von Mathias Brodkorb
   

Wolfgang Wippermann: "Die Singularität von Auschwitz ist ein unhaltbares Dogma" - Teil 2

Der renommierte linke Kritiker von Totalitarismus- und Extremismustheorien, Wolfgang Wippermann, ist ein Schüler Ernst Noltes und zugleich einer seiner größten Kritiker. Im Gespräch mit Mathias Brodkorb bezeichnet er die These von der Singularität des Vernichtungslagers Auschwitz, um die sich der "Historikerstreit" des Jahres 1986 drehte, dennoch als ein "unhaltbares Dogma". Das Interview ist ein Abdruck aus dem Band "Singuläres Auschwitz".

Brodkorb: Aber Nolte hat doch in seinen Texten die Singularität von Auschwitz immer wieder hervorgehoben und nicht bestritten, in eben denselben Worten wie Sie?

Wippermann: Das hat er nicht.

Brodkorb: Hat er doch, schon in seinem FAZ-Artikel (... zeigt Wippermann die entsprechende Passage).4

Wippermann: (lacht) Ja, Sie sind gut! Da macht Nolte zwar die qualitative Unterscheidung zwischen dem Rassenmord und dem Klassenmord, hebt sie aber wenig später mit der Theorie vom kausalen Nexus wieder auf.

Brodkorb: Aber das sind doch zwei ganz verschiedene Dinge, erstens die Frage, ob Auschwitz singulär sei und zweitens, warum.

Wippermann: Ja sicher, aber auf die These vom kausalen Nexus kommt es mir ja gerade an. Damit hat Nolte die Totalitarismustheorie letztlich wiederbelebt. Was die Singularität von Auschwitz angeht, die ist ein Dogma, ein unhaltbares Dogma. Ich habe in einem Vortrag in Yad Vashem selbst einmal darauf hingewiesen, dass der Genozid an den Juden nicht singulär war. Sie müssen zum Beispiel auch den Völkermord der Nazis an den Roma in den Blick nehmen oder vielleicht auch den an den Armeniern. Hieraus folgt auch keine Verharmlosung, denn ein Völkermord und noch ein Völkermord sind nicht null Völkermorde, sondern zwei Völkermorde.

Brodkorb: Das ist natürlich jetzt komisch: Sie sind ein scharfer Kritiker Noltes, vertreten aber – auf der abstrakten Ebene – wie er die These, dass Auschwitz nicht singulär sei; wobei man der Fairness halber sagen muss, dass Nolte der These massiv widersprechen würde, dass er die Singularität von Auschwitz bestritten hätte. Das ist aber genau jener Punkt, der Nolte von Jürgen Habermas damals in erster Linie zum Vorwurf gemacht wurde.

Wippermann: Aber Sie finden doch in der Geschichtswissenschaft heute keinen ernsthaften Denker mehr, der am Singularitätsdogma festhält.

Brodkorb: Nicht?

Wippermann: Nein, natürlich nicht und in dieser Hinsicht hat Nolte auch gewonnen. Allerdings geht sein Sieg so weit, dass inzwischen auch munter Adolf Hitler mit Erich Honecker verglichen wird, was natürlich grotesk ist und gar nicht geht. Aber wenn Sie sich wie ich mit der Genozidforschung beschäftigen, können Sie nicht weiter am Singularitätsdogma festhalten. Das Dritte Reich war ein Rassenstaat, der einen Rassenkrieg geführt hat. Wir, die Deutschen, wollten zwei Völker auslöschen: die Juden und die Roma. Das ist sozusagen eine doppelte Schuld, die wir auf uns geladen haben. Der Mord an den Juden war nicht der einzige Völkermord der Nazis. Das kann man nicht einfach ignorieren.

Brodkorb: Was sagen Sie eigentlich zu Noltes Kernthese, dass die Nazis in erster Linie Antibolschewisten bzw. Antimarxisten waren?

Wippermann: Der Faschismus kann nicht auf ein „Anti“ reduziert werden. Faschisten waren Antibolschewisten ebenso wie Antisemiten bzw. Rassisten.

Brodkorb: Das ist ja klar, aber in welchem Bedingungsverhältnis stehen diese Ideologieelemente zueinander. Was war historisch dominant, zum Beispiel bei Hitler?

Wippermann: Das halte ich für schwierig zu sagen. Man kann Hitler jedenfalls nicht auf eines dieser Elemente reduzieren, sie umfassen beide für sich betrachtet nicht das Ganze.

