AfD-Mitglieder
Wie nah die „Sächsischen Separatisten“ der AfD stehen
Personelle Überschneidungen, Solidaritätsbekundungen oder juristische Hilfe aus Parteikreisen: Die mutmaßliche rechtsterroristische Gruppe der „Sächsischen Separatisten“ weist zahlreiche Verbindungen zur AfD auf. Auch beim Prozessauftakt zeigte sich dies erneut.
Acht junge Männer müssen sich momentan in Dresden vor dem Staatsschutzsenat verantworten. Laut Anklage sollen sie der militanten und neonazistischen Gruppe „Sächsische Separatisten“ (kurz: „SS“) angehören. Seit November 2024 befinden sich die acht Männer in Untersuchungshaft. Nun geht es unter anderem um den Vorwurf des Rechtsterrorismus und des Hochverrats. Der Fall hat auch parteipolitische Brisanz: Bei der mutmaßlich rechtsterroristischen Gruppe sind eine Vielzahl an Berührungspunkten zur AfD zu finden.
Einer der Angeklagten etwa ist Kurt Hättasch. Ihm wird zusätzlich versuchter Mord vorgeworfen, weil er kurz vor seiner Festnahme mit einem geladenen und entsicherten Jagdgewehr auf Beamte der GSG 9 gezielt haben soll. Hättasch saß im Stadtrat von Grimma, arbeitete als Mitarbeiter des AfD-Landtagsabgeordneten Alexander Wiesner und gehörte über Jahre dem Vorstand der inzwischen aufgelösten AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) in Sachsen an. In dem Freistaat wird die AfD vom Landesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft.
AfD-Mitgliedschaft besteht fort
Mit Kevin R. und Hans-Georg P. sind zwei weitere AfD-Mitglieder unter den Beschuldigten. Kevin R. war im AfD-Kreisverband Leipzig für die Medienarbeit zuständig und arbeitete ebenfalls für Alexander Wiesner. Hans-Georg P. wurde von 2021 bis Oktober 2022 von der Leipziger AfD in den Stadtbezirksbeirat Ost entsandt. Auch er war in der Jungen Alternative aktiv, war unter anderem 2023 beim sächsischen AfD-Landesparteitag in Glauchau zugegen. Obwohl die AfD nach der Festnahme der drei verkündete, sie aufgrund der Vorwürfe aus der Partei auszuschließen, sind sie bis heute noch Mitglieder der AfD, wie die LVZ berichtete. Das Parteiausschlussverfahren läuft demnach noch.
Die Verbindungen reichen zudem über formale Mitgliedschaften in der Partei hinaus. In Chatnachrichten etwa prahlte der mutmaßliche Anführer Jörg S. Spiegel-Informationen zufolge mit Verbindungen seiner Gruppe in rechte Parteien. Für den Fall eines Zusammenbruchs der Ordnung verfüge man über einen „bewaffneten Flügel“ einer anerkannten politischen Bewegung, schrieb er. Handelte es sich dabei womöglich um die AfD?
Höcke stattete Frau eines Angeklagten Besuch ab
Kurt Hättasch und seine Frau feierten zudem im Juni 2024 bei einer Sonnenwendfeier in Strahwalde in der Oberlausitz mit AfD-Mandatsträgern aus der Region. Das ging aus einer Recherche der taz hervor. Auf der Veranstaltung wurde unter anderem eine Rede zu Ehren des SS-Standartenführers Max Wünsche gehalten.
Gruppenbild mit Höcke: Ein Foto zeigt Björn Höcke (#AfD) mit mehreren der mutmaßlichen Rechtsterroristen der "Sächsische Separatisten". Einige davon hatten auch Verbindungen zur Neonazi-Szene. Hat sicher nix mit nix zu tun... 👉 taz.de/Festgenommen...
