Wie eine neue Meldestelle den Antisemitismus in Deutschland sichtbarer machen will

Am Freitag hat der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) seine Arbeit aufgenommen. Er soll das „wahre Ausmaß“ des Antisemitismus in Deutschland sichtbarer machen. Laut Projektleiter Benjamin Steinitz hat sich die Anzahl der Angriffe gegen Juden im vergangenen Jahr verdoppelt.

Zunehmend bedroht: Juden werden in Deutschland immer häufiger Opfer von Übergriffen. Der RIAS-Bundesverband erfasst sie künftig; Foto: LWYang, CC BY 2.0

In der vergangenen Woche war Holocaust-Gedenktag und es wurde der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Welche Bedeutung haben solche Tage für den Alltag?

Sie dokumentieren, dass die Erinnerung an die Schoa und die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht selbstverständlich sind und gerade heute ein Stück weit auch erkämpft werden müssen. Zum einen nähert sich der Zeitpunkt, an dem es keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr gibt, zum anderen gerät das Gedenken selbst unter immer stärkeren Beschuss. Hier spielen rechtsextreme und rechtspopulistische Versuche der Erinnerungsabwehr eine Rolle, aber auch solche Positionen, die die NS-Verbrechen auf Israel projizieren.

In den vergangenen Monaten gingen viele Fälle antisemitischer Vorfälle durch die Medien. Der Hass auf Juden scheint wieder auf dem Vormarsch zu sein. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Leider ja. Gerade in Berlin, wo wir seit mehreren Jahren detailliert Vorfälle erfassen und systematisieren, ist die die Anzahl gewalttätiger und konfrontativer Vorfälle gegenüber Jüdinnen und Juden sowie Menschen, die als solche wahrgenommen wurden, aber auch gegenüber Personen, die sich gegen Antisemitismus aussprachen, sehr stark gestiegen. Wir bereiten gerade den Bericht für 2018 vor und es zeichnet sich jetzt schon eine Verdopplung von Angriffen und Bedrohungen ab.

Am Freitag hat der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) seine Arbeit aufgenommen. Sie wollen das „wahre Ausmaß des Antisemitismus sichtbarer“ machen. Was bedeutet das konkret?

Zum einen bedeutet es, den Fokus stärker auf die Erfahrungen der Betroffenen zu lenken. Es gibt eine Tendenz innerhalb des gesellschaftlichen Umgangs mit Antisemitismus, sich eher auf die Täterinnen und Täter zu konzentrieren. Leider wird dabei vergessen, dass hinter den meisten antisemitischen Vorfällen Menschen stehen, die manchmal physisch verletzt, häufig aber auch traumatisiert wurden und unserer Unterstützung bedürfen. Der Bundesverband wird dazu beitragen, die Erfahrungen von Betroffenen noch systematischer auch in anderen Regionen zu dokumentieren und sichtbarer zu machen. Das zivilgesellschaftliche Meldeangebot ist vor dem Hintergrund der hohen Dunkelziffer nicht angezeigter Erfahrungen eine wichtige Ergänzung zur polizeilichen Arbeit.

Warum ist es so schwierig, antisemitische Vorfälle zu erfassen?

Es besteht viel Unwissen über die aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus wie Post-Schoa-Antisemitismus oder auch israelbezogener Antisemitismus. Auch sehen wir von vielen Seiten den Versuch, das Thema für eine eigene politische Agenda zu instrumentalisieren. Es hilft auch nicht, dass die Bereitschaft zur kritischen Selbstbetrachtung mitunter gering ist und viele stummschalten, anstatt sich mit Antisemitismus im eigenen Umfeld auseinanderzusetzen.

Welche Rolle spielen Äußerungen wie die des AfD-Politikers Björn Höcke, der das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hat, für die Stimmung gegenüber Juden in Deutschland?

Die Äußerungen sind zutiefst verletzend, da besteht keine Frage. Was es für Jüdinnen und Juden in Deutschland aber besorgniserregender macht, ist, dass solche Angriffe auf die Erinnerung, sei es von Höcke, von Gauland oder von anderen Politikerinnen und Politikern der AfD, innerhalb der Partei und ihrer Anhägerschaft toleriert werden und immer mehr als „Normalität“ gelten. Das Erstarken des Revisionismus und des völkischen Nationalismus nehmen viele als eine konkrete Bedrohung wahr.

Online-Meldestelle für antisemitische Vorfälle

Wer als Opfer oder Zeuge einen antisemitisch motivierten Übergriff erlebt, kann die Tat seit dem 1. Februar einer bundesweiten Meldestelle mitteilen. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Bundesverband RIAS) nimmt Vorfälle auch dann auf, wenn keine Straftat begangen wurde. Das Ziel ist, eine bundesweite Meldestruktur aufzubauen.

 

Zuerst erschienen beim „vorwärts“.

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