Was hätten Sie getan? Die Flucht der Familie Kahle aus Nazi-Deutschland / Die Universität Bonn vor und während der Nazi-Zeit

Was hätten Sie getan? Diese Frage sollte sich jeder einmal gestellt haben, wer aus dem sicheren Schoß einer Demokratie heraus Leute anprangert, die sich in einem totalitären System angepaßt und geduckt haben, die Mitläufer waren, nicht protestierten und sich nicht widersetzten. Wer solche Menschen verdammt, kann aus den Erlebnissen von Marie Kahle erfahren, wie eine Diktatur schon auf ein Mindestmaß an Zivilcourage reagiert.

Donnerstag, 06. Mai 2004
Helmut Lölhöffel
Marie Kahle (1893-1948), die Frau des seinerzeit berühmtenOrientalistik-Professors Paul Kahle (1875-1964), lebte mit ihren fünfSöhnen in der damals preußischen Universitätsstadt Bonn in einemschmucken Bürgerhaus an der Kaiserstraße. Am 10. November 1938, dem Tagnach der Reichspogromnacht, als Nazihorden die Synagogenniederbrannten, drangen SS-Männer in das Korsettgeschäft der JüdinEmilie Goldstein ein. "Inneneinrichtung des Geschäftes und der Wohnungdemoliert", notierten die Nazibehörden in einer amtlichen "Aufstellungder erfolgten Beschädigungen an Juden-Geschäften".Am folgenden und am übernächsten Tag halfen Marie Kahle und ihr SohnWilhelm, das Mobiliar zu reparieren, Wäsche wieder einzuräumen undWertvolles in Sicherheit zu bringen. Dabei wurden sie von einemPolizisten beobachtet, der ein Protokoll schrieb. Am 17. Novembererschien im Lokalteil des NSDAP-Blatts "Westdeutscher Beobachter" einvierspaltiger Hetzartikel mit der Überschrift "Das ist Verrat am Volke/ Frau Kahle und ihr Sohn halfen der Jüdin Goldstein beiAufräumungsarbeiten" - eine bösartige Mischung aus Polizeibericht undAgitation. Dieser Artikel war Auftakt zu einer Serie von Repressionengegen die Familie Kahle.Professor Kahle, ein unpolitischer Gelehrter, in dessen Leben dieWissenschaft eine zentrale Rolle spielte, weltweit angesehenerPräsident der "Deutschen Morgenländischen Gesellschaft", wurde an derUniversität kaltgestellt und bekam Hausverbot. Die Söhne wurden auf demSchulhof malträtiert und beim Studium behindert. Frau Kahle mußte zumVerhör bei der Geheimen Staatspolizei. Auf dem Pflaster vor ihrem Hauswar eines Nachts aufgepinselt: "Volksverräter" und "Judenfreunde".Flugblätter wurden ausgehängt. Viele Bonner distanzierten sich vonKahles - die Kampagne wirkte.Auch Paul Kahle, der mit allem eigentlich nichts zu tun haben wollte,geriet ins Abseits. "Kränken tut es uns doch", schrieb ihm am 23.November 1938 der Göttinger Orientalist Walther Hinz, "dass Ihre FrauGemahlin so instinktlos handeln konnte und Sie dadurch um einehrenvolles Ende Ihrer Hochschullehrerlaufbahn brachte".Über einen Mittelsmann der Gestapo wurde Marie Kahle nahegelegt,Selbstmord zu begehen, so könne sie ihre Familie retten. Anfang 1939reifte bei ihr der Entschluß zur Flucht aus Deutschland. Von Februarbis April 1939 setzte sich die Familie nach England ab.Über die entscheidenden Monate ihres Lebens schrieb sie in England einTagebuch. Menschlich warmherzig und politisch entschieden hat siepräzise aufgezeichnet, wie das System funktionierte und wie es wirkte,aber auch, mit welchen Mitteln sie sich zu entziehen und zu widersetzenversuchte. Und das alles nur, weil sie getan hat, was sie auschristlichen Motiven selbstverständlich fand.Die Schrift, deren Original verloren gegangen ist, wurde jetzt aus demEnglischen rückübersetzt und erscheint erstmals auf Deutsch. Siedokumentiert nicht nur, wie die Nazis mit propagandistischer Absichteinen >Skandal KahleAffäre Kahle<: bis="" heute="" ist="" professor="" kahle="" nichtrehabilitiert="" worden="" auch="" wenn="" sich="" die="" universit="" f="" das="" unrechtentschuldigt="" hat.der="" zweite="" teil="" des="" buchs="" enth="" eine="" aufschlu="" beschreibung="" derzust="" an="" der="" bonner="" von="" heuteteilweise="" verschwiegene="" geschichte.="" immer="" noch="" in="" bonn="" keine="" stra="" marie="" benannt="" obwohl="" stadtrat="" l="" einen="" beschlu="" hat.="" und="" j="" emilie="" goldstein="" frau="" undwilhelm="" beim="" aufr="" ihres="" ladens="" geholfen="" hatten="" nach="" theresienstadt="" dann="" auschwitz="" deportiert="" war="" es="" gar="" erinnerung="" mehr.="">
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