— Michael Klarmann (@klarmann.bsky.social) 7. November 2024 um 18:15
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Björn Höcke, der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Erfurter Landtag und Thüringer AfD-Landeschef, erklärte Hättasch öffentlich zu einem Opfer eines „Putschs“ gegen die AfD. Höcke hatte schon im Mai 2022 mit ihm und den weiteren Angeklagten Hans-Georg P., Karl K. sowie den Brüdern Jörg und Jörn S. für ein Foto posiert, vor dem Banner der Jungen Alternative Sachsen auf dem Marktplatz von Grimma. Im Juni des vergangenen Jahres besuchte Höcke dann die Ehefrau Hättasch‘ in ihrem Zuhause. Anschließend sprach er von einer „anständigen Familie“, von der er den Eindruck habe, dass ihr „übel mitgespielt“ worden sei
AfD-Fraktionsgeschäftsführer in Brandenburg veröffentlicht Hafttagebuch
Auch Hättaschs Ehefrau ist keine Unbekannte in der rechtsextremen Szene: Sie ist die Tochter von Thomas Sattelberg, dem früheren Anführer der verbotenen neonazistischen Kameradschaft Skinheads Sächsische Schweiz (SSS) und heutigen Funktionär der Partei „Die Heimat“. Gemeinsam mit ihrem Mann besuchte sie etwa im Frühjahr 2022 das „Institut für Staatspolitik“ in Schnellroda, jahrelange rechtsextreme Kaderschmiede und AfD-Besuchermagnet.
In Untersuchungshaft führt Hättasch ein Hafttagebuch, Auszüge daraus erscheinen in der Zeitschrift „Sezession“. Darin behauptete er unter anderem, bei seiner Festnahme habe er die Polizei für die Antifa gehalten und sich deshalb verteidigen wollen. Chefredakteur der „Sezession“ ist der Rechtsextremist Götz Kubitschek, Gründer des „Instituts für Staatspolitik“ und enger Vertrauter Höckes. Herausgeber der Zeitschrift ist Erik Lehnert. Er ist Fraktionsgeschäftsführer der AfD-Fraktion im brandenburgischen Landtag.
Soli-Demo für „Sächsische Separatisten“
Zu Hättaschs insgesamt fünf Verteidigern gehören im Prozess unter anderem der vorbestrafte Ex-AfD-Funktionär Dubravko Mandic aus Freiburg sowie der baden-württembergische AfD-Politiker Markus Berthold. Bei einer Pressekonferenz erklärte Mandic verschwörerisch, er glaube, die Richterinnen und Richter seien beauftragt, die Angeklagten zu verurteilen. Wenn die AfD regiere, würde der Prozess „juristisch anders“ bewertet.
Doch nicht nur aus Baden-Württemberg oder Thüringen erhalten mutmaßliche Mitglieder der „Sächsischen Separatisten“ Partei-Unterstützung. Auch in ihrer Heimat können sie darauf zählen. Denn im September 2025 rief der AfD-Kreisverband Landkreis Leipzig auf Facebook zu einer Kundgebung für zwei der Beschuldigten auf. In dem inzwischen gelöschten Beitrag wurde zu einer Veranstaltung vor der Justizvollzugsanstalt Leipzig mobilisiert, um für die Freiheit der „politischen Gefangenen“ Kurt Hättasch und Kevin R. zu protestieren, wie die lvz berichtete. Als Initiatoren wurden der AfD-Bundestagsabgeordnete Edgar Naujok sowie der sächsische AfD-Landtagsabgeordnete Jörg Dornau genannt, beide Mitglieder des Kreisvorstandes.
Erst nach Intervention des AfD-Landesvorstandes wurde die Kundgebung abgesagt. „Eine Veranstaltung unter dem gewählten Motto entspricht nicht den Grundsätzen der AfD als Rechtsstaatspartei“, hieß es in dem Beschluss, über den AfD-Generalsekretär Jan Zwerg die Beteiligten informierte. Dornau teilte anschließend in seinem Telegram-Kanal knapp mit, die Kundgebung sei auf Anordnung des Landesvorstandes abgesagt worden.
Der AfD-Politiker hatte bereits zuvor reges Interesse an Hättaschs Verhaftung gezeigt. Seit Dezember 2024 reichte er insgesamt drei Kleine Anfragen im Sächsischen Landtag ein, die Fragen zu den Umständen der Festnahme enthielten. Beim Prozessauftakt gegen die acht Angeklagten am vergangenen Freitag saß Jörg Dornau dann im Zuschauerraum.