Brodkorb: Wenn man Ihnen so beim Sprechen zuhört und Ihre Texte liest, kann schon der Eindruck entstehen, dass sehr viele Werturteile, auch politische Werturteile in ihre Analysen eingehen. Inwieweit bestimmen diese politischen Momente auch ihr Selbstverständnis als Wissenschaftler?

Wippermann: An dieser Stelle bekommen Sie mich immer. Ich bin 1945 geboren, mein Vater war Hauptsturmführer der Waffen-SS – wie das immer so ist bei alten Antifaschisten, die haben häufig eine faschistische Vergangenheit. Ich weiß bis heute nicht, ob mein Vater ein Massenmörder war. Ich bin im Prinzip auch ein Nationalist. Ich frage mich immer: Warum ausgerechnet mein Volk? Außerdem bin ich Christ, Protestant. Das ist mein Standpunkt und prägt meine Perspektive und insofern ist das alles natürlich auch eine furchtbar moralisch überladene Geschichte. Ich halte dabei die moralischen und politischen Urteile auch nicht aus der Wissenschaft heraus. Ich stehe dazu und versuche die Dinge zu reflektieren. Das Gegenteil wäre ein naiver Glaube an den Historismus.

Brodkorb: Wie würden Sie eigentlich Ihr methodisches Selbstverständnis beschreiben?

Wippermann: Ich finde ganz passend, wie meine Schüler dies in einer Festschrift formuliert haben: „Ideengeschichte als politische Aufklärung“5. Ich hatte so viele Themen, das werden jetzt immer mehr. Ich habe gerade ein Buch über Preußen geschrieben, über Fundamentalismus usw. Ich will mich da nicht auf den Nationalsozialismus festlegen, das wäre ja furchtbar.

Brodkorb: Ich meinte jetzt nicht die Themen, sondern die Methoden. Wo würden Sie sich zwischen Sozialgeschichte und Historismus einordnen?

Wippermann: Naja, eben Ideengeschichte oder Ideologiegeschichte mit aufklärerischem Anspruch. Sie würden vielleicht sagen: mit geschichtspolitischer Tendenz. Das sozialgeschichtliche Dogma, den Ansatz der Sozialgeschichtler teile ich nicht. Man kann nicht alles sozialgeschichtlich erklären, vor allem den Faschismus nicht. Der Faschismus ist, darin folge ich ganz Nolte, vor allem ein ideologisches Problem.

Brodkorb: Also haben die Ideen einen Vorrang vor den gesellschaftlichen Verhältnissen? Das würde immerhin zu Ihrem aufklärerischen Impetus passen.

Wippermann: Tja, was heißt schon „Vorrang“? Es kommt eben immer auf den konkreten Fall an.

Brodkorb: Ihr methodisches Verständnis kommt mir reichlich, sagen wir, „pragmatisch“ vor. Ich würde aber gerne noch einmal auf Ihre Kritik des „Singularitätsdogmas“ zurückkommen. Verblieben Sie am Ende nicht doch innerhalb des Singularitätsparadigmas? Sie lösen zwar die Singularität auf Seiten der Opfer auf, aber nicht auf Seiten der Täter. Die Verbrechen der Nazis wären immer noch singulär, nur dass diese Verbrechen von qualitativ neuer Dimension nach Ihrer Meinung nicht nur an den Juden, sondern auch an den Roma verübt wurden. Spannend wird es ja erst so richtig, wenn man auch den Kreis der singulären Täter verlässt. Sie sprachen selbst die Armenier an. Müsste man den Völkermord an den Armeniern qualitativ auf eine Stufe stellen mit den Genoziden an den Juden und Roma?

Wippermann: Da ist etwas dran, aber da müsste man dann ganz stringent und theoretisch von der Genozidtheorie ausgehen und sie anwenden. Da blieben dann aber immer noch Probleme.

Brodkorb: Herr Wippermann, ich muss etwas unhöflich werden: Weichen Sie einer konkreten Antwort aus? Das alles erinnert mich etwas an den „schwebenden Stil“.

Wippermann: Ja, das ist richtig, aber das ist gar nicht unhöflich. Das ist ja alles auch nicht so einfach. Wenn man also die Genozidforschung anwendet und im Fall der Armenier feststellt, dass dort durchaus auf Totalität abgestellt wurde und auch rassistische Motive im Spiel waren, dann könnte man das qualitativ entsprechend einordnen.

Brodkorb: Ich bin geneigt, Ihre Antwort als ein klares „Ja“ zu interpretieren.

