von Mathias Brodkorb
   

"Zur Judenfrage": War Karl Marx ein Antisemit? Teil I

Immer wird insbesondere von Rechtsextremisten - offenbar aus Motiven der Selbstentlastung - mit aller Verbissenheit über die Frage diskutiert, ob der Kommunist und "Jude" Karl Marx nicht selbst in Wahrheit ein Antisemit gewesen sei. Hauptquelle dieses Vorwurfes ist die Frühschrift "Zur Judenfrage" aus dem Jahre 1843.

Antijüdische Ressentiments haben in Europa eine lange Tradition und sind vor allem auf einen theologischen Konflikt zwischen Christentum und Judentum zurückzuführen. Diese Auseinandersetzung blieb historisch auch im weltlichen Bezirk nicht ohne Folgen, sondern führte zu zahlreichen Sondertatbeständen, mit deren Hilfe Juden diskriminiert wurden. Einen fundamentalen Einschnitt bildete hierbei die Französische Revolution des Jahres 1789, die allen Bürgern Rechtsgleichheit garantierte. Der entsprechende gesetzgeberische Akt wurde durch die Legislative im Jahre 1791 abgeschlossen und durch die Direktorialverfassung des Jahres 1795 bestätigt.

Diese Bestrebungen blieben auch in Deutschland nicht ohne Wirkung. Im Jahr 1812 stellte Preußen mit dem so genannten "Emanzipationsedikt" die in Preußen lebenden Juden preußischen Staatsbürgern gleich. Erwirkt hatte diese Regelung im Wesentlichen Freiherr Karl August von Hardenberg, der 1810 zum Staatskanzler berufen worden war. Friedrich Wilhelm III. schränkte den von seinem Staatskanzler vorgelegten Gesetzentwurf lediglich an zwei Stellen ein: bei der Zulassung zu Staatsämtern und in der Frage der Militärpflicht. In beiden Fällen wurde offengelassen, "in wie fern die Juden zu andern öffentlichen Bedienungen und Staats-Aemtern zugelassen werden können". Die Paragrafen 1 und 7 des Edikts stellten jedoch klar, dass Juden, die die im Edikt geforderten Voraussetzungen erfüllen, "für Einländer und Preußische Staatsbürger zu achten" seien und "gleiche bürgerliche Rechte und Freiheiten mit den Christen genießen". Einen herben Rückschlag mussten die Juden Preußens jedoch mit dem Amtsantritt durch Friedrich Wilhelm IV. verkraften. Als tief gläubiger Christ sah er sie nicht als Teil des preußischen Staates an, verweigerte daher mit der Kabinettsorder vom Dezember 1841 die politische Gemeinschaft von Juden und Nichtjuden und schloss Erstere dauerhaft vom Militär- und Staatsdienst aus.

Seit dieser Zeit nun und vor diesem historischen Hintergrund wird die Frage der Emanzipation der Juden als "Judenfrage" diskutiert. Im Jahre 1843 veröffentlichte der Freund und Lehrer Marxens, der Theologe Bruno Bauer, die Schrift "Die Judenfrage" und forderte dort die Emanzipation der Juden vom Judentum als Religion, bevor diese eine vollständige Emanzipation im modernen Staate beanspruchen dürften. Hierauf replizierte Marx seinerseits mit der Schrift "Zur Judenfrage" (1843) und nahm einen ganz entgegengesetzten Standpunkt ein. Er warf Bauer insbesondere vor, die Frage der politischen Emanzipation nicht von der der menschlichen zu unterscheiden: "Wenn Bauer die Juden fragt: Habt ihr von eurem Standpunkt aus das Recht, die politische Emanzipation zu begehren? so fragen wir umgekehrt: Hat der Standpunkt der politischen Emanzipation das Recht, vom Juden die Aufhebung des Judentums, vom Menschen überhaupt die Aufhebung der Religion zu verlangen?" (MEW 1/351)

Als Konsequenz dieser Argumentation forderte Marx folglich nicht von den Juden, dass diese ihren Glauben aufzugeben hätten, um vollständig emanzipiert werden zu können, sondern er verlangte umgekehrt vom Staat, dass dieser seine Bindung an eine Religion aufgeben müsse: "Die politische Emanzipation des Juden, des Christen, überhaupt des religiösen Menschen, ist die Emanzipation des Staats vom Judentum, vom Christentum, überhaupt von der Religion." (MEW 1/353) Die Frage der Religiosität soll somit aus dem Staatswesen ausgegliedert und in eine reine Privatangelegenheit verwandelt werden (Laizismus).

