Zerstrittene Partei-„Kameraden“

Die nordrhein-westfälische NPD verbreitet über diverse virtuelle Kanäle Erfolgsmeldungen, ungeachtet ihres desolaten Erscheinungsbilds. Hoffnung macht man sich auf die Stadtratswahl Ende August in Dortmund, dort tritt die rechtsextreme Konkurrenz von „pro NRW“ nicht an.

Freitag, 01. Juni 2012
Tomas Sager

Im Erdgeschoss undurchsichtige Glasbausteine, in der Etage darüber zugemauerte Fenster; die beiden Türen zur Straße erfüllen längst nicht mehr den Zweck, den Türen eigentlich erfüllen sollen. Wer zur nordrhein-westfälischen NPD wollte, gelangte über den Hinterhof in das arg sanierungsbedürftige Gebäude in Wattenscheid, das von vorne fast schon bunkerähnlich wirkte. Dort residierte bisher die Landes-NPD mit ihrer Geschäftsstelle. Bis gestern mussten Büros und Materiallager geräumt sein. Der neue Besitzer will das Gebäude abreißen lassen und dort Wohnhäuser errichten.

In auffälligem Kontrast zum heruntergekommenen Zustand ihrer Geschäftsstelle verbreitete die NPD über ihre diversen virtuellen Kanäle in den letzten Tagen Erfolgsmeldungen und -ankündigungen: neue Plakate, neue Aufkleber, die bevorstehende Gründung eines Stadtverbandes in Gelsenkirchen, der Kommunalwahlkampf in Dortmund, für den der Landesvorsitzende Claus Cremer wenig überraschend, aber seine Bedeutung betonend, die „volle Unterstützung“ zusagte. Vor allem über die kleinen Dinge im Leben vermögen sich die Nationaldemokraten in NRW zu freuen: „Unsere Seite hat es geschafft die FDP-NRW bei FB locker zu überrunden. Nun greifen wir Grüne, CDU und die SPD an.“ FB steht für Facebook. Dort verbreitete die NPD ihre Meldung.

Im „Weltnetz“ aufeinander eingedroschen

Im realen, nicht-virtuellen Leben können Cremer & Co. von solchen Erfolgen nur träumen. Als am Abend des 13. Mai die Stimmen der Landtagswahl ausgezählt waren, blieben der NPD gerade einmal 0,5 Prozent. Bundesweit vorzeigbare Ergebnisse hatte der Landesverband in den mehr als viereinhalb Jahrzehnten seines Bestehens nie erzielt, doch dies war ein Tiefpunkt.

Wer geglaubt hatte, im Angesicht dieses Debakels würde die Partei enger zusammenrücken und Einigkeit demonstrieren, sah sich getäuscht. Eher im Gegenteil: Die internetaffinen „Kameraden“ und Ex-„Kameraden“ droschen im „Weltnetz“ munter aufeinander ein. Das Startsignal lieferte ein NPDler aus dem Kreisverband Unna, der den Dortmunder Vorsitzenden Matthias Wächter öffentlich zu demontieren versuchte. Wirklich überraschend kam die Attacke nicht, gehört der Kreisverband Unna doch zu den NPD-Gliederungen, die mit „parteifreien“ Neonazis, speziell „Autonomen Nationalisten“, problemlos gemeinsame Sache machen. Umgekehrt ist Wächter bei den Rechts-„Autonomen“ aus seinem Sprengel alles andere als wohlgelitten. Er habe gar „Hausverbot“ bei ihnen, wusste sein Kritiker aus Unna zu berichten.

„Kumpanei mit Geisterbahnbesatzungen“

Es folgte der Streit über Ex-Landesvorstandsmitglied Thorsten Crämer. In den letzten Jahren gehörte er zu denen, die wie der neue Parteichef Holger Apfel der NPD ein bürgerlicheres Erscheinungsbild verpassen wollten. Er hat die Partei verlassen und für Landeschef Cremer beim Abgang wenig Freundliches parat. Cremer sei mit „NS-Verrückten“ verbandelt und fahre einen „Amokkurs“. Eine „Kumpanei mit Geisterbahnbesatzungen“ werde im Landesverband „zunehmend salonfähig“. Crämer und sein Umfeld kolportieren Hinweise, dass über den Kreisverband Düsseldorf/Mettmann bislang „parteifreie“ Neonazis in die NPD „eingeschleust“ würden.

