uhr:
Kleine Notiz zu beiden Teilen des Artikels: Sich auf Marx zu berufen, um den Antisemitismus zu rechtfertigen, stellt einen Argumentationsfehler vom Typ "appeal to authority" dar. Ob Marx oder andere Größen der Geistesgeschichte Antisemiten waren, das ist für den (vergeblichen) Versuch, den Antisemitismus zu rechtfertigen, völlig irrelevant.

Der Artikel droht den argumentativ fehlerhaften rechtsextremen Überlegungen auf den Leim zu gehen, indem er die Behauptung, Marx sei ein Antisemit gewesen, aufnimmt und zu widerlegen oder anzuzweifeln versucht, anstatt einfach die "appeal to authority"-Zitrone zu verteilen. Klar: Ob Marx ein Antisemit war, kann eine interessante Frage sein. Im Zusammenhang mit rechtsextremen Versuchen, den Antisemitismus zu rechtfertigen, hat sie jedoch keine Bedeutung.
 
Mathias Brodkorb Dienstag, 06.April 2010, 08:46 Uhr:
@ Hamburger Studi: Vielleicht sollte ich Ihnen sagen, was der Anlass der Artikel war, nämlich die Kommentardebatte zu diesem Artikel http://www.endstation-rechts.de/index.php?option=com_k2&view=item&id=4222 und nicht das, was Sie zu vermuten scheinen.
 
BT Dienstag, 06.April 2010, 11:16 Uhr:
oh man... der "Jude und Kommunist" Marx. wenn ich das schon lese wird mir kotzübel. meines erachtens sind sie ebenso ein (struktureller & sekundärer) antisemit wie viele anderer ihrer SPD-"brüder" und -"schwestern" (von linkspartei-antisemiten, grünen eso-faschisten ganz zu schweigen!)... sie lernen es nie! (übrigens: marx war atheist).
 
Mathias Brodkorb Dienstag, 06.April 2010, 12:14 Uhr:
@ BT: Mensch, danke für den Hinweis. Das hätte ich mal besser unter Anführungszeichen gesetzt und hole das einfach nach.
 
Quarktasche Dienstag, 06.April 2010, 12:19 Uhr:
Interessant.

Mich würde interessieren, was Sie zum angeblichen "Selbsthass und Schuldkomplex der Deutschen" schreiben. Wo ist diese Behauptung zu verorten? Gab es vergleichbares schon vor der Nazizeit und ist es möglich Parallelen zu ziehen? Was könnten Motivationen zu dieser Aussage sein?
 
Mathias Brodkorb Dienstag, 06.April 2010, 13:45 Uhr:
@ Xberg: Dann wäre also auch "Messias Hitler" ein "Jude"? Es gilt wohl eher umgekehrt: Der Messianismus ist eine viel fundamentalere anthropologische Erscheinung als gedacht. AUCH "das Judentum" hat messianische Züge. AUCH!
 
Xberg Dienstag, 06.April 2010, 14:32 Uhr:
@Brodkorb - Das "AUCH" messianisch in Bezug auf das Judentum ist ungefähr so, als ob man sagen würde, der Katholizismus habe "christliche Züge". Der Messianismus ist die zentrale geistesgeschichtliche Schöpfung des Judentums schlechthin. Sie werden das in keiner anderen Religion finden, außer eben in der Filiale des Judentums, die die abendländische Kultur entscheidend geprägt - dem Christentum. Dieses hat allerdings einen ganz entscheidenden Schritt getan: es läßt seinen Messias sagen "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Den Messias zu verweltlichen und immanent aufzufassen bedeutet eine Re-Judaisierung des messianischen Gedankens.

>Dann wäre also auch "Messias Hitler" ein "Jude"?

In der Tat hat etwa George Steiner so argumentiert, unter anderem in seiner Kurzgeschichte "The Passage to San Christobal of A. H." Auch Ernst Niekisch, als er, den NS damit attackierend, schrieb, "nationaler Messianismus" sei "jüdischen Ursprungs", oder Ernst Bloch, der 1935 vom jüdischen "Original" und der nationalsozialistischen "Kopie" sprach.

Ein Topos, der in der Geistesgeschichte auch immer wieder auftaucht, ist die Vorstellung, daß es drei große messianische Völker par excellence gebe: die Juden, die Deutschen und die Russen.
 
B.C. Dienstag, 06.April 2010, 14:46 Uhr:
"Das ist genauso wenig ein Zufall, wie die starke Beteiligung von Juden an sozialistischen/revolutionären/kommunistischen Bewegungen."
Was erstmal eine unbelegte Behauptung ist.
 
