„Wir müssen die besseren Faschisten sein" - Rechtes Politmagazin „Zuerst!" bittet Kommunarden Langhans zum Gespräch

Jede Zeitung ist auf interessante Gesprächspartner angewiesen. Für publizistische Parias gilt dies um so mehr. Die Wochenzeitung „Junge Freiheit" (JF) kann ein Lied davon singen, geht es ihr doch selten nur um den Inhalt, sondern immer auch um die symbolische Dimension. Ganz ähnlich agiert das Konkurrenzmagazin „Zuerst!". Ihr gelang es, Rainer Langhans zu interviewen - neben Rudi Dutschke sicher eine der einflussreichsten und schillerndsten Persönlichkeiten der 68er-Bewegung.

Mittwoch, 31. März 2010
Mathias Brodkorb
„Wir müssen die besseren Faschisten sein" - Rechtes Politmagazin „Zuerst!" bittet Kommunarden Langhans zum Gespräch
Der Chefinterviewer der JF heißt Moritz Schwarz. In jeder Ausgabe ist es seine Aufgabe, Interviewpartner zu gewinnen, die gerne auch den eigenen politischen Horizont überschreiten dürfen. Dabei geht es Schwarz und der JF nicht allein um interessante Geschichten: Mindestens genauso wichtig scheint es Gesprächspartner zu finden, denen nicht der Geruch des Extremen anhaftet. Der Rechtsextremismusexperte Helmut Lölhöffel spricht daher von der „Interview-Falle", in die die Gesprächspartner der JF bisweilen tappten. Es ginge ihr darum, sich so ein „reputierliches, honoriges Image zuzulegen".

Der Moritz Schwarz von „Zuerst!" heißt Manuel Ochsenreiter. Ochsenreiter war selbst Mitarbeiter der JF und wechselte als Chefredakteur zur „Deutschen Militärzeitschrift" (DMZ) aus dem Hause Munier, das „Zuerst!" ebenfalls verlegt. In jeder der bisherigen Ausgaben war Ochsenreiter mit einer großen Reportage über Persönlichkeiten des rechten Milieus vertreten. Mit der April-Ausgabe gelangen der Redaktion gleich mehrere „Coups": ein Interview mit dem iranischen Botschafter Ali Reza Sheikh Attar, eines mit dem letzten DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel, ein Gespräch mit dem „Tatort"-Kommissar und Bundespräsidentenkandidaten der Linken, Peter Sodann, sowie eine Reportage Ochsenreiters über den Alt-68er und Ex-Kommunarden Rainer Langhans.

Langhans wurde in der BRD vor allem als Mitbegründer der „Kommune 1" bekannt, in der mittels freier Liebe das „Lustprinzip als Lebenseinstellung" kultiviert werden sollte. Noch heute lebt er in einem „Harem" mit fünf Frauen. Langhans ging und geht es dabei um einen „neuen Menschen": „Wir standen und stehen unter dem Eindruck des Massenmordes des Zweiten Weltkrieges. Unsere Analyse - die ich heute noch für richtig halte - sagte uns: Wir müssen die Strukturen, die dazu führen, daß Menschen gewalttätig und kriegerisch werden, verlassen und etwas Besseres in uns entdecken."

Umso größer war daher wohl die Überraschung, als Langhans in einem taz-Interview des Jahres 1989 munter über den Nationalsozialismus philosophierte: „Spiritualität in Deutschland heißt Hitler. (...) Wir haben keine Chance: Wir müssen dieses Erbe von unseren Eltern übernehmen (...) im Sinne einer Weiterentwicklung dessen, was da von Hitler versucht wurde." Diese Sätze Langhans' führte vor mehr als 20 Jahren zu einem regelrechten Aufschrei unter Deutschlands Linken. Er forderte sie auf, den eigenen „negativen Faschismus" zu überwinden und mit Blick auf den Nationalsozialismus „in den fürchterlichsten Verzerrungen des Schöne zu entdecken, das eigentlich intendiert ist".

Ochsenreiter zitiert Langhans dabei zur Untermauerung dieser Position aus einer Fernsehreportage mit den Worten: „Wir müssen die besseren Faschisten sein, denn der Faschist ist in meinen Augen jemand, der erstmal natürlich das Himmelreich auf Erden holen wollte, also der wirklich was Gutes wollte. Also unter dem Gesichtspunkt ist Hitler selbstverständlich für uns alle ein großer Lehrer, das wird keiner ablehnen können." Der „Zuerst!"-Redakteur zeigt für Langhans Verständnis. Er habe seinerzeit doch nur die Ansicht vertreten wollen, dass kein Mensch „von Grund auf böse" sei und der „Weg in eine paradiesische Vorstellung ein grauenhafter Alptraum" werden könne. „Nicht mehr und nicht weniger wollte ich damals sagen", gibt Ochsenreiter den Alt-Hippie wieder.

An welcher Stelle genau Hitlers von Anfang an paranoide, imperialistische und antisemitische Ideologie angeblich noch ein „ehrenwerter Versuch" gewesen sein soll, den „Zugang zu Gott" zu finden - wie Langhans sich im Jahr 1997 in einem Interview in dem von „Zuerst!"-Gesprächspartner Claus-Martin Wolfschlag herausgegebenen Band „By-Bye ‚68..." auszudrücken beliebte -, erfährt man in der Reportage weder von Ochsenreiter noch von Langhans selbst. Dafür wird der Leser mehrfach darauf hingewiesen, dass der Altkommunarde in der heutigen „Virtualität des Lebens" eine konsequente Fortsetzung des „Ur-Konzepts" der 68er erblicke. „Langhans meint damit", so Ochsenreiter, „das Private öffentlich zu machen". Von links gesehen könnte dies allerdings auch als ein schleichender und selbst organisierter Prozess in den Totalitarismus interpretiert werden. Denn für den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci markierte eben dies, die Transformation des Privaten in das Öffentliche, die Absorption der Zivilgesellschaft in den Staat, das Kernmoment der modernen totalitären Gesellschaft, wie er sie am Beispiel des italienischen Faschismus vor Augen geführt bekam. Die nicht-totalitäre Gesellschaft ließe sich so gerade mit Gramsci als eine interpretieren, in der der Rückzug ins Private und damit die politische Enthaltsamkeit überhaupt noch möglich ist. Mit der „Virtualität des Lebens" jedoch werden staatliche Apparate, die mittels Geheimdiensten und Spitzeln etc. das Private öffentlich machen, zunehmend überflüssig. Die Stasi und die Denunziation - das sind wir heute mittels twitter und facebook selbst. Der „neue Mensch" ist und bleibt somit ein moderner Alptraum.
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