Doch Crämer selbst ist in der Szene auf doppelte Weise angreifbar. „Parteifreie“ Neonazis halten ihm vor, vor mehr als zehn Jahren mit der Polizei eilfertig kooperiert zu haben, als er wegen eines Angriffs auf die Teilnehmer einer Gedenkfeier an der KZ-Gedenkstätte Wuppertal-Kemna einsaß. Ein Vorwurf, der immer wieder hervorgeholt wird, um ihm in der Szene zu schaden. Vormalige Partei-„Freunde“ argumentieren anders, wenn es gegen Crämer geht. Angebliche Unregelmäßigkeiten in der Parteikasse führen sie gegen den Ex-Schatzmeister des Kreisverbandes Ennepe-Ruhr/Wuppertal ins Feld.

„Wer hier reinliest, weiß warum 0,5 % eigentlich noch zu viel sind“, meinte ein Kommentator in einem Internetforum der Szene, in dem die Innereien der NRW-NPD detailliert ausgebreitet wurden. Der Landesvorsitzende Cremer schweigt öffentlich zum Bild, das seine Partei abgibt. Er laviert, wie dies einst Udo Voigt auf Bundesebene vorexerzierte, ehe er am Ende als Parteichef abgelöst wurde.

„Uneingeschränktes Vertrauen“ für den Landesvorsitzenden

„Nationaler Sozialismus ist machbar“, rief Cremer einst bei Neonazi-Demonstrationen, um dann, als sich der Machtwechsel innerhalb der NPD von Voigt zu Apfel anbahnte, flugs auf dem Ticket der „seriösen Radikalität“ Marke Apfel zu segeln. Dass der in Medien als „Hitler von Köln“ apostrophierte Axel Reitz NPD-Mitglied werden konnte, verhinderte sein Landesvorstand. Doch als in diesem Jahr plötzlich eine vorgezogene Landtagswahl vor der Tür stand, suchte Cremer wieder die Nähe zu den Neonazis ohne Parteiausweis. Er war darauf angewiesen: Zu schwach ist die Partei, um im einwohnerreichsten Bundesland einen auch nur annähernd flächendeckenden Wahlkampf zu führen. Geholfen hat ihm die neuerliche Annäherung an den braunen Rand ohne Parteimitgliedschaft bei der Wahl aber letztlich nichts.

Im September steht ein Landesparteitag an, der einen neuen Vorstand zu wählen hat. Alternativen zu Cremer, dessen Tätigkeit von der Bundespartei besoldet wird, sind erstaunlicherweise trotz seiner Misserfolge (noch) nicht zu erkennen. Von Bundesorganisationsleiter Patrick Wieschke ließ sich der Amtsinhaber bei einer Sitzung des Landesvorstands am Pfingstmontag sogar noch einmal das „uneingeschränkte Vertrauen“ des Parteipräsidiums versichern.

Rückenwind erhofft sich Cremer vom Ausgang der Stadtratswahl in Dortmund, die Ende August wiederholt werden muss. Anders als bei der Landtagswahl, als „pro NRW“ dreimal so viele Stimmen wie die NPD holte, hat es seine Partei dort nicht mit Konkurrenz im extrem rechten Lager zu tun. Der örtliche NPD-Kreisvorsitzende Wächter kündigt schon einmal eine „Materialschlacht“ und einen Wahlkampf an, „wie ihn eine Großstadt in NRW von der NPD noch nie gesehen hat“. Die Räume im bunkerähnlichen Gebäude in Wattenscheid hat die NPD inzwischen verlassen müssen. Ihre Mitteilungen klingen aber immer noch so, als wären sie hinter dickem Beton verfasst.

 

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