Mathias Brodkorb Dienstag, 06.April 2010, 16:02 Uhr:
@ Xberg: Nehmen wir an, Sie hätten recht. Was bewiese das im Falle Marx? Nichts. Es sei denn, Sie belegten den "Einfluss des Judentums" an den Texten Marxens. Da wünsche ich dann viel Vergnügen!
 
Angela Dienstag, 06.April 2010, 16:05 Uhr:
Dies ist ein sehr guter Artikel; besonders wenn man bedenkt, dass er von einem Mitglied der heutigen SPD verfasst wurde.
Natürlich "hasste", wenn man dieses Wort schon verwenden will, der Genosse Karl Marx nicht die Kapitalisten sondern wenn überhaupt nur den Kapitalismus. In seinem großartigen Werk, Das Kapital stellt er in seiner typischen Genialität fest, das der Kapitalist in diesem System, bei Strafe des eigenen Untergangs dazu verdammt ist, ein größerer Ausbeuter als sein Konkurent zu sein. Wenn man auf politisch korrekt machen will, muss man heute natürlich Mitbewerber sagen/schreiben.
Was die Haltung unseres Genossen zur "Judenfrage" angeht, so kann man dies eigentlich anhand einer Stelle dort schon deutlich machen:Der Jude der als ein besonderes Glied in der bürgerlichen Gesellschaft steht, ist nur die
besondere Erscheinung von dem Judentum der bürgerlichen Gesellschaft. (...)
Aus ihren Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden."
Die herrschende Bourgeoisie braucht den Juden oder sonst wen als Sündenbock, ist natürlich auch eine Metapher aus der Tora, für ihre eigene permanente, systembedingte, kriminelle Energie.
Moses war Jahrhunderte vor Spartacus und Jahrtausende vor Müntzer, bis zur Oktoberrevolution 1917 der einzige erfolgreiche Revolutionär. Nur war es damals auf Grund der Entwicklung der Produktivkräfte noch nicht möglich, eine Klassenlose Gesellschaft aufzubauen. Deshalb griffen die Juden auf die Ideologie des Echnaton zurück.
Siegmund Freud vermutete ja, dass sie auch Moses ermordet haben, genau wie gemeinsam mit den römischen Imperialisten auch Jesus.
Dies halte ich auch für wahrscheinlich.
Schließlich haben die Deutschen ja auch Müntzer, Liebknecht, Luxemburg, Thälmann, Meinhoff und viele andere ermordet, weil ihre Herrschenden die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen aufrechterhalten wollten.
 
Xberg Dienstag, 06.April 2010, 16:47 Uhr:
1. >Was erstmal eine unbelegte Behauptung ist.

2. >Es sei denn, Sie belegten den "Einfluss >des Judentums" an den Texten Marxens. Da >wünsche ich dann viel Vergnügen!

All das ist im Falle 1. endlos und jenseits allen Zweifels dokumentiert, belegt und wirklich jedermann bekannt, der sich nur einigermaßen mit der Materie beschäftigt- das ist nicht einmal "kontrovers" oder "umstritten". Wie oben erwähnt, ein ganz brauchbares Buch dazu ist das von Michael Löwy (ein jüdischer Marxist nebenbei).

- und ist im Falle 2. ebenfalls endlos kontrovers debattiert worden, von jüdischer wie nicht-jüdischer Seite, emphatisch oder ablehnend, seit es Marxens Schriften gibt. Selbstverständlich ist das auch Bestandteil der Marx-Kritik, zu klären, aus welchem "gesellschaftlichen Sein" heraus Marx geschrieben hat, und welche subkutanen Traditionen und Denkstrukturen im Marxismus eine erhebliche Rolle spielen. Besonders wenn die Frage nach der tendenziellen "Ortlosigkeit" der marxistischen Theorie gestellt wird. Und daß diese Frage eine beträchtliche, ja fatale geistesgeschichtliche Relevanz hat, sollte jedem bewußt sein, der seinen Nolte einigermaßen gelesen hat. Mit einem Achselzucken ist das jedenfalls nicht vom Tisch wischen. Da wünsche ich ebenfalls "viel Spaß" beim Nachsitzen!

Nun aber, damit wir uns hier nicht falsch verstehen:

> Nehmen wir an, Sie hätten recht.

Worin denn nun genau?
 
