von Oliver Cruzcampo
   

Zehnter Todestag: Mahnmal für NSU-Opfer Mehmet Turgut wird eingeweiht

Am kommenden Dienstag jährt sich die Ermordung Mehmet Turguts durch den NSU zum zehnten Mal. Die Hansestadt Rostock wird nicht nur ein Mahnmal einweihen, auch der türkische Botschafter und die Brüder Turguts werden vor Ort sein. Zusätzlich soll eine Ausstellung die Perspektive der NSU-Opfer und der Familien näher beleuchten. Auch Kritik am zögerlichen Vorgehen der Hansestadt ebbt nicht ab.

Kurz nachdem die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 Suizid begingen, wurde klar, dass der in Rostock ermordete Mehmet Turgut ebenfalls eines der insgesamt zehn NSU-Opfer war. Doch während in den anderen Städten, in denen das Terrortrio ihre Blutspur hinterließ, auf die ein oder andere Weise der Opfer gedacht wurde, suchte man in Rostock nach knapp zweieinhalb Jahren bisher vergebens nach einem offiziellen Mahnmal.

Dies soll sich am Dienstag nun ändern. Der damals 25-jährige Mehmet Turgut wurde am 25. Februar 2004 gezielt durch drei Kopfschüsse hingerichtet, verstarb Minuten später noch im Rettungswagen. Anlässlich des zehntes Todestages lädt die Hansestadt Rostock am Dienstag zur offiziellen Gedenkveranstaltung für Turgut.

Neben türkischem Botschafter auch Brüder von Mehmet Turgut erwartet

Während an den anderen Tatorten des NSU größtenteils Gedenktafeln aufgestellt wurden, entschied man sich in Rostock, zunächst eine „AG Gedenken“ ins Leben zu rufen, um über die passende Form der Erinnerung an das NSU-Opfer zu beraten. Zusätzlich wurde ein Wettbewerb ausgelobt, den schließlich der Leipziger Designer Tobias-David Albert für sich entscheiden konnte. Der Künstler entwarf zwei Betonbänke, die versetzt so ausgerichtet sind, dass das Sonnenlicht der Winterzeit um 10:20 Uhr, zur Tatzeit des Mordes, parallel zu ihnen verläuft. Zusätzlich soll in den Lehnen der Gedenktext und der erste Teil der Erklärung der Menschenrechte eingraviert werden.

Zur Einweihung des Mahnmals konnte die Hansestadt neben Barbara John, der Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, mit Hüseyin Avni Karslioglu auch den türkischen Botschafter gewinnen. Ebenso werden Mustafa und Yunus Turgut erwartet, die beiden Brüder des Ermordeten. Die Gedenkveranstaltung beginnt um 10 Uhr im Neudierkower Weg, wo der Imbissmitarbeiter vor zehn Jahren erschossen wurde.


Die Schautafeln der Wanderaustellung

Unter dem Titel „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ wurde bereits am Donnerstag die von der Rechtsextremismusexpertin Birgit Mair entworfene Wanderausstellung im Rostocker Rathaus eröffnet. Die von der Heinrich-Böll-Stiftung koordinierte Ausstellung zeigt auf insgesamt 22 Tafeln vor allem die Biographien der zehn NSU-Opfer – auch Familienangehörige kommen darin zu Wort. Zudem wird die Neonaziszene der 1990er Jahre beleuchtet, sowie die Hilfeleistungen an den NSU-Kern aus einem neonazistischen Netzwerk. Noch bis zum 12. März kann die Ausstellung, die erstmals in einer ostdeutschen Stadt gezeigt wird, im Rathaus besucht werden; auch Führungen sind möglich.

„Ein langwieriger demokratischer Prozess“

Besonders der große zeitliche Abstand zwischen der Aufdeckung der Mordserie und der offiziellen Einweihung eines Mahnmals wurden seitens etlicher Initiative und Organisationen immer wieder kritisiert. „Das ist so klassisch: Aus Angst, etwas Falsches zu tun, tut man lange nichts und damit automatisch das Falsche“, sagt Gudrun Heinrich, Leiterin der Arbeitsstelle für Politische Bildung an der Universität Rostock. Die Stadt hält dagegen, dass unterschiedlichen Gruppierungen und Interessenvertretungen beteiligt gewesen seien und es so zu einer Verzögerung kam. „Was nach außen wie Passivität wirkt, ist also tatsächlich ein langwieriger demokratischer Prozess“, wird in einem Artikel des „Art Magazins“ entgegnet, der sich detailliert mit den verschiedenen Entwürfen für den Gedenkort auseinandersetzt.

Neben der städtischen Gedenkveranstaltung lädt eine Initiative namens „Mord verjährt nicht“ zu Pressegesprächen und einer Veranstaltung am Vorabend im Peter-Weiss-Haus. Der Fokus soll dort „auf dem zögerlichem Agieren der Stadt, den rassistischen Ausfällen in der Debatte aber auch der unzureichenden Interventionen antirassistischer - und antifaschistischer Akteure“ liegen.  

Keine Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen