von Tim Schulz
   

Zehntausende protestieren in Berlin gegen AfD

Zu einer Großdemonstration rief die AfD heute ihre Anhänger nach Berlin. Man wollte die Stadt im Blau der Partei färben, so der wortgewaltige Aufruf. Erreicht haben die Rechtspopulisten das Gegenteil: Maximal 5.000 Parteigänger folgten der Einladung, während sich die 13 Gegendemonstrationen mit zehntausenden Besuchern zu einem Großevent entwickelten. Bleibt offen, ob dies zwangsläufig eine Niederlage für die AfD bedeutet, schließlich steht sie einmal mehr im Mittelpunkt der Medien.

Quer durch das Regierungsviertel verlief die kurze Marschroute der AfD-Anhänger. Einige tausend Mitglieder und Sympathisanten, die aus dem gesamten Bundesgebiet anreisten, darunter viele Mitglieder der Jugendorganisation der Partei, konnten die Organisatoren mobilisieren. Auch Publikum aus dem neurechten Dunstkreis der AfD beteiligte sich an der Demo: So mobilisierten die Führungskader von Pegida ihrerseits nach Berlin, mehrere bekannte Aktivisten der Identitären Bewegung mischten sich unter die zumeist älteren Demonstrationsteilnehmer und – wie zu erwarten war – ließ sich auch Verschwörungsfanatiker Sven Liebich diese mediale Plattform nicht entgehen. Für den Bezug zum „christlichen Abendland“ sorgte Hubertus Groppe, ein mutmaßlicher Hochstapler, der als Priester auftrat; die Befürworter der „Volksbewaffnung“ vertrat Carolin Matthie, die als „Aushängeschild der deutschen Waffenlobby“ gilt.

AfD-Demo Berlin & GegenprotesteFotogalerie der heutigen AfD-Demo und der zahlreichen Gegenveranstaltungen

Viel Neues brachte der „Tag der Abrechnung“, wie die Organisatoren um Guido Reil und Steffen Königer die Veranstaltung mitunter betitelten, inhaltlich aber nicht. Alexander Gauland etwa echauffierte sich über die, die dieses Land nicht lieben und verändern würden und Beatrix von Storch sieht in alttestamentarischer Manier eine „Herrschaft des Bösen“ in Form der vermeintlichen Islamisierung. Mit dem Rundumschlag gegen die politischen Gegner, die Parteien und „Multikulti“ verbindet sich ein pathetischer Nationalismus. Die Reden passen in das Konzept der Partei, das vor allem auf Provokation setzt.

Maximale Aufmerksamkeit

Aus der geplanten Großdemonstration der AfD wurde schließlich eine Großdemonstration gegen die AfD. Trotz einer aufwendigen Werbekampagne, die bis zur geplanten Verteilung von Demogeld ausuferte und Ankündigungen prominenter Funktionäre, zog die Partei lediglich den harten Kern der eigenen Gefolgschaft an. Ein Ziel haben die Organisatoren im Bundesvorstand aber trotz dessen erreicht: Sie konnten bereits im Vorfeld die Aufmerksamkeit der Medien auf sich lenken. So sorgte die überzogene Teilnehmerzahl von 10.000, die das Orga-Team publik machte, für Aufregung. Schnell war die Rede vom „größten rechten Aufmarsch in Berlin seit dem Nationalsozialismus“, Leitmedien sprangen auf das Thema an.

Zudem hat die Demonstration auch eine entsprechende Innenwirkung: Ihren Anhängern kann die Parteiführung Einigkeit demonstrieren, indem wirtschaftsliberale Konservative einträchtig neben völkischen „Sozialpatrioten“ auftreten. Die Partei kann sich trotz dutzender Parlamentsmandate als bürgernahe Graswurzelbewegung darstellen. Und die Teilnehmer selber können sich in ihrem „Wir“ gegen „Die da oben“ bestärken.

Loveparade-Feeling, Kunstdemo und Spree-Regatta

Die Berliner setzten derweil ein deutliches Zeichen gegen die Inbeschlagnahme ihrer Stadt. Diverse kreative Protestaktionen zogen tausende Menschen an. Ein Bündnis aus Berliner Clubs organisierte mehrere Rave-Züge, die unter dem Motto „AfD wegbassen“ Assoziationen an die „Loveparade“ weckten. Kulturschaffende organisierten eine künstlerischen Demonstration, eine Gruppe migrantischer Aktivisten sprach über persönliche Erfahrungen mit Rassismus. Andere befuhren mit selbstgebauten Booten einen Teil der Spree und beschallten den vorbeiziehenden AfD-Zug mit Musik und Megaphonen. Insgesamt gingen bei der Berliner Versammlungsbehörde 13 Anmeldungen ein.

 

Obwohl schon im Vorfeld ein reger Gegenprotest erwartet wurde, übertraf dessen Ausmaß alle Erwartungen: Mit mindestens 25.000 Teilnehmern laut Berliner Polizei – Schätzungen seitens der Veranstalter betragen fast das dreifache dessen – waren die AfD-Anhänger ihren Gegnern zahlenmäßig weit unterlegen. Auf einen Unterstützer der rechtspopulistischen Partei kamen so mindestens fünf Gegendemonstranten. Deren Endkundgebung war so regelrecht eingekesselt durch Teilnehmer der Gegenproteste und wurde durch Techno-Musik und Sprechchöre beschallt.Während der Rede Alexander Gaulands stieg zudem einer der Protestierenden auf den Lautsprechermast vor der AfD-Bühne und zog dem AfD-Co-Vorsitzenden wortwörtlich den Stecker. Gaulands Rede war kurzzeitig kaum zu verstehen.

 

 

Kommentare(2)

Irmela Mensah-Schramm Montag, 28.Mai 2018, 03:48 Uhr:
Wie immer bei diesen Gegendemos agieren Polizisten in der Regel mit Falschbehauptungen, bz,.w. falschen Anschuldigungen, was letztendlich auch eine Straftat darstellt!
Zu behaupten, ich hätte mich dem "Platzverweis widersetzt" ist absolut unwahr (gelogen!) und iin keiner Weise mit dem brutalen nachfolgenden körperlichen Übergriff durch Anlegen von Handschellen, und Gefangennahme bis 17.00 Uhr am 27. Mai !
Ich hatte zuvor mit einem polizeilichen Antikonfliktteam vereinbart, dass ich ein wenig weiter entfernt vor Ort bis 12.15 dort stehen dürfe. Was ich auch dem mich estnehmenden agressiven Polizisten mehrfach gesagt habe, was sie aber bewußt ignorierten.

So fragt sich, weshalb bereits um 11.50 Uhr - vor der von der AfD angemeldeten Hetz-Veranstaltung diese idiotische Maßnahme gegen mich erfolgt ist ?

Wieder einmal hat sich Berlin gewaltig blamiert!

 
Janina Montag, 28.Mai 2018, 14:33 Uhr:
Liebe Irmela, ich habe mich sehr erschrocken, als ich das Foto sah, und hoffe, Sie waren nicht lange in Gewahrsam, und es geht Ihnen gut!

 

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