von Mathias Brodkorb
   

„Wir und die anderen" - Versuch eines Berichts zum Berliner Kolleg des IfS vom 12. Juli 2008

Um an den Kollegs und Akademien des neurechten „Institut für Staatspolitik“ (IfS) teilnehmen zu dürfen, muss man aus besonderem Holze geschnitzt sein. Sonst bleibt einem der Zutritt verwehrt. Dies musste jüngst auch die „Zeit“-Journalistin Marie von Mallinckrodt erfahren.


Die wurde vom IfS-Geschäftsführer Götz Kubitschek zwar zunächst akkreditiert, jedoch nach Aussage der Journalistin schließlich zu einem falschen Veranstaltungsort gelotst. Er hätte, so Kubitschek, nämlich „nochmals selbst“ recherchiert und dann entschieden, die Journalistin doch nicht zuzulassen. Da ist es dann fast schon wieder unterhaltsam, dass sich mutmaßlich Albert von Königsloew (Blaue Narzisse) in Kubitscheks Blog über einen „Provokation“ aus dem Jahre 2007, erfahren. In der Ausgabe 23 der „Sezession“ hat er überdies noch einmal alles Wichtige in einem kleinen Aufsatz zur Selbstverortung unter dem Titel „Unser Standpunkt – winterlicher Nachtrag zu einem sommerlichen Aufruf“ zusammen gefasst, der zugleich ein Kondensat der Gedanken Karlheinz Weißmanns darstellt, die man jedoch seinem Buch Ethnopluralist ganz und gar nicht abgesehen. Für ihn wohnt der „Frage nach Identität zwangsläufig eine soziale Dimension inne.“ (63) Da Menschen, hierin schließt sich Alain de Benoist der kommunitaristischen Tradition an, immer schon ohne freie Wahl bestimmten Kollektiven angehörten, könne ihre Identität keine individuelle creatio ex nihilo sein. Identität schließt damit den Anderen immer mit ein und ist auf dessen Anerkennung angewiesen. „Daraus folgt, und zwar in ein und demselben Gedankengang, daß man die Bindungen anderer nicht respektieren kann, solange man nicht die eigenen annimmt – und daß man die eigenen nur annehmen kann, wenn man die des anderen respektiert.“ (66) Diese ethnopluralistische Welt ist so rührend und so falsch wie die Behauptung, in einer Demokratie müsse es auch eine politische Rechte geben – sonst sei sie keine Demokratie. Die Demokratie erfordert, um Demokratie zu sein, nicht die empirische Existenz, sondern die Möglichkeit einer demokratischen Rechten – und einer demokratischen Linken ebenfalls. Möglichkeit und Wirklichkeit sind jedoch einfach nicht dieselben ontischen Aggregatzustände.

Und zur eigenen Identität kann es auch gehören, den Anderen abzulehnen und vernichten zu wollen, zumal sich der Andere auch noch in den anderen Selben und den Fremden teilt. So ist es auch nicht überzeugend, wenn Alain de Benoist behauptet, Robinson hätte erst mit dem Erscheinen Freitags überhaupt eine Identität erhalten. Der Mensch bedarf genetisch als ein soziales Vernunftwesen zum Zwecke des ursprünglichen Erwerbs von Identität des Mitmenschen, nicht jedoch, da sie eben im Kopf stattfindet, zu deren Aufrechterhaltung. Der Andere ist nur als Vorgestellter Bedingung der eigenen Identität. Alain de Benoist setzt damit das zu Beweisende in seinem "Beweis" bereits als gegeben voraus.

