von Olaf Sundermeyer
   

„Wir russische Hooligans sind rechtsradikal“

Im russischen Club-Fußball sind viele Fans gewaltbereit und rassistisch. Aber erst jetzt als Russland den Zuschlag für die WM 2018 erhalten hat, interessiert sich Europa für die Nazihooligans aus der Premjer-Liga. Olaf Sundermeyer hat in der vergangenen Saison zwei von ihnen in Moskau getroffen.

Sergej will trinken, Bier mit einem Deutschen. „Denn die Arier sind ja unsere Freunde.“ Nach dem ersten Schluck lacht er betont laut, aber das stört hier unten in der Kellerkneipe im Moskauer Stadtzentrum niemanden. Auf einem Bildschirm läuft ein Eishockeyspiel von Spartak Moskau, die Lautsprecher sind voll aufgedreht. Wer interessiert sich da schon für drei biertrinkende Männer? Auf das Interview lässt Sergej sich nur ein, weil er etwas über deutsche Hooligans erfahren möchte, und darüber, wie so die Regeln in der Bundesliga sind. „Stimmt es, dass man mit einer Jacke der Marke Thor Steinar dort nicht ins Stadion kommt?“, will er wissen. Ja, das stimmt, weil das die bevorzugte Marke von Neonazis ist, die in Bundesligastadien unerwünscht sind. Thor Steinar ist in der gesamten rechten Fußballszene Osteuropas beliebt, von Bratislava bis hierher. Auch in Moskau steht die Marke aus Brandenburg als politisches Statement. „Wir hier sind alle rechtsradikal“, sagt Sergejs Freund, der nicht mal seinen Vornamen nennen will.

Vor zwei Wochen nun waren rund 5.000 Fußballanhänger und Nationalisten auf den Manegeplatz in Sichtweise des Kreml gezogen, um gegen die Ermordung eines Fans von Spartak Moskau durch einen jungen Mann aus dem Nordkaukasus zu protestieren. Aus der Demonstration wurde bald eine „nationalistische Hassveranstaltung“, berichteten Beobachter. Die Menge skandierte „Russland den Russen, Moskau den Moskauern“, zahlreiche Teilnehmer zeigten den Hitler-Gruß. Anschließend wurde in den Metrostationen Jagd auf Menschen zentralasiatischen Aussehens gemacht. Dabei wurde ein Kirgise durch einen Messerstich getötet. Überall in Russland kommt es in diesen Tagen zu Auseinandersetzungen zwischen kaukasisch-stämmigen und russischen Jugendlichen, die sich oftmals aus dem Umfeld von Fußballclubs rekrutieren.

So wie diese beiden, die gemeinsam drei Tage lang überlegt haben, ob sie dieses Gespräch führen wollen. „Bei euch ist die Presse ja, sagen wir, speziell, weil die immer alles genau wissen will. So ist das doch bei euch Demokraten, oder? Für die zwei Hooligans von Dynamo Moskau ist Demokratie ein Schimpfwort. Über das Internet haben sie Kontakt mit Hooligans zu anderen Dynamo-Clubs aufgebaut, auch in Deutschland – zum Berliner FC Dynamo und Dynamo Dresden.

Wie Dynamo Dresden der Volkspolizei der DDR zugeordnet war, der BFC Dynamo bis zur Wende der Staatssicherheit, so war Dynamo Moskau dem sowjetischen Geheimdienst KGB untergeordnet. Auf diese Tradition sind die beiden stolz. "Demnach sollten wir auch mit Dynamo Kiew zusammengehen, aber zuletzt hat die Ukraine ihren Respekt vor Russland verloren", sagt Sergej. Ihr Club ist ihnen wichtig, noch wichtiger ist Russland, sind die Weißen hier. „Fußball ist ein weißer Sport, nur für die weiße Rasse. Da haben die Schwarzärsche nichts zu suchen. Deshalb kommen die nicht in unsere Stadien.“ Tatsächlich trifft man in den ohnehin spärlich besuchten Stadien der russischen Premjer-Liga kaum auf Angehörige jener Minderheiten, die Sergej rassistisch als „Schwarzärsche“ diffamiert. Sergej sieht es so: Usbekistan den Usbeken, Tadschikistan den Tadschiken – und Russland den Russen, die er über ihre ethnische Herkunft bestimmt.

„Rassenvermischung führt doch nur zum Chaos. Deshalb stinkt es mir auch, dass hier ein Schwarzer mein Bier gezapft hat. Die sind dreckig, und haben hier nichts zu suchen.“ Wie Sergej und sein Freund denken viele junge Fußballfans in Russland. Widerstand kennen sie einzig von ihren Opfern, oder von der gefürchteten Sonderpolizei Omon, die bei Ausschreitungen rund um den Fußball ihrerseits mit Gewalt reagiert. „Wir sind in Russland. Da gibt es keine Antifa. In ganz Moskau gibt es bloß ein paar Dutzend von denen. Die haben sich zusammengeschlossen, und wir kennen sie alle. Im Stadion würden wir sie sofort erkennen. Da ist es für sie zu gefährlich“, sagt Sergej, der sich nicht als Anhänger einer politischen Minderheit sieht. Neonazis in Deutschland sehen sich dagegen als Kämpfer gegen das System der Mehrheitsgesellschaft, als nationaler Widerstand. Das ist in Russland anders. „Die allermeisten jungen Leute sind national, so wie wir. Im Fußball ist das die normale Haltung, nicht bloß bei den Hooligans, die alle rechtsradikal sind.“

1.500 Hooligans gibt es allein in Moskau, verteilt auf die Hauptstadtclubs. Dynamo hat 150 aktive Hooligans, die meisten gäbe es bei Spartak – 500. Der Club, für den der Mainzer Malik Fatih zuletzt gespielt hat, bevor er zurück in die Bundesliga wechselte. Vor allem die Spartak-Hooligans stehen in dem Ruf, sich als Schläger aus dem Milieu von organisierter Kriminalität und Politik anheuern zu lassen. Und immer wieder kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Fanlagern: Im vergangenen Jahr wurden beim Spiel zwischen Spartak und dem Spitzenclub Zenit aus dem verhassten St. Petersburg bei Ausschreitungen 700 Anhänger festgenommen. Nach der Niederlage Russlands bei der WM 2002 gegen Japan verwüsten Hooligans die Moskauer Innenstadt, zwei Menschen werden dabei getötet. Und vor dem Qualifikationsspiel Russland gegen England für die EM 2008 kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen russischen und englischen Anhängern in der Moskauer Innenstadt. Auch die beiden Hooligans von Dynamo Moskau waren dabei. „Wir sind als Scouts durch die Stadt gezogen, und haben Engländer auf der Straße und in Bars angesprochen, die genauso aussahen wie wir.“ Sergej trägt Jeans, eine hüftlange Sportjacke, dazu Segelschuhe – und ein Basecap. „Grundsätzlich muss jeder, der nach Russland kommt, auf einen Angriff vorbereitet sein.“ Sie sind heiß darauf, sich mit anderen Hooligans aus Europa zu messen.

Bis vor einigen Wochen noch herrschte im russischen Fußballverband die Enttäuschung (RFS) vor, dass die EM 2012 in Polen und der Ukraine stattfinden wird. Nachbarländer, denen man sich überlegen fühlt. Nun, seit dem Zuschlag für die WM 2018 ist die Stimmung euphorisch. Alle drei Länder haben jeweils ein massives Sicherheitsproblem, vor allem mit den eigenen Anhängern. Während Polen sich nunmehr vor allem Rat in Deutschland holt, beim DFB und bei den Fanprojekten der Clubs, und die Ukraine damit zwangsläufig an europäische Verhältnisse mit heran geführt wird, kennt der russische Fußball nur die Repression. Fanbetreuer gibt es keine. Auch Sergej lacht über die Vorstellung, dass er sich mit einem Sozialarbeiter auseinandersetzen sollte.

Inzwischen heißt der beste Stürmer seines Clubs Kevin Kuranyi, der im Sommer von Schalke 04, einem Verein, der sich stets zu seiner antirassistischen Tradition bekennt, zu Dynamo Moskau gewechselt ist. „Stadionkomfort und Fanbetreuung stecken noch in den Kinderschuhen“, merkte Kuranyi jüngst mit Blick auf das Umfeld der Premjer-Liga an. Das ist eine diplomatische Umschreibung dessen, was die gewaltbereiten Anhänger seines Vereins berichten.

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