Wippermann: Das könnte man so sagen.

Brodkorb: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Fußnoten

4 Es geht um die Sätze: „Erst in diesem Rahmen würde ganz deutlich werden, daß sich trotz aller Vergleichbarkeit die biologischen Vernichtungsaktionen des Nationalsozialismus qualitativ von der sozialen Vernichtung unterschieden, die der Bolschewismus vornahm. Aber so wenig wie ein Mord, und gar ein Massenmord, durch einen anderen Mord ‚gerechtfertigt‘ werden kann, so gründlich führt doch eine Einstellung in die Irre, die nur auf den einen Mord und den einen Massenmord hinblickt und den anderen nicht zur Kenntnis nehmen will, obwohl ein kausaler Nexus wahrscheinlich ist.“ (Ernst Nolte, Vergangenheit, die nicht vergehen will, in: „Historikerstreit“, 3. Auflage, München 1987, S. 39-47, hier S. 46.)
5 Stefan Vogt/Ulrich Herbeck/Ruth Kinet/Susanne Pocai/Bernard Wiaderny (Herausgeber), Ideengeschichte als politische Aufklärung: Festschrift für Wolfgang Wippermann zum 65. Geburtstag, Berlin 2010.


Mathias Brodkorb (Hrsg.):
Singuläres Auschwitz?
Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre „Historikerstreit“
(Adebor Verlag)
ISBN: 978-3-9809375-9-7
Paperback ca. 180 S. - 19,0 x 12,0 cm
Preis: 14,90 Euro






Foto: Screenshot YouTube

Kommentare(13)

MaRo Mittwoch, 13.Juli 2011, 07:58 Uhr:
Das Interview ist in der Tat sehr spannend, allerdings weniger wegen der Nolte-Anekdoten und -Einschätzungen denn als ein Zeitdoukment über Denken und Werdegang der Generation Wippermanns.

Denn in einem muss man Wippermann tatsächlich rechtgeben: er ist offenkundig ein knallharter Nationalist, nur eben einer mit negativen Vorzeichen.

Wenn ich Sätze lese wie "Wir, die Deutschen, wollten zwei Völker auslöschen: die Juden und die Roma. Das ist sozusagen eine doppelte Schuld, die wir auf uns geladen haben" dreht sich mir als Kantianer wirklich der Magen um.

Durch dieser pseudometaphysischen bzw. pseduoreligiösen Konstruktion einer gleichsam auf einem Volk oder einer Nation lastenden "Erbschuld" wird mit einem Satz die gesamte Grundlage dessen weggewischt, was rationales Denken im Bereich des Praktischen ausmacht: nämlich die alleine persönliche Verantwortung und Zurechenbarkeit von Handlungen.

Schuldig werden können nur Individuen, weil nur Individuen ein Bewußtsein ihrer selbst und damit die Fähigkeit haben, sich an moralischen Normen zu orientieren.
"Schuldig" zu sein bedeutet dann, bewußt einer Pflicht nicht zu entsprechen, die ein Mensch als Mensch einem anderen Menschen gegenüber hat. Das können "Völker" oder "Nationen" aber nicht, weil sie keine selbstbewußten Wesenheiten sind.

Das Prädikat "Schuld" von Völkern oder Nationen auszusagen, ist daher erst einmal ein schlichter Kategorienfehler.

Wie kommt jemand nun aber zu einem solchen Kategorienfehler. Offensichtlich ist das nur möglich durch eine Hypostasierung von "Völkern" und "Nationen" zu einer Art Supersubjekt, in dem gegenüber man als Einzelner nur akzidentell ist, wenn man diesem Volk denn nur qua Geburt oder Geschichte angehört.
Genau das ist aber die Grundprämisse des Nationalismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Wippermann - und mit ihm die ganzen "Antideutschen" - scheinen diese Grundprämisse vollständig verinnerlicht zu haben.
Er hat mithin offensichtlich den gesamten Nationalismus seines Waffen-SS-Vaters inhaltlich 1:1 übernommen und lediglich das Vorzeichen von Plus auf eind deutliches Minus geändert: et voilà die antideutsche Ideologie.

Hinzukommt dann auch noch der protestantische Hintergrund, der sich in der "deutschen Erbschuld" als säkularisierter und zugleich nationalisierter Variante der guten alten christlichen Erbsünde niederschlägt.