B.C. Dienstag, 06.April 2010, 20:56 Uhr:
"All das ist im Falle 1. endlos und jenseits allen Zweifels dokumentiert, belegt und wirklich jedermann bekannt, der sich nur einigermaßen mit der Materie beschäftigt- das ist nicht einmal "kontrovers" oder "umstritten"."

Wenn dem so sei, dann muessten Sie doch im Handumdrehen Fakten benennen koennen. Ich weiss ja nicht, wo Sie herkommen, aber in meiner DDR-Vergangeheit sind mir viele "Kommunisten/Sozialisten" begegnet. An einen Juden kann ich mich nicht erinnern.
 
Krähling Mittwoch, 07.April 2010, 08:20 Uhr:
„Moses war Jahrhunderte vor Spartacus und Jahrtausende vor Müntzer, bis zur Oktoberrevolution 1917 der einzige erfolgreiche Revolutionär.“ (Angela)

Schade, dass es meines Wissens bisher keinen historischen Beleg für die Existenz von Moses gibt; irgendwie hat einer der geistigen Gründerväter der Menschheit da etwas gemeinsam mit einem Einhorn.

„Hitler. Etwa auch ein "Jude"?“ (Brodkorb)

Hitler hat Menschen wieder zu Juden gemacht. Sehr eindrucksvoll hat das Alfred Grosser formuliert: „Deswegen betone ich immer, dass mein Vater Professor an der Universität, Kinderarzt, Klinikleiter, Freimaurer und neben vielem anderen eben auch Jude war. Hitler hat gesagt: "Du bist nur Jude." Warum soll ich mich von Hitler definieren lassen? Warum war man gegen Hitler? Ich war nicht gegen Hitler - Hitler war gegen mich.“ An dem neueren Gründervater Hitler werden sich noch viele Geister auf dem Weg zur eigenen Identität abarbeiten können.

Spannend ist es zu beobachten, in welcher Weise der Begriff „Antisemitismus“ heute politisch instrumentalisiert wird. Hitler scheint nach wie vor sehr identitätsstiftend und bewußtseinsfördernd zu sein – nicht nur für deutsche „Linke“ oder „Rechte“.
 
B.C. Mittwoch, 07.April 2010, 08:39 Uhr:
So ist er, der xberg. Lamentieren ohne in der Sache voranzukommen und mit dieser Zermürbungstaktik warten, bis er das letzte Wort hat.
 
Xberg Mittwoch, 07.April 2010, 14:15 Uhr:
So ist er/sie/es, der/die/das B.C. - "lamentieren" nicht von "argumentieren" unterscheiden können, keinen blassen Schimmer von der Sache haben, aber schon nach ein paar Sätzen, die den eigenen Horizont übersteigen, seelisch "zermürbt", gerade noch fähig zu ein paar inkompetenten Zwischenrufen. Mein Beileid!
 
B.C. Donnerstag, 08.April 2010, 13:54 Uhr:
sehr geehrtes xberg,
ihre zeilen zeugen von einer gewissen verliebtheit in die eigenen ausfuehrungen und diese sind wahrhaft nicht als unintelligent zu werten. im sinne einer evidenzbasierten argumentation verschleiern sie jedoch mehr, als dass sie faktisch preisgeben.

zurueck zu ihrer behauptung juden waeren ueberdurchschnittlich bei revolutionaeren/kommunisten/sozialisten vertreten. ausser einer buchempfehlung ist ihren zeilen faktisch nichts zu entnehmen. da hilft auch ihre naechste tatsachenbehauptung nicht weiter, der fakt waere bereits allseitig widerspruchslos anerkannt. dem widersprechen:

http://www.netzeitung.de/kultur/260503.html

Arno J. Mayer: "In mehr als einer bedeutsamen Hinsicht boten die im russischen Bürgerkrieg und in den nationalen Machtkämpfen nach dem Zusammenbruch des Zaren- und des Habsburgerreiches an Juden verübten Massenmorde einen Vorgeschmack auf die massenhafte Vernichtung von Juden im Zweiten Weltkrieg." oder "Immer wieder wurde den Juden ein Strick daraus gedreht, dass sie angeblich zu den Wortführern des sozialen und politischen Radikalismus gehörten und in ihrer nationalen Loyalität schwankten."

http://de.wikipedia.org/wiki/Jüdischer_Bolschewismus

einen belastbaren beweis duerften sie ausserstande sein zu erbringen, genauso wie mir ein belastbarer gegenbeweis misslingen muss. (wesentlich nachvollziehbarer ist wohl die annahme, dass die nsdap vergleichsweise wenig juden vereinigte) denn:

1. Welche Revolutionen, Kommunisten und Sozialisten sind einzubeziehen?

2. Wer ist Kommunist? Marx ist fuer mich einer, Stalin nicht - fuer sie wahrscheinlich doch, obwohl dieser antijuedische saeuberungen befehligt hat...