Für Marx ist mit dieser politischen Emanzipation allerdings die menschliche noch keineswegs vollzogen - und um genau diese geht es ihm in erster Linie. Gern wird das Werk Marxens in eine Früh- und eine Spätphase eingeteilt, die angeblich mit der Veröffentlichung des "Manifest der Kommunistischen Partei" aus dem Jahre 1848 voneinander geschieden worden sind. Tatsächlich lässt sich bei genauerer Betrachtung zeigen, dass Marx bereits in seinem angeblich rein idealistischen Frühwerk sämtliche Prämissen der materialistischen Spätphase vorformuliert hatte. So erscheint ihm bereits in "Zur Judenfrage" die Religion als Auswuchs und Reflex der materiellen Lebenswirklichkeit: "Die Religion gilt uns nicht mehr als der Grund, sondern nur noch als das Phänomen der weltlichen Beschränktkeit. Wir erklären daher die religiöse Befangenheit der freien Staatsbürger aus ihrer weltlichen Befangenheit." (MEW 1/352).

Marx muss Bauer demnach vorwerfen, dass dieser mit der Frage der politischen Emanzipation der Juden gar nicht das Kernproblem auf die Tagesordnung gesetzt hat. Mit der politischen Revolution des Bürgertums sei es vielmehr zu einer Entpolitisierung der bürgerlichen Gesellschaft und einer Transferierung des Politischen in den Staat gekommen. Seitdem erscheint der Staat als Ort des Gemeinwesens und des auf das Gemeinwohl abzielenden politischen Staatsbürgers (citoyen) und die bürgerliche Gesellschaft als der Ort des ausschließlichen Privatinteresses und damit des egoistischen Staatsbürgers (bourgeois). Indem Bauer nun diese Doppelung nicht reflektiert und vor allem nicht begreift, dass der bourgeois den citoyen penetriert und determiniert, verfehlt er nach Marxens Ansicht auch den Kern der menschlichen Emanzipation überhaupt: "Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt (...), erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht." (MEW 1/370) Bis zu diesem Schlusssatz des ersten Teils der Schrift "Zur Judenfrage" kommt Marx fast vollständig ohne Invektiven gegen das Judentum aus. Dies ändert sich jedoch im zweiten Teil deutlich, in dem Marx die Betätigungsweise des bourgeois stärker unter die Lupe nimmt.

"Zur Judenfrage": War Karl Marx ein Antisemit? Teil II

karl_marxDer zweite, nur wenige Seiten umfassende Teil von Marxens Schrift "Zur Judenfrage" aus dem Jahre 1843 hat es in sich. Auf ihn berufen sich zahlreiche Autoren, die Marx des Antisemitismus überführen wollen. Dem wenig überzeugenden Hinweis, dass Marx selbst jüdischer Abstammung war und folglich kein Antisemit gewesen sein konnte (Hirsch/Schuder 1999: 70), muss man dabei gar nicht mit dem Verweis auf einen ominösen "jüdischen Selbsthass" (Theodor Lessing) begegnen. Denn Marx mag zwar "jüdischer Abstammung" gewesen sein, mit dem Judentum verband ihn geistig und kulturell jedoch nichts.


Kommentare(10)

Harki Sonntag, 17.Januar 2010, 12:31 Uhr:
War Lenin ein Rassist? War Marx ein Antisemit?

Echt spannend.
 
B.C. Sonntag, 17.Januar 2010, 21:35 Uhr:
"Fortsetzung folgt"
Nu mach aber mal hinne ;o)

PS: Find ich ja klasse, dass Herr Brotkorb ein Thema aus der Kommentarliste aufgreift.
 
Lion Edler Montag, 18.Januar 2010, 18:13 Uhr:
Darüber gibt es nicht viel zu diskutieren. Dass Karl Murx ein Rassist und Antisemit war, ist Fakt. Konrad Löw hat dazu einiges Interessantes zusammengetragen, was zu folgendem sehr informativen FOCUS-Artikel führte:
http://www.focus.de/kultur/medien/ideologen-vieh-menschendreck_aid_183749.html

Erstaunlich, dass man darüber so tolerant hinwegblickt - ganz anders bei den Herren Arndt (siehe Universitäts-Umbenennungs-Bemühungen!) oder Stauffenberg. Vermutlich liegt es daran, dass Arndt und Stauffenberg wegen ihrer kürzeren Frisur als Karl Murx so unbeliebt sind.
 