Ich habe mich (als jemand, dessen Familie aus dem katholischen Arbeitermilieu kommt) immer gefragt, wie eigentlich der bürgerlich-protestantische Nationalismus des frühen 20. Jahrhunderts mit lediglich umgekehrten Vorzeichen derart massiv in die deutsche Linke einwandern konnte, dass er heute praktische alle weiteren Inhalte dieser Linken verdrängt hat.

Die geistige Biographie Wippermanns gibt mir immerhin darauf eine frappierende Antwort.

Es wird dringend Zeit, dass die deutsche Linke sich endlich von diesem Denken befreit. Viel Hoffnung habe ich indes nicht.
 
bernardo Mittwoch, 13.Juli 2011, 08:14 Uhr:
"Wir, die Deutschen, wollten zwei Völker auslöschen: die Juden und die Roma."

Wissenschaftlicher Standard?

Fehlanzeige!

"Wir" wollten gar nichts dieser Art. Daß es in der deutschen Bevölkerung eine Mehrheit oder auch nur eine signifikante Minderheit gegeben hätte, die einen Völkermord gefordert oder gebilligt hätte, wird durch alle empirischen Daten widerlegt.

Sehen Sie, Herr Brodkorb, es gibt die von Ihnen proklamierten Standards wissenschaftlicher Arbeit in der Praxis einfach nicht und das nicht nur bei Habermas.
 
Mathias Brodkorb Mittwoch, 13.Juli 2011, 08:47 Uhr:
@MaRo: Für so kluge Kommentare hätten Sie eigentlich ein Honorar verdient, danke dafür.
 
RoMa Mittwoch, 13.Juli 2011, 10:29 Uhr:
@ Mathias Brodkorb: Für das Angebot sollten Sie zum "Honorar"-Konsul ernannt werden! Bekomme ich jetzt auch Geld?
 
MaRo Mittwoch, 13.Juli 2011, 11:23 Uhr:
@ Mathias Brodkorb: Vielen Dank für das Kompliment, das ich gerne zurückgebe.
Ihre Beiträge sind immer wieder intellektuelle Höhepunkte.

RoMa hat übrigens mit mir nichts zu tun.
 
Daniel D. Mittwoch, 13.Juli 2011, 12:32 Uhr:
@MaRo und M. Brodkorb

Ich kenne Hr. Wippermann aus Seminaren und Vorlesungen. Ich teile viele seiner Ansichten nicht und oft nervt seine apodiktische Art, aber in der Beziehung sind andere, inkl. Hr. Brodkorb, auch nicht viel besser. Alles in allem ist er ein witziger und hilfsbereiter Professor, deshalb will ich ihn hier vor Ihren Vorwürfen in Schutz nehmen.
Sätze wie: "Wir, die Deutschen, wollten zwei Völker auslöschen: die Juden und die Roma. Das ist sozusagen eine doppelte Schuld, die wir auf uns geladen haben", sollen Menschen, die in ihrer Zugehörigkeit zur Nation Halt und Stärke suchen, und davon gibt es in Deutschland nicht wenige, darin erinnern, dass diese Bezugnahme nicht unproblematisch ist und möglicherweise für Irritationen sorgen könnte. Daraus abzuleiten, dass Wippermann der Kollektivschuld-These anhänge und ein negativer Nationalist sei, ist mehr als abstrus. Es waren übrigens deutsch-jüdische Intellektuelle wie Adorno, Horkheimer und Arendt, die ein kritisch-reflexives Verhältnis zur Nation und Trauerarbeit forderten und nicht "nationalmasochistische" Deutsche.
Es ist auch verkürzt Wippermann mit den "Antideutschen" zu identifizieren. Zugegeben, er teilt einige ihrer Glaubenssätze. Allein seine Ablehnung der Singularitätsthese, die er als "Dogma" bezeichnet, hebt ihm deutlich von den "Antideutschen" ab.
Dieses oberflächliche Linken-Bashing ist inzwischen zu einer Art Volkssport geworden. Ärgerlich ist, dass diese sich "undogmatisch" wähnenden "Kritiker" keine Ahnung von linker Theorie und Praxis haben, sich nur billig auf den Rücken Anderer zu profilieren suchen oder ihre Wendung nach Rechts zum Ereignis von weltgeschichtlicher Relevanz hochspielen.
Deshalb: Wann kommt endlich "Die Methode Brodkorb" auf den Markt? (Wie heißt so schön: Kritik und ...)
 
Mathias Brodkorb Mittwoch, 13.Juli 2011, 14:15 Uhr:
@Daniel D: warum denn auf einmal so unsachlich? Haben Sie doch gar nicht nötig.
 
