von Thomas Witzgall
   

Worms: Kaum Teilnehmer und Blockade

Seit 2009 gingen Neonazis unter dem Slogan „Tag der deutschen Zukunft“ (TddZ) in verschiedenen Städten auf die Straße. Mit der Kampagne soll jetzt Schluss sein. Zum Abschluss in Worms kamen nur etwa 50 Interessierte, die Route, die wegen diversen Blockaden gelaufen werden konnte, war nur wenige hundert Meter lang.

Mehr als 60 Teilnehmer machten sich nicht auf den Weg nach Worms, Fotos: Thomas Witzgall

Der „Tag der deutschen Zukunft“ dürfte einst einer der wichtigsten Termine im Demo-Kalender der neonazistischen Szene gewesen sein, der rein vom Thema bestimmt war und nicht wie die Demonstrationen am 1. Mai oder zur „Dresden-Kampagne“ an einem historischen Ereignis hing. Der Höhepunkt war wohl die Demonstration 2016 in Dortmund, als etwa 900 Neonazis auf die Straßen gingen.

In den Jahren davor und danach erreichte das Event immer dreistellige Teilnehmerzahlen. Der letztjährige TddZ in Chemnitz mit 270 Demonstrierenden galt angesichts des Ortes als schlecht besucht. Getragen wurde die Kampagne besonders von der neonazistischen Szene im Ruhrgebiet, einigen Gruppen aus Südwest- und Ostdeutschland. Vertreten waren aktionistische Teile der Rechten und der NPD. Der Dritte Weg beteiligte sich dagegen so gut wie nie an den Versammlungen.

Vermummung behördlich vorgeschrieben - Kundgebung unter Corona-Bedingungen

Lange Zeit stand die Durchführung der Demonstration auf der Kippe. Die Stadt Worms hatte mit Blick auf Corona die Versammlung untersagt. Erst am Freitagvormittag, nachdem das Verbot sowohl vom Verwaltungsgericht Mainz als auch dem Oberverwaltungsgericht Koblenz gekippt worden war, erließen die Behörden beschränkende Auflagen. Die gerichtliche Auseinandersetzung war allerdings nicht ausschlaggebend für die geringe Beteiligung. Neonazis sind solche „Rechtskämpfe“ aus der Vergangenheit durchaus gewohnt mit dem verbundenen Warten auf eine finale gerichtliche Entscheidung. Zudem hatte sich besonders die Dortmunder Neonazi-Szene, die bei vergangenen TddZ-Veranstaltungen personell stark vertreten war, nicht an der Mobilisierung beteiligt.

2020-06-06 tddz WormsWeitere Fotos auf Flickr

Corona-bedingt gab es einige Änderungen zu den gewohnten Auflagen. Es dürfte eine der ersten neonazistischen Demonstrationen gewesen sein, bei der die Vermummung der Teilnehmer – sprich die bekannte Mund-Nase-Bedeckung – behördlich vorgeschrieben war. Neben der normalen Wirtschaft haben sich auch Szeneläden längst auf die mögliche Nachfrage nach Masken eingestellt und so nutzten einige Teilnehmer die Gelegenheit für zusätzliche Botschaften wie Aufdrucke in Schwarz-weiß-rot, mit Reichsadler oder in einem Fall einem Hitler-Smiley.

Alle Teilnehmer mussten sich zur potentiellen Nachverfolgung etwaig auftretender Corona-Fälle bei der Versammlungsleitung registrieren. Das galt auch für die Gegendemonstranten und ihre Kundgebungen. Alle Teilnehmer sollten auch bei der Demonstration einen Abstand von zwei Metern zur nächsten Person einhalten. Das Mikro musste vor jedem Redner neu desinfiziert werden.

Erfolgreiche Blockaden

Bereits während der Auftaktkundgebung am Bahnhof wurden die Rechtsextremisten von zwei Seiten mit lauter Musik und später auch Glockengeläut vom Band beschallt. Den enttäuschenden Verlauf – aus Sicht der Neonazis – machten dann auch noch erfolgreiche Blockaden der Gegendemonstranten perfekt. Nach nur 250 Metern Strecke durch die Renzstraße stoppte Worch den eigenen Demonstrationszug und quälte sich mit einigen Mühen auf das Dach des mitgeführten Lautsprecherfahrzeugs. Mit Fernglas spähte er den Verlauf der Straße hinunter, wohl um sich selbst ein Bild von den Blockaden zu machen. Er könne dort nichts erkennen, was aus seiner Sicht nicht von Polizeikräften zu räumen gewesen wäre, raunte er sinngemäß zu seinen Mitstreitern.

Nacheinander bestiegen er, Markus Walter und der spätere Redner Benjamin Gärtner noch die mittlerweile aufgebaute Leiter und versuchten über Kamerabilder mehr zu erkennen. Der vorher noch entschlossen wirkende Worch und der Rest der Verantwortlichen gaben klein bei und akzeptierten die verbliebene Restroute, die die Neonazis über eine Parallelstraße schnurstracks zurück zum Bahnhof brachte.

Dort war es dann an dem vorbestraften Altkader Dieter Riefling, die letzte Rede im Rahmen eines „Tag der deutschen Zukunft“ zu halten. Die rechte Szene ist selten darum verlegen, fehlende Mobilisierungskraft mit verbaler Großmannsucht auszugleichen. So auch bei Riefling. Die „nationale Opposition“ hätte es mit dem Format geschafft, sich „in einer lebensbejahenden Kampagne zu vereinen.“ Zu Beginn hatte bereits Markus Walter erklärt, die Demo sei das „Sprachrohr der Rest-Deutschen“. Ein Hintertürchen ließ Riefling dann doch offen, indem er erklärte, der TddZ finde „vorerst“ nicht mehr statt.

Mit dem formalen Ende der Kampagne entfiel auch das übliche Ritual, zum Schluss der Versammlung den Austragungsort des nächsten Jahres zu verkünden und an die dortigen Organisatoren eine Art Staffelstab weiterzureichen.

Wie schlecht die Mobilisierung zum letzten TddZ tatsächlich war, zeigte sich auch daran, dass der Dritte Weg zu einer kurzfristigen in Kaiserlautern am heutigen Sonntag mit gemeldeten 60 Teilnehmern mehr Kräfte versammeln konnte.

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