Rosenheim

Wie sich AfD-Politiker als Opfer vermeintlich linker Gewalt inszenieren

Ein Zwischenfall an einem AfD-Infostand in Rosenheim sorgt derzeit bundesweit für Schlagzeilen. Die AfD nutzt den Fall, um sich fälschlicherweise als Opfer vermeintlich linker Angriffe zu inszenieren. Ein Blick auf ähnliche Vorfälle der vergangenen Jahre zeigt, dass sich deren Darstellungen oft als übertrieben, verzerrt oder schlichtweg falsch entpuppten.

Mittwoch, 04. März 2026
Maria Kowalska
Der von etlichen AfD-Politikern aufgegriffene Vorfall in Rosenheim wird schnell zur Attacke durch "die Antifa" gemacht, dabei stürzte der AfD-Kandidat selbst im Zuge der Rangelei, Foto: Screenshot Rosenheim24
Der von etlichen AfD-Politikern aufgegriffene Vorfall in Rosenheim wird schnell zur Attacke durch "die Antifa" gemacht, dabei stürzte der AfD-Kandidat selbst im Zuge der Rangelei, Foto: Screenshot Rosenheim24

Erst war von einer Attacke auf einen AfD-Politiker die Rede. So stand es zumindest in einer ersten Meldung der Deutschen Presse-Agentur, die von einem Vorfall in Rosenheim Ende Februar berichtete. Dort soll Michael Maurer, der AfD-Kandidat für das Bürgermeisteramt in Rott am Inn, von jungen Aktivisten angegriffen worden sein. Das rechtsextreme Compact-Magazin stellte den Vorfall schnell als Beispiel für „linke Gewalt“ dar, Parteikollegen wie Petr Bystron forderten gar ein „Antifa-Verbot in Bayern“.

Petr Bystron: Vom Vorwurf der angeblich heimtückischen linksextremen Attacke war kurze Zeit später nicht mehr viel übrig, Foto: Screenshot X
Petr Bystron: Vom Vorwurf der angeblich heimtückischen linksextremen Attacke war kurze Zeit später nicht mehr viel übrig, Foto: Screenshot X

Ein von Rosenheim24 veröffentlichtes Video zeigt hingegen eine andere Seite des Vorfalls: Zu sehen ist darin, wie Maurer sich an einer Rangelei um ein Banner der Aktivisten beteiligt und dabei stürzt. Es ist ein weiteres Beispiel von vielen, bei denen die AfD und ihre Vertreter*innen sich als vermeintliche Opfer linker Gewalt inszenieren, oder Angriffe verfälscht darstellen oder zu Unrecht politisieren.

AfD-Kommunalpolitiker soll von Ex-Mieter geschlagen worden sein

Jüngstes Beispiel ist etwa der Angriff auf Philipp Steinbeck, Mitglied der AfD im Kreistag Ludwigslust-Parchim (Mecklenburg-Vorpommern). Er postete am 23. Februar auf X ein Foto von seinem blutüberströmten Gesicht in einem Krankenwagen und schrieb dazu, er sei am Tag zuvor von drei Männern angegriffen worden. „I am a member of the AfD (Alternative for Germany) and therefore have to assume a political motive“, fügte er auf Englisch hinzu.

Obwohl Steinbeck nur Kommunalpolitiker ist, sorgte er bereits im Jahr zuvor bundesweit für Schlagzeilen. Im Sommer 2025 demütigte er mutmaßlich zwei Jugendliche in einem Video und forderte sie auf, eine am Boden liegende Deutschlandfahne „sauberzulecken“. Die Szene wurde von Steinbeck selbst gefilmt; später leitete die Polizei Ermittlungen wegen Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung ein. Wenige Monate zuvor war es bereits zu einer Razzia auf seinem Anwesen in Lübtheen gegeben. Dabei stellten Ermittler mehrere Waffen sowie größere Mengen Sprengstoff sicher.

Der sächsische Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah bekundete nach dem Angriff auf Steinbeck am Tag darauf seine Solidarität und schrieb auf X, dass solche Attacken „die Folge des mit Hunderten Millionen Steuereuro gepäppelten ‚Kampf gegen rechts‘“ seien.