Darauf, dass Identität im Denken vonstatten geht, weist er übrigens selbst hin, wenn er von nationaler Identität als eines bloßen „Mythos“ (34), also einer imaginierten Kopfgeburt spricht. Für den Zusammenhalt eines Gemeinwesens scheint ihm der Geltungsgrund des Mythos, an den alle glauben, jedoch zweitrangig. Allein der kollektive Glaube verleihe ihm bereits Realität: „Zwar stimmt es, daß niemand als autochthon gelten kann, sofern man nur weit genug in der Geschichte zurückgeht. Nichtsdestotrotz kann die Überzeugung, autochthon zu sein oder nicht, das Bewusstsein strukturieren und das Verhalten bestimmen.“ (34) So wird der politische Organismus in eine Kaste der Mythos-Priester und eine Kaste derjenigen eingeteilt, die tatsächlich an ihn glauben. Rechte Identitätssuche im Rahmen der „Nation“ blamiert sich so vor ihrer eigenen Rationalisierung und unterliegt damit denselben Schwierigkeiten wie der nüchterne „Verfassungspatriotismus“. Sie entledigt sich - wie der moderne Merkantilismus der Globalisierung - selbst des von Alain de Benoist geschätzten "Imaginären" und degradiert sich somit zu einer bloßen Herrschaftstechnik ohne politischen Eros.

So ist es nur folgerichtig und konsequent, wenn der französische Vordenker der Neuen Rechten gegen den identitären „Essentialismus“ (92) wettert, den er gar eine „Pathologie“ nennt. Gemeint ist damit ein Identitätsverständnis, das sich nach Ewigkeit sehnt. „Identität“ ist für Alain de Benoist nicht gleichbedeutend mit Stillstand, sondern vielmehr mit der Möglichkeit zur Umbildung: „Identität ist nicht das, was sich niemals verändert, sondern im Gegenteil das, was uns ermöglicht, uns ständig zu verändern, ohne daß wir jemals aufhörten, wir selber zu sein.“ (69) Er attackiert damit de facto jene Rechten, die identitäre Gruppen als ethnisch abgeschlossene, hermetisch abgeschirmte Kollektive beschreiben. Er hingegen setzt dem Konzept der unwandelbaren Essenz das der „Substanz“ als einer dynamischen Realität entgegen (68). Indem Alain de Benoist außerdem darauf hinweist, dass das Wesen des Menschen nicht biologisch, sondern kulturell bestimmt sei und er außerhalb seiner „sozio-historischen Existenz“ (96) über keine essentielle Realität verfüge, formuliert er einen Text mit geradezu anti-ethnischer und anti-rassistischer Sprengkraft. Denn wenn sich die Identitäten im Bereich des Kulturellen herausbilden und die Menschen in ihrer Kulturfähigkeit einander prinzipiell gleich sind (38ff), lassen sich völkisch-nationale Identitäten schlicht nicht mehr begründen. Und so verwundert es auch nicht, wenn der Franzose, wie schon seit Jahren, den Nationalismus als „Wir-Kult“ und damit als bloße Erweiterung des liberalen Ich-Kultes attackiert (88).

Getroffen von dieser Kritik dürfte nun, wenn man es konsequent zu Ende denkt, ausgerechnet der Einlader selbst sein. Denn Kubitschek wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass der derzeitige Zustand der Republik den „deutschen Menschen“ verfehle und die Rettung der „deutschen Substanz“ die Aufgabe der Zukunft sei: „Wir treten mit dem Vorsatz an, die Substanz unserer Nation zu retten und ihr die Möglichkeit zu bewahren, wieder zu sich selbst zu gelangen und als die Mitte Europas auszustrahlen.“ (Sezession 23/32) Was Kubitschek hier mit „Substanz“ bezeichnet - daran kann kein ernsthafter Zweifel bestehen -, ist aber gerade das, was Alain de Benoist als „Essenz“ für pathologisch erklärt hatte. Kubitscheks „Substanz“ soll eine untergründige, im profanen Sinne metaphysische Quelle deutscher Identität darstellen, die unter der merkantilen Oberfläche des Gegenwartsmenschen noch immer freigelegt werden kann – also eingeschlossen vorhanden ist.