3. Wenn man fuer die zu untersuchende gesamtpopulation einen konsens finden sollte, wie liesse sich die gesamtzahl der beteiligte juden ermitteln? sind gar die fuehrungsgremien staerker zu wichten?

4. mit welcher gesamtpopulation wird verglichen? mit der weltbevoelkerung? mit der bevoelkerung einzugrenzender staaten zu einzugrenzenden zeitpunkten?

5. welcher festzusetzende grenzwert spricht fuer eine ueberdurchschnittlich hohe beteiligung der juden in der untersuchungsgruppe - einfache mehrheit innerhalb dieser gruppe, groessere beteilligung als anteilig zur gesamtbevoelkerung... (hier waere wiederum zu beruecksichtigen, dass ein grosser teil der deutschen bevoelkerung 1933 - namentlich die befuerworter des nationalsozialismus - nahezu judenfrei gewesen sein duerfte, was automatisch den anteil der juden an der restpopulation erhoeht)?

offensichtlich wird ihnen ein nachvollzihbarer beweis in ermangelung ueberhaupt einer der notwendigen zahlen nicht gelingen.
wenn man nun annimmt, sie seien ein kluger mensch, dann muesste ihnen das auch einleuchten. wenn sie nun trotzdem mit diesen behauptungen hausieren, verfolgen sie offensichtlich andere ziele.
sind sie nun ein hedonist und haben spass daran, andere mit unloesbaren aufgaben zu maltraetieren, wobei eher sadistisch hedonistische zuege zum tragen kaemen?
sind sie ein narzist und verzueckt in ihre intellektuelle penisverlaengerung?
oder sind sie gar antisemit und erpicht darauf, dem judentum alles unheil der welt in die schuhe zu schieben?
vielleicht sind sie aber einfach nur ein notorischer lamentierer? vielleicht verfuegen sie einfach nur nicht an ein gewisses mass selbsterkenntnis?

who the fuck knows. jetzt habe ich ihnen aber genug zeit gewidmet. ich geh dann mal weiter meine seelische zermuerbtheit kurieren. bin uebrigens schon ein gutes stueck drueber weggekommen.

ach ja, auch ihnen meine tiefste anteilnahme. es muss doch sehr quaelend sein, ueber einen so weiten horizont zu schauen und doch dem eigentlich wesentlichen nicht gewappnet zu sein. ihre faehigkeit bei mir eine seelische zermuerbtheit zu diagnostizieren wird sie beileibe nicht davon befreien, selber unter einer solchen zu leiden. auch aerzte werden krank. mitunter wird der facharzt gar spezialist seiner eigenen grunderkrankung...
 
Quarktasche Sonntag, 11.April 2010, 10:26 Uhr:
@Xberg

Wenn Sie den Marx nun unbedingt als Juden sehen wollen, was wären denn dann Ihre weiteren Schlußfolgerungen? Das wäre doch mal interessant...
 
B.C. Sonntag, 11.April 2010, 11:59 Uhr:
lieber xberg, ihre nuesse knack ich nicht.
 
HBB Samstag, 22.Dezember 2012, 21:11 Uhr:
Ob Marx die Kapitalisten hasste oder nicht, mehr als fest und geschrieben steht, dass der Kapitalismus und damit auch unbelehrbare Kapitalisten im "rohen Kommunismus" getötet oder zumindest wie alle anderen "Genossen" auf ein einheitliches Niveau von Basis und Überbau "gebracht" werden müssen. Denke, was du materiell bist und sei nur materiell was du denkst. Das Frageverbot besiegelt bekanntlich diese Prämisse, welche von der Unmöglichkeit politischer und auch gedanklicher, d.h. in Marx Termini "religiöser Herrschaft" ausgeht.

Wenn der Kapitalist als Typus in Reinform im Juden auftaucht, frage ich Sie Herr Brodkorb als der FdGo verpflichtetem Politiker, wie kann dann "Zur Judenfrage" NICHT Zeugnis eines krassen Antisemitismus sein, wenn doch klar ist, dass der Typ Jude aufgrund seines inneren Wesens mit der Entfremdung gleichgesetzt wird?
 

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