von Thomas Witzgall
   

Wien: Identitäre beschwören mit Fackelmarsch Abendland-Mythos

Zum Jahrestag der Schlacht am Kahlenberg, mit der die zweite Belagerung Wiens durch die Osmanen beendet wurde, veranstaltete die Identitäre Bewegung Österreichs einen Gedenk- und Fackelmarsch. Mit unter 200 Teilnehmern erreicht die Kundgebung aber nicht die Bedeutung, die dem historischen Ereignis von rechts zugeschrieben wird.

Weniger als 200 Teilnehmer kamen zur IB-Demo, Foto: Thomas Witzgall

Heute ist die Aussichtsplattform Kahlenberg ein beliebtes Ausflugsziel und eines, an dem sich das ganze internationale Flair des nahen Wiens zeigt. Am Nachmittag drängeln sich unterschiedliche Besuchergruppen, wie etwa türkische Motorradfahrer, aber auch verschleierte Touristinnen an dem Ort. Ab und an muss die Polizei die Absperrungen für Hochzeitsgesellschaften öffnen, die die einzigartige Kulisse mit Ausblick auf die österreichische Hauptstadt für Erinnerungsfotos an einen besonderen Tag nutzen wollen.

Erinnern will an dem Tag auch die als rechtsextrem eingestufte Identitäre Bewegung, der ein pluralistisches Flair ideologisch zuwider ist.

Mythenproduktion

Was die Identitären mit dem Demonstrationszug initiierten, war der Ausbau ihrer Abendland-Idee. Es sei wertvoll und wichtig, zur Abwehr von „Fremden“ zu schreiten und unter Umständen das „eigene Leben dafür zu geben“, so die Botschaft. Keiner der versammelten Anhänger könnte heute so leben, wenn sich die eigenen Vorfahren damals nicht in den Kampf geworfen hätten, so ein immer wieder verbreiteter Gedanke. Ein anderer: Von jedem Teilnehmer führe eine direkte Linie zu einem Mann, der damals in Wien „gegen die Türken“ stand. Diese Gedanken stehen natürlich im Dienste aktueller tagespolitischer Forderungen gegen Flüchtlinge und die angebliche Islamisierung.

Es war im Grunde die IB-Version einer Ideologieproduktion, die auch von anderen extrem rechten Gruppen immer wieder gebracht wird. Während es dort die Waffen-SS war, die als Organisation im Geiste vereinte Europäer gegen eine „Bedrohung von außen“ angeblich vereint antrat, müssen die neurechten in der konfliktreichen Geschichte Mitteleuropas eben bis ins Jahr 1683 zurückgehen.

Um das zu verdeutlichen, durften aktuelle „Verbündete“ der IB aus Frankreich, Ungarn und Polen Ländern kurze Grußworte sprechen, wobei sich historisch gesehen gerade der französische König vornehm zurückgehalten hat, wenn es um die „Türkenabwehr“ ging. Bekannte deutsche Kader oder größere Gruppen aus dem Bundesgebiet waren nicht anwesend. Die Österreicher blieben wohl weitgehend unter sich. Mit etwas unter 200 Teilnehmern blieb die Beteiligung hinter der Bedeutung zurück, die dem Ereignis in der ideologischen Gesamtschau der rechten Gruppen eigentlich zukommen müsste. Die Polizei sprach nur von 100 Personen.

Sellner bestimmt Sonnenuntergang

Wie schwierig dieses Unterfangen ist, einen neuen Mythos zu kreieren und den Anhängern so zu vermitteln, zeigte sich am Aufbau der ganzen Veranstaltung. Zunächst gingen es im „Spaziergang wie bei Pegida“ vom Kahlenberg bergab. Am ersten Haltepunkt, schon fast ein willkürlich gewählter Ort, wurde die Demonstration dann zum Gedenkzug umdeklariert und die Ordner verteilten Banner und Fackeln. Auf den Fahnen – die IB verzichtete an dem Tag völlig auf ihre gelben Lamda-Fahnen – sollte der damaligen Helden gedacht werden. Als einige Teilnehmer die Fackeln entzündeten, schritt IB-Chef Martin Sellner persönlich ein und befahl, diese erneut zu löschen. Wenige Minuten später dann die Kehrtwende. Da jetzt die Sonne untergegangen sei, könnten die Teilnehmer gemeinsam die Fackeln (wieder) entzünden, verkündete der zum Gesicht der Bewegung avancierte Student pathetisch.

Auch bei der Auswahl der Texte, mit denen den Anhängern unterwegs angedeutet werden sollte, dass sie eine jahrhundertealte Idee fortführten, haperte es noch gewaltig. „Zeitzeugen“ so wurde es angekündigt, würden zu ihnen sprechen. Verlesen wurden dann allerdings nur Überlieferungen des damaligen Stadtkommandanten von Wien und des polnischen Königs, die keinen Schluss zuließen, ob die Ideen auch in der normalen Bevölkerung so rezipiert wurden. Bei einem verlesenen Text handelte es sich schlicht um eine Art „Wehrmachtsbericht“, in dem es darum ging, wo die türkischen Soldaten gerade Tunnel unter die Mauern gegraben hätten und wo sie zurückgeschlagen werden könnten. Immerhin, so die Botschaft, könnten es 30 Verteidiger mit 75 bis 100 Angreifern aufnehmen.

Österreichisches Versammlungsrecht man es extremen Gruppen einfacher

Die Versammlung stand unter dem Einfluss des geänderten Versammlungsrechts der Alpenrepublik. Das erlaubt es den Behörden, Demonstrationen deutlich voneinander zu trennen. Die Identitäre Bewegung bekam so nicht nur ihre Demoroute, sondern laut Medienberichten rundherum auch noch einen „Schutzbereich“ von 150 Metern über die gesamte Strecke.

Als sich die ersten Identitären an ihrem Versammlungsort einfanden, fragte eine Touristin einen der zahlreichen Polizisten, wo denn die Gegendemonstration sei, musste dieser erläutern, dass es hier an dem Ort nicht erlaubt sei, gegen den rechten Aufmarsch zu protestieren. Angemeldete Kundgebungen gab es nur mit deutlichem Abstand. Sie waren an diesem Tag für die IB-Anhänger weder zu hören noch zu sehen.

Ergebnis dieser anderen Gesetzeslage als etwa in Deutschland: Selbst extreme Gruppen können ihre Ansichten größtenteils ohne Widerspruch vor Ort in die Öffentlichkeit tragen.

Widerstand, den die rechtsextremen Teilnehmer spürten, gab es dennoch, nur anders: Die Gaststätte, in der die Identitären nach der Veranstaltung zusammenkommen wollten, stornierte die Reservierung. Und auch auf der Aufzugsstrecke fand sich eine amerikanische Familie ein, die so langsam ging, dass die Identitären selbst deutlich langsamer werden mussten. Ohne die Kinder und die begleitenden Medien hätte die anwesende Polizei wohl anders reagiert. Später bat die Polizei die kleine Gruppe dann an die Seite.

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