IfS-Cheftheoretiker Karlheinz Weißmann sekundierte, wenn man der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Der rechte Rand“ (113/08) Glauben schenken darf, beim Frankfurter Kolleg dieser Position, indem er der Verkündigung des Endes der Nation durch Frank Lisson pathetisch entgegen hielt: „1.000 Jahre Nationalgeschichte sind nicht auszuradieren, (...) ich verstehe mich als Repräsentant des ewigen Deutschland.“ (3) Wenn man dabei vergegenwärtigt, dass Kubitschek wie Weißmann als Verehrer des Hitler-Attentäters des 20. Juli 1944, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, gelten, können einem die Worte des George-Schülers Hellingrath in den Sinn kommen: „Ich nenne uns ‚Volk Hölderlins’, weil es zutiefst im deutschen Wesen liegt, daß sein innerster Glutkern unendlich weit unter der Schlackenkruste, die seine Oberfläche ist, nur in einem geheimen Deutschland zutage tritt“. Hierzu jedoch stellt der französische Vordenker der Neuen Rechten unmissverständlich fest: „Eine ‚unterirdische’ Dublette gibt es nicht, doch ein Neuorientierung ist jederzeit möglich. Nicht um eine Rückkehr zu den Ursprüngen geht es hier, sondern um eine Bezugnahme auf sie – was etwas völlig anderes ist.“ (91) „Bezugnahme“ jedoch kennt keine ethnische Einschränkung, Kubitscheks „Substanz“ schon.

Alain de Benoists allein schon deshalb lesenswertes Buch weist jedoch zwei fundamentale Schwächen auf. Obwohl es sich ganz um das Thema „Identität“ dreht, gelingt es ihm nicht, Begriff und Struktur von Identität präzise auszuleuchten. Festzustellen, dass sie das sei, was individuelle Selbstübereinstimmung im Wandel gewährleiste, ist wirklich nicht sehr erhellend. Interessiert fragt man sich, welche Kriterien Identität in menschlichen Gesellschaften strukturell erfüllen muss, um ihrer sinnstiftenden Funktion gerecht werden zu können. Hieraus hätte man nicht nur schlussfolgern können, welche kollektiven Ideengebilde geeignet sind, eine Gesellschaft jenseits der Konsumenten-Demokratie zusammen zu halten, sondern auch, welche Rolle das Thema der Identität im Rahmen einer politischen Anthropologie spielen müsste, wenn sie mehr sein soll als eine entmystifizierte politische Herrschaftstechnik.

Schwerwiegender als dieser Einwand ist Alain de Benoists erkenntnistheoretische Oberflächlichkeit. Spielerisch beruft er sich auf die kulturalistischen Traditionen des Kommunitarismus und der Sprachphilosophien des 20. Jahrhunderts, um ihre beinharten Konsequenzen dutzende Seiten später ebenso leichtfüßig zu ignorieren. Es ist nicht widerspruchsfrei möglich, einem kulturalistischen Kontextualismus zu huldigen, der zwingend dazu führt, dass nur innerhalb eines gewissen Horizontes Standpunkte überhaupt sinnvoll bezogen werden können (38f), um wenig später die Segnungen der Fähigkeit zur „hermeneutischen Reflexion“ (72) zu lobpreisen und den interkulturellen Dialog (96f) zu beschwören. Auch ein Alain de Benoist muss sich also entscheiden: Entweder er gibt seine postmoderne Kritik am theoretischen Universalismus auf und findet so eine theoretische Basis, die transkulturellen Austausch und ein Verstehen des Anderen in der Tat ermöglicht. Oder er beharrt weiterhin auf den Traditionen des kulturalistischen Paradigmas, das die Menschen zu unfreien Transmissionsriemen der geschichtlichen Traditionen degradiert und sie in kulturelle Gefängnisse einsperrt. Diese Form von „Ethnopluralismus“ fände ihre zivilste Realisierungsform im verständnislosen Anstaunen des Anderen, ihre schlimmste in einer kulturalistischen, nicht-biologistischen Form des Ethnozentrismus. Tertium non datur.


benoist-die-anderen.jpgAlain de Benoist
Wir und die anderen
(Aus d. Franz. v. Lührmann, Silke)
Edition Junge Freiheit
129 Seiten, Leinen
ISBN: 978-3-929886-32-0, 19,80 Euro




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