Was ist koscher? Jüdischer Glaube – jüdisches Leben (2003)

Lebendiges Judentum in Deutschland

Freitag, 12. August 2005
Ralf Bachmann
Die Frage „Was ist koscher?“ wählte Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, für den Titel seines jüngsten Buches über „Jüdischen Glauben – jüdisches Leben“. Offensichtlich meint Spiegel, mit der Beantwortung solcher und anderer Fragen Wissenslücken bei großen Teilen der Bevölkerung schließen zu müssen. Man kann dem kaum widersprechen, zumal sich auch unter den hier lebenden Juden die Kenntnis der nicht weniger als 613 Ge- und Verbote der Thora in Grenzen hält. Namentlich die Zuwanderer aus den GUS-Staaten oder die in der DDR ohne Thora-Studium aufgewachsenen Juden haben einen erheblichen Nachholbedarf und -wunsch. Was Spiegels Buch von der umfangreichen Literatur zu diesem Thema unterscheidet, ist nicht die Vollständigkeit. Auch er muss sich auf die wesentlichen Begriffe – vom Versuch einer Klärung, wer denn Jude ist, über Beschneidung, Bar Mitzwah und Kippa bis Kaschrut, Schächten und Informationen über das jüdische Jahr und Feiertage wie Rosch haSchana – beschränken. Denn 17 Seiten sind allein für die Beantwortung der Frage erforderlich, was der Schabbat ist und was Juden an diesem für sie wichtigsten Tage der Woche dürfen und nicht dürfen. Der Autor sagt, dass sich sein Buch „als ein Einstieg in die jüdische Welt und nicht etwa als lexikalisches Handbuch oder als ultimatives Kompendium zum Judentum“ versteht, dass es eine Brücke sein solle zu all jener Literatur, die weiterführt. Sein besonderer Wert besteht in der Popularität, in der Gefälligkeit der Darstellung, in der Verständlichkeit. Da fehlt es bei allem Bemühen um wissenschaftliche und religiöse Seriosität nicht an Humor, auch nicht an jüdischen Witzen und heiterer Selbstkritik. Das wesentliche Anliegen ist der Beitrag, den es zu einem selbstverständlichen Miteinander von Juden und Nichtjuden leisten will. Vor dem, was man kennt, verliert man die Angst. Deshalb ist die Beseitigung der Klischees über Juden in den Köpfen Kampf gegen Antisemitismus. „Nicht jeder Jude spricht Jiddisch, nicht jeder Jude isst Gefillte Fisch, nicht jeder Jude ist reich und nicht jeder Jude hört Tag und Nacht Klezmer-Musik, nicht einmal das!“Die meisten Kapitel haben einen deutlichen aktuell-politischen Akzent: So wird die Frage „Muss man die Juden mögen?“ nicht nur historisch mit der Geschichte des Antijudaismus der christlichen Kirche beantwortet, sondern sehr konkret mit den Ausfällen Möllemanns und anderer gegen Friedman. Natürlich könne jeder sagen, er mag Friedman als Moderator nicht, weil er zu arrogant und aggressiv ist. Zum Antisemitismus werde die Aussage, wenn es heißt: „Ich mag Michel Friedman als Moderator nicht, weil er typisch jüdisch ist.“ Das sei diskriminierend, und die Juden hätten das Recht, auf diese Vorurteile sehr allergisch zu reagieren, seien doch vor noch nicht 60 Jahren Millionen Juden auf Grund solcher Vorurteile umgebracht worden. Hilfreich ist die Auseinandersetzung mit dem Antizionismus als aktueller Hauptform des Antisemitismus. Zu DDR-Zeiten wurde Antisemitismus offiziell abgelehnt, aber der Zionismus als „imperialistische Ideologie“ und Israel als „zionistischer Staat“ angeprangert. Verwirrung in dieser Frage herrscht bei vielen, die sich mit der Nahost-Situation befassen, noch heute. Die Politik Israels oder seiner Regierung abzulehnen, ist jedermanns Recht. „Doch sowie sich die Kritik an Israel entzündet, weil es der ‘jüdische’ Staat ist, entwertet sich die Kritik nicht nur selbst, sie ist gefährlich und ebenso rassistisch und judenfeindlich wie alles, was wir bereits aus der Geschichte kennen.“ Immer wieder werde den in Deutschland lebenden Juden die Frage gestellt, warum sie das Land nicht verlassen, leitet Spiegel das letzte Kapitel ein, wie heute jüdisches Leben hier aussieht. Die heutige jüdische Gemeinschaft existiere nun bereits in der dritten Generation und sei durch den Zustrom sow-jetischer Juden in der 90er Jahren zur drittgrößten Westeuropas geworden. Man führe ein normales Leben, sei gefangen in den Alltagssorgen, habe Familien und Freunde, gehe Berufen nach und sei froh, in einem demokratischen Staat zu leben. Aber der Bruch, die Zerstörung der jahrtausendealten Gemeinschaften habe ein menschliches, geistiges und religiöses Vakuum hinterlassen, das nur schwer in wenigen Generationen zu füllen sein wird. Es bedürfe noch großer Aufbauarbeit von vielen Jahrzehnten und etlicher Generationen, bis „wir vielleicht an einem Punkt sind, wo wir sagen können: In Deutschland gibt es wieder eine blühende, lebendige jüdische Gemeinschaft“.
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