B.C. Dienstag, 19.Januar 2010, 09:38 Uhr:
@Lion Edler
Bei Ihnen scheint auch schon einiges Fakt zu sein. Ich vermute mal, dass Sie einem Rassisten oder Antisemiten naeher stehen als Herrn Marx. Auf jeden Fall ist ihr Blick doch ziemliche begrenzt, wenn Sie etwas als Fakt ansehen und das auch dem Rest der Gesellschaft angedeihen moechten, was der ueberwiegende Teile der Historiker und auch der juedischen Vertreter anders bewertet.
Fuer mein Dafuerhalten sind auch die Aeusserungen Arndts weit eindeutiger antisemitisch angesiedelt. Aber auch hier laesst sich diskutieren. In Bezug der Namensgebung der Greifswalder Universitaet belastet ja nicht nur Arndts eigene Aeusserung, sondern die zusaetzliche Instrumentualiesierung durch die Nazis. Dafuer ist sicher nicht Arndt verantwortlich zu machen, spielt aber trotzdem bei der symbolischen Wirkung eines Universitaetsnamens eine Rolle.
Stauffenberg sticht aus Ihrem Namenskonglomerat heraus, ist dieser als frueher Nazianhaenger viel verantwortlicher an dem angerichteten Genozid. Immerhin hat er dafuer dann aber auch eine fuer ihn folgenreicheren Korrekturversuch unternommen.
 
Jürgen Schwab Dienstag, 19.Januar 2010, 16:24 Uhr:
Karl Marx war kein "Rassist", unabhängig davon, daß es sich bei "Rassismus" und "Antisemitismus" um keine eindeutigen wissenschaftlichen Begriffe, sondern um solche handelt, die der Polemik und der Diffamierung von Nationalisten dienen.
Marx wollte weder eine nationalstaatliche Ordnung, noch eine Gesellschaft, die irgendwie rassisch, völkisch von anderen Gesellschaften zu unterscheiden wäre. Marx war „Internationalist“, eigentlich Transnationalist, da er auf die Überwindung nationalstaatlicher Ordnungen abzielte (demgegenüber sind Nationalisten die eigentlichen Internationalisten, weil sie auch für die Zukunft vom internationalen Verkehr zwischen, unter bzw. „inter“ den Nationen und ihren Staaten ausgehen).
Marx kam aber – unabhängig seiner eigenen ethnischen Herkunft – als Wissenschaftler nicht umhin, bestimmten Juden ein allzu inniges Verhältnis zum Finanzkapital zu attestieren. Darauf beziehen sich auch Nationalisten, was „linke" Reformisten, die sich irrtümlich auf Marx beziehen, als unerhörte Instrumentalisierung empfinden.
 
Corry Dienstag, 19.Januar 2010, 21:18 Uhr:
Genau, und die Palästinenser sind schuld, dass Israel rassistisch sein muss, oder was.
Ich denke auch, dass Rassismus und Antisemitismus tatsächlich keine wissenschaftlichen Begriffe sind.
 
WP Mittwoch, 20.Januar 2010, 10:17 Uhr:
@Marx war „Internationalist“, eigentlich Transnationalist, da er auf die Überwindung nationalstaatlicher Ordnungen abzielte

Ja sicher, das war Stalin auch. Nebenbei war der Sowjetführer auch noch Antisemit. Marx ist somit keine Ausnahme.
 
B.C. Mittwoch, 27.Januar 2010, 20:24 Uhr:
Wann gibt es eigentlich die angesagte Fortsetzung?
 
Mathias Brodkorb Donnerstag, 28.Januar 2010, 07:57 Uhr:
sorry, sbald ich kann....
 
Egon Frisch Sonntag, 09.Dezember 2012, 17:14 Uhr:
Schon merkwürdig, daß in diesem Artikel breit über Marx geredet wird, die strittigen Marxschen Texte aber nicht zitiert werden:

[Anm.d.Red.: Einfach mal den zweiten Teil des Textes lesen, dann erübrigen sich die folgenden Ausführungen von "Egon Frisch".]

"Betrachten wir den wirklichen weltlichen Juden, nicht den Sabbatsjuden, wie Bauer es tut, sondern den Alltagsjuden.

Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden,

Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.

Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.

Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit." KArl MArx

So, jetzt kann sich jeder selbst ein Bild darüber machen, ob MArx Antisemit war, oder nicht
 

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