Laut Polizei lägen derzeit keine Hinweise für ein politisch motivierte Tat vor, Foto: Screenshot X
Laut Polizei lägen derzeit keine Hinweise für ein politisch motivierte Tat vor, Foto: Screenshot X

Mittlerweile ist jedoch klar: Ein politisches Motiv scheint eher unwahrscheinlich als Grund für die Gewalt gegen Steinbeck gewesen zu sein. Bei dem einzelnen – und nicht wie von Steinbeck beschrieben drei – Angreifer soll es sich Zeugenangaben zufolge um einen früheren Mieter des AfD-Politikers handeln, der sich Steinbeck zufolge mit Mietschulden davongemacht hat. Das berichtet t-online. Zum jetzigen Zeitpunkt lägen der Polizei dementsprechend „Anzeichen für eine politisch motivierte Tat nicht vor.“

AfD-Ortsvorsitzender schubst Person am Infostand

Der Schläger ist bereits identifiziert, es ist ein 51-Jähriger, der aus der Region weggezogen ist. Über den Tatverdächtigen sagt der AfD-Kommunalpolitiker laut t-online selbst offen, er sei „nicht unbedingt ein Antifa-Typ“. Dennoch hält Steinbeck daran fest, dass der Angriff Folge politischer Stimmungsmache gegen ihn gewesen sei.

Auch im Bundestagswahlkampf 2025 sorgte ein vermeintlicher „Überfall“ im Februar an einem AfD-Wahlkampfstand in Borgsdorf (Brandenburg) für Schlagzeilen. Parteivertreter*innen sprachen von einem „Angriff durch Linksextremisten“ auf Mitglieder des Infostandes. Ein kurzes Video zeigte hingegen ein anderes Bild der Auseinandersetzung, wie die Märkische Allgemeine Zeitung berichtete.

Der AfD-Ortsvorsitzende Frank Stielow will darin eines der Giveaways aufheben, das vom Tisch gefallen ist. Von hinten näherte sich ihm dann ein Mann, der ebenfalls nach etwas am Boden greifen oder etwas hinlegen wollte. Der AfD-Chef drehte sich um und stieß den Mann von dem Stand weg, woraufhin dieser zu Boden ging. Als er wieder aufgestanden ist, griff Stielow ihn am Kragen und schubste ihn erneut, sodass er wieder zu Boden ging.

Vermeintliche Attacke mit Spritze auf Chrupalla

Für große Aufmerksamkeit sorgte im Oktober 2023 zudem der AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla. Während einer Wahlkampfveranstaltung in Ingolstadt meldete die Partei zunächst einen möglichen Angriff mit einer Spritze. Ein Sprecher Chrupallas sprach damals von einem „tätlichen Vorfall“ und einer „Einstichstelle“ im Arm. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt waren alle geplanten Wahlkampftermine in Bayern abgesagt worden.

In sozialen Medien und parteinahen Kanälen verbreitete sich rasch das Bild eines gezielten Attentats. Eine rechte Aktivistin hatte auf X etwa von einen „Mordanschlag mit Spritze“ auf Chrupalla fabuliert, Tech-Rassist Elon Musk kommentierte dies mit „This will backfire“. 

Mehrfach hat Elon Musk auf X die AfD thematisiert und unterstützt, Foto: Screenshot X
Mehrfach hat Elon Musk auf X die AfD thematisiert und unterstützt, Foto: Screenshot X

Im Dezember jedoch sind die Ermittlungen zu der vermeintlichen Attacke eingestellt worden. Es hätten sich keine Hinweise darauf ergeben, wie ein Einstich am rechten Oberarm Chrupallas entstanden sei, teilte die Staatsanwaltschaft Ingolstadt damals mit. Konkrete Anhaltspunkte für eine Injektion oder Vergiftung gebe es nicht. Ebenso wenig sei eine Tat festgestellt worden, die auf einen „Anschlag“ schließen lasse, hieß es weiter.

Biss angeblich aus Notwehr

Ein besonders kurioser Fall ereignete sich im Juni 2024 am Rande des AfD-Bundesparteitags in Essen. Der Waffennarr und AfD-Delegierte Stefan Hrdy aus Neuss (Nordrhein-Westfalen) biss damals während eines Tumults einem Gegendemonstranten in die Wade. Zudem hatte er die stellvertretende Juso-Vorsitzende Patricia Seelig angespuckt.