Atze Mittwoch, 13.Juli 2011, 15:15 Uhr:
Hallo MaRo, bernardo,

mal überlegen, 45 endete die 12-jährige Herrschaft des "Tausendjährigen Reiches" (ja, ja, dieser manische Hang zum Größenwahn der deutschen Rechten...), das war ...ehm ... vor 66 Jahren. Eingedenk der durchschnittlichen Lebenserwartung muss man doch nun wirklich keine so besonders große Leuchte sein, um dem "wir" der Wippermannschen Interviewäußerung eine metaphorische Bedeutung beizumessen, statt sie in einer öden und billigen Manier zu einer Tatsachenaussage über die aktuelle Wirklichkeit zurechtzubiegen.
Vergegenwärtigt man sich diese verschissene 3-Äffchen "Aufarbeitung" der NS-Vergangenheit in Nachkriegsdeutschland, so ist dieses "wir" als Durchrüttlung für formierte und normierte Vergesslichkeit phasenweise durchaus angebracht gewesen.

Und bernardo, klar hat Adi keine Volksabstimmung über das Abschlachten der Juden, der Roma, der politischen Opposition, der Schwulen, der sowjetischen Kriegsgefangenen, der polnischen Intelligenz oder der slawischen Untermenschen abhalten lassen. Allerdings wäre ich doch sehr vorsichtig, über deren Ausgang zu spekulieren. Der Forschungsstand zum Denunziantenwesen der VolksgenossInnen würde mich da doch eher pessimistisch stimmen...
 
Xberg Mittwoch, 13.Juli 2011, 15:57 Uhr:
"Daraus abzuleiten, dass Wippermann der Kollektivschuld-These anhänge und ein negativer Nationalist sei, ist mehr als abstrus."

Begründung?

Man kann übrigens auch in einem negativen Verhältnis zur Nation "Halt und Stärke" suchen und finden, heute wohl mehr und verbreiterter als andersrum.

"Es waren übrigens deutsch-jüdische Intellektuelle wie Adorno, Horkheimer und Arendt, die ein kritisch-reflexives Verhältnis zur Nation und Trauerarbeit forderten und nicht "nationalmasochistische" Deutsche."

Und der Punkt daran ist? Außerdem stimmt das so nicht. Was ist mit Walter Jens, Günter Grass, Alexander Mitscherlich, Erich Kuby, Jürgen Habermas, Wolfgang Koeppen, Martin Niemoeller, Karl Jaspers, Wolfgang Staudte etc. etc. etc. (nur um den Einwand vorwegzunehmen: diese Herren sind durchaus nicht pauschal als "Nationalmasochisten" abzustempeln.)
 
Sickingen Mittwoch, 13.Juli 2011, 17:05 Uhr:
@ Mathias Brodkorb

Ist es möglich, dass Sie einmal ganz präzise definieren, was Sie unter Singularität verstehen?
Was Nolte darunter versteht weiß ich. Was die Einzigartigkeit des Völkermords an den Juden ausmacht, verdeutlicht Nolte ebenso.
Nun, was verstehen Sie ganz konkret darunter? Und, warum haben Sie Wippermann nicht ganz konkret danach gefragt?
 
Karl_Murx Mittwoch, 13.Juli 2011, 17:29 Uhr:
@Mathias Brodkorb:
"@Daniel D: warum denn auf einmal so unsachlich? Haben Sie doch gar nicht nötig."

Ich fürchte, Herr Brodkorb, angesichts der argumentativen Situation von Daniel D. hat er es mehr als nötig.

@Daniel D.:
"Sätze wie: "Wir, die Deutschen, wollten zwei Völker auslöschen: die Juden und die Roma. Das ist sozusagen eine doppelte Schuld, die wir auf uns geladen haben", sollen Menschen, die in ihrer Zugehörigkeit zur Nation Halt und Stärke suchen, und davon gibt es in Deutschland nicht wenige, darin erinnern, dass diese Bezugnahme nicht unproblematisch ist und möglicherweise für Irritationen sorgen könnte."

Ich würde sagen, mit solchen Sätze nimmt Wippermann die Deutschen, und das vollkommen ohne deren Mandat, in Kollektivhaftung für die Verbrechen des NS-Regimes. Abgesehen von der moralischen Verwerflichkeit dieser Behauptung: Es ist ahistorisch, pauschal diffamierend und verunglimpfend gegenüber den Deutschen als Volk. Das Prinzip der Erbschuld wird hier gepflegt, angesichts des Umstandes, daß inzwischen mindestens 90 % der heute lebenden autochthonen Deutschen nach dieser Zeit geboren wurden oder sich damals im Kindesalter befanden, objektiv also weder Schuld noch Verantwortung tragen können.

