Würdigung eines bekennenden Antidemokraten

Die „Junge Freiheit“ huldigt Ernst Jünger und schweigt zu seiner Republikfeindlichkeit.

Donnerstag, 02. April 2020
Armin Pfahl-Traughber

Ihr alle kennt die wilde Schwermut ...‘ ‚... die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift‘: Zu seinem 125. Geburtstag gedenken wir des Jahrhundertautors Ernst Jünger.“ Die „Junge Freiheit“ (JF) brachte diesen Text gleich auf der Titelseite Ende März (Nr. 14), versehen mit einem großen Foto des Schriftstellers. Angekündigt werden mehrere Beiträge gleich auf drei Seiten. Die Formulierung macht bereits deutlich, dass es sich hier um keine differenzierten oder gar kritischen Kommentierungen handeln dürfte. Und in den folgenden Artikeln findet dann tatsächlich eine Bejubelung von Ernst Jünger, der eben als „Jahrhundertautor“ gehuldigt wird, statt.

Aus strategischem Kalkül oder innerer Überzeugung gewandelt?

Ingo Langner fragt nach den Gründen für die Konversion zur katholischen Kirche, Thorsten Thaler behandelt den passionierten Leser, Karlheinz Weißmann erinnert an das Buch „Der Waldgang“ von 1951 und Heimo Schwilk dokumentiert Auszüge aus seinen Tagebüchern über Begegnungen mit Ernst Jünger. Warum ist aber diese Berichterstattung für eine Einschätzung der „Jungen Freiheit“ interessant? Dazu muss daran erinnert werden, dass die „Junge Freiheit“ sich noch in den 1990er Jahren selbst als eine „Konservative Revolution“ bezeichnete. Damit berief man sich auf eine geistige Strömung der Weimarer Republik, welche von Denkern wie Edgar Julius Jung, Arthur Moeller van den Bruck, Carl Schmitt oder Oswald Spengler geprägt war. Gemeinsam propagierten diese Autoren eine antirepublikanische Gesinnung. Sie kritisierten nicht nur bestehende Missstände, sondern forderten eine Systemalternative. Damit sollte eine erneute „Inachtsetzung“ verloren gegangener Werte erfolgen. In der politischen Konsequenz hätte dies bedeutet, dass eine cäsaristische Diktatur die Weimarer Republik ablöste.

Die Begeisterung für diese Denker führte unter anderem dazu, dass die „Junge Freiheit“ als rechtsextremistisches Publikationsorgan eingeschätzt wurde. Ab Beginn der 2000er Jahre schwand dann die erklärte Berufung auf die „Konservative Revolution“, wenngleich es immer wieder inhaltliche Rekurse insbesondere auf Carl Schmitt gab. Angesichts dieser Entwicklung kam die Frage auf: Hat sich die „Junge Freiheit“ aus strategischem Kalkül oder innerer Überzeugung gewandelt? Auch ansonsten war eine gewisse Mäßigung durchaus erkennbar. Dies gilt ebenso für die aktuelle Kommentierung, die auf den AfD-internen Konflikt bezogen ist. Man formulierte durchaus kritische Aussagen zu Björn Höcke, der mit seinem Gehabe ein wichtiges Projekt gefährde. Indessen dominierten bei derartigen Bekundungen nicht die inhaltlichen, sondern strategischen Einwände. Und diese Beobachtung lässt den Eindruck aufkommen, dass es eher um die Konsequenz einer „Mimikry“-Strategie (Karlheinz Weißmann) geht. Demnach sollte man sich um einer beabsichtigten öffentlichen Breitenwirkung in politisch ungünstigen Rahmenbedingungen willen um eine formal gemäßigte Wirkung bemühen.

Ausgeprägter Nationalismus mit „Volksgemeinschafts“-Vorstellungen

Bestärkt wurde und wird ein solcher Eindruck dadurch, dass eine inhaltlich kritische Auseinandersetzung mit den genannten Denkern nicht erfolgte. Insofern war und ist kein inhaltlicher Lernprozess im demokratischen Sinne feststellbar. Und genau dies lässt sich auch anhand der Artikel zu Ernst Jünger konstatieren, ignoriert man doch nahezu komplett dessen politische Seite. Damit dieser Einwand nachvollzogen werden kann, bedarf es dazu einiger Erläuterungen: Jünger wird auch der „Konservativen Revolution“ zugerechnet, aber dort eher den Nationalrevolutionären. Eine antidemokratische und nationalistische Grundeinstellung zog sich durch seine Publikationen in der Weimarer Republik. Deutlich bekannte er: „Ich hasse die Demokratie wie die Pest.“ Die Gesellschaft sollte durch eine Militarisierung hin zum Totalitarismus umstrukturiert werden. Ein ausgeprägter Nationalismus mit „Volksgemeinschafts“-Vorstellungen galt ihm als anzustrebendes Weltbild. Demgegenüber wandte sich Jünger mit aggressiven Kommentaren gegen demokratische Wertvorstellungen, wozu für ihn Gleichheit, Humanismus und Rationalismus zählten. Er sprach von kriegerischem und lebensbejahendem Denken, das gegen materialistisches und mechanisches Denken gestellt werden solle.

Derartige Auffassungen lassen ideologische Nähen zum Nationalsozialismus erkennen. Jünger hatte schon früh eine politische Nähe gesucht, trat aber nie der NSDAP bei und engagierte sich auch nicht in deren Vorfeldorganisationen. Er lehnte auch einen rassistischen Antisemitismus ab, trat aber für eine politische Judenfeindlichkeit ein. Er huldigte einem „Blut“-Gedanken, negierte jedoch einen vulgären Rassismus. Die hauptsächliche Differenz bestand indessen in strategischer Hinsicht, wollte Jünger doch den Legalismus der NSDAP nicht mittragen und forderte stattdessen einen revolutionären Weg. Dieser sollte, folgt man den Ausführungen in „Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt“ von 1932, in einem diktatorischen System münden. Auch wenn Jünger somit kein Nationalsozialist war, so machte ihn sein Engagement in diesem Sinne zu einem ideologischen Wegbereiter. Nach 1945 distanzierte Jünger sich nie von diesen Positionen. Warum er dann das Bundesverdienstkreuz (1959) und den Goethepreis (1982) als angeblich brillanter Schriftsteller erhielt, ist aus demokratietheoretischer Blickrichtung nicht nachvollziehbar.

Antihumanistische Denkweisen werden nicht thematisiert

Was bedeutet nun diese ideologische Ausrichtung des so huldvoll Geehrten für die „Junge Freiheit“. Gerade die komplette Ignoranz dieser politischen Sachverhalte ist interessant. Denn hier wird ein bekennender Antidemokrat und Nationalist aufgrund seiner ästhetischen Qualitäten gewürdigt. Doch kann man die eine Dimension von der anderen Dimension trennen? In der Berichterstattung der „Jungen Freiheit“ wird es noch nicht einmal gemacht, thematisiert man doch die antihumanistischen Denkweisen von Jünger gar nicht. Seine politische Dimension wird nur von Weißmann angedeutet. Er nennt ihn „den Abenteurer, den Krieger, den Dandy, später den Anarchen“. Die letzt genannte Formulierung lässt ihn gar als verqueren Linken erscheinen. Eine kritische Auseinandersetzung mit Jünger würde hier anders aussehen. Damit wird auch die Differenz von einem demokratischem und extremistischem Konservativismus deutlich. Die erst genannte Ausrichtung würde Jünger kritisch sehen, die letzt genannte Ausrichtung schweigt oder stimmt zu.

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