Der völkische AfD-Aktivist Patrick Kolek, der hinter dem Hetzaccount „RealWuppi“ steckt, adelte Hrdy damals als „Zeckenbeisser von Essen“. Jan-Wenzel Schmidt, Bundestagsabgeordneter aus Magdeburg, postete in seiner Instagram-Story zu dem Vorfall mit Tränen-lachendem Emoji, bei dem Vorfall handele es sich um einen „Antifa-Zeckenbiss mal anders“

Hrdy erklärte, er habe aus Notwehr gehandelt, nachdem er angeblich angegriffen worden sei. Videoaufnahmen zeigen jedoch lediglich, dass er zu Boden ging und anschließend in das Bein eines Demonstranten biss. Im September vergangenen Jahres wurde Hrdy für den Biss zu 90 Tagessätzen à 50 € verurteilt.

Angebliches Kantholz machte 2019 bundesweit Schlagzeilen

Besonders prägend für darauf folgende, falsch erzählte Opfer-Narrative war aber ein Fall in Bremen im Januar 2019. Damals wurde der AfD-Politiker Frank Magnitz von mehreren Personen angegriffen. Kurz nach der Tat verbreitete die AfD die Darstellung, Magnitz sei mit einem Kantholz niedergeschlagen und anschließend am Boden gegen den Kopf getreten worden.

Weit über ein Jahr, nachdem die Kantholz-Geschichte um Frank Magnitz längst widerlegt war, verbreitete der bayerische AfD-Abgeordnete Stefan Löw weiterhin die Lüge.
Weit über ein Jahr, nachdem die Kantholz-Geschichte um Frank Magnitz längst widerlegt war, verbreitete der bayerische AfD-Abgeordnete Stefan Löw weiterhin die Lüge.

Ein Bild, das Magnitz voller Blut und mit einer tiefen Wunde am Kopf zeigt, machte schon kurz nach der Tat, am Montagabend, die Runde. Ein Post der AfD Bremen mit dem Foto wurde bei Facebook bereits nach einer Stunde tausendfach geteilt. Die AfD sprach darin von einem „Mordanschlag“.
Videoaufnahmen widersprachen jedoch dieser Darstellung. Darauf war kein Schlagwerkzeug zu erkennen und auch keine Tritte gegen den Kopf. Ermittler gingen vielmehr davon aus, dass Magnitz von einem Angreifer angesprungen wurde und beim Sturz schwer mit dem Kopf aufschlug. Statt wegen Mordversuchs ermittelte die Staatsanwaltschaft dann wegen gefährlicher Körperverletzung.

Verstärkte Opfer-Medienstrategie der AfD

In dem internen Schreiben, das wenige Tage nach dem Angriff an die AfD-Mitglieder verschickt wurde, erklärte Magnitz, dass er sich selbst noch am Abend des Angriffs im Krankenhaus entschieden hatte, das Foto von seinen Verletzungen zu verbreiten. Das berichtete die taz. „Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen werden unsere Pressemitteilungen zu nahezu 100 Prozent nicht veröffentlicht. Ein solches Foto anzuhängen ist jedoch ungewöhnlich und mir war klar, dass eine entsprechende Aufmerksamkeit damit erzielt werden würde.“ Weiter hieß es demnach in dem parteiinternen Infobrief, es sei „nur so eine mediale Betroffenheit zu erzeugen“ gewesen.

Kurz nach dem vermeintlichen Angriff mit einem Kantholz wurde das Foto (Verpixelung durch die Red.), dass Frank Magnitz blutübertrömt zeigt, demonstrativ auf einer AfD-Kundgebung ausgestellt..
Kurz nach dem vermeintlichen Angriff mit einem Kantholz wurde das Foto (Verpixelung durch die Red.), dass Frank Magnitz blutübertrömt zeigt, demonstrativ auf einer AfD-Kundgebung ausgestellt..

Gewalt gegen Politiker*innen ist ein reales Problem. Auch der Angriff auf Frank Magnitz ist passiert. Die dramatische Darstellung der AfD erwies sich in seinem Fall jedoch als deutlich überzeichnet. Das Ziel dieser sich immer wiederholenden Medienstrategie der Partei ist klar: Die eigene Anhängerschaft soll mobilisiert und emotionalisiert, und das Bild einer angeblich unterdrückten und politisch verfolgten Opposition soll verstärkt werden.

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