Der Popanz namens deutscher Nationalismus sowie der Horror vor dem Begriff Nation überhaupt lassen nicht erkennen, daß Daniel D. vom realen Leben hierzulande und von den tatsächlichen existierenden Deutschen aus Fleisch und Blut ausgeht. Die Nation an sich ist weder schlecht noch böse, sondern lediglich ein bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungsstand bzw. allgemein gesagt eine Organisationsform des Zusammenlebens einer großen Gruppe von Menschen auf der Basis eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls, die auf einer gemeinsamen Geschichte, gemeinsamen Werten und Normen, meist einer gemeinsamen Sprache und einer gleich Ethnie wie auch gemeinsamen Mythen und einer gemeinsamen Kultur beruhen. Auch wenn Daniel D. das zu einem Reizbegriff hochstilisieren will: Auf dieser Ebene des Zusammenlebens identifizieren sich immer noch die allermeisten Menschen auf der Basis ihrer Nation. So sehen sich in Frankreich die Menschen zuallererst als Franzosen, in Italien als Italiener, in Polen als Polen usw. Das betrifft auch überzeugte Europäer in diesen Länder.

Auch sind die Nationen heute und noch für sehr lange Zeit, möglicherweise für immer, die Hauptquelle aller wirtschaftlichen, fiskalischen, politischen und militärischen Vorgänge. Supranationale Organisationen wie die UNO oder die EU haben nur insofern relevanten Einfluß, inwieweit sie ihnen von den Einzelstaaten gewährt werden.

Angesichts dieses Umstandes kann man die Ausführung von Daniel D. lediglich als Versuch betrachten, den durch Leute wie Wippermann in ahistorisch-ideologischer Weise negativ besetzten Begriff der Nation durch eine bewußt gesetzte Assoziationskette mit Nationalismus zu identifizieren. Angesichts der eigenen, konsequent negativen Sicht auf die eigene deutsche Geschichte ist das nur folgerichtig. Nichtdestoweniger bleibt es ahistorisch und geschichtsklitternd.
 
Daniel D. Mittwoch, 13.Juli 2011, 19:33 Uhr:
@Xberg

Aus einer Bemerkung von Wippermann seinen theoretischen Standpunkt ableiten zu wollen, ist tendenziös und bestenfalls eine Projektionsleistung, die Aufschluss über MaRos Vorurteile gegenüber Linken gibt.
Um ein Missverständnis zu vermeiden: Die Kollektivschuldthese hatte durchaus ihre Berechtigung. Sie entspringt der Opferperspektive und kann angesichts der massenhaften Zustimmung für das NS-Regimes und dem fanatischen Widerstand gegen die Alliierten Plausibilität für sich beanspruchen. Trotzdem reicht sie nicht aus, die verbrecherische Dimension des NS zu erklären. Ein Satz genügt jedenfalls nicht, um Wippermanns Meinung zu diesem Thema zu erfahren und Wippermann ist weit davon entfernt einem "Nationalismus mit lediglich umgekehrten Vorzeichen" das Wort zu reden.
Du schreibst:
"Man kann übrigens auch in einem negativen Verhältnis zur Nation "Halt und Stärke" suchen und finden, heute wohl mehr und verbreiterter als andersrum."
Interessante Beobachtung. Kannst du das näher erläutern? Und auf was willst du mit deiner Aufzählung von Intellektuellen hinaus, die ein kritisches Verhältnis zur deutschen Nation pflegen? Ich habe meinen Punkt dies bezüglich klar gemacht.
 
bernardo Donnerstag, 14.Juli 2011, 08:58 Uhr:
@Atze

Sie machen mir wirklich nicht den Eindruck, als hätten Sie einen Schimmer von "Forschungsstand". In der Regel bieten Sie hier lediglich eine Satire von Klischees, gelernt im realsozialistischen Kindergarten und tradiert bei den Möchtegernintellektuellen von der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Aber machen Sie gern einen Versuch. Wie isser denn so, Ihr "Forschungsstand"? Und, ach ja: Täten Sie vorher noch mal überlegen, was angebliches Denunziantentum mit dem imaginierten Wippermanschen "Wir" des Volkswillens zu tun hat?

Natürlich nur, falls es Sie nicht überfordert.
 

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