Warum Deutschland braun wurde

Wie konnten unbescholtene Bürger zu Mördern werden? Warum entwickelte ein ganzes Volk Hass auf Juden? Auf der vierten internationalen Konferenz zur Holocaustforschung der Bundeszentrale für politische Bildung stellen Expertinnen und Experten ihre Forschungsergebnisse zum Thema Volksgemeinschaft und Ausgrenzungsgemeinschaft vor.

Dienstag, 05. Februar 2013
Warum Deutschland braun wurde
Österreich in den zwanziger Jahren. Hermine Braunsteiner wird als jüngstes Kind einer Wäscherin und eines Chauffeurs in Wien geboren. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal Krankenschwester zu werden. Nachdem ihr Vater gestorben ist, muss die Fünfzehnjährige ohne eine Ausbildung als Hausmädchen arbeiten. Der Frust ist groß. 1938 lässt sich Hermine auf eine Liste für eine Tätigkeit in Deutschland schreiben. Die junge Frau wird in einer deutschen Fabrik am Fließband eingestellt. Nach einigen Monaten hört sie, dass das neu eingerichtete Konzentrationslager für Frauen in Ravensbrück junge Aufseherinnen sucht. Von der Arbeit am Fließband gelangweilt und mit der Aussicht auf ein anständiges Gehalt meldet sich die junge Österreicherin. Sie wird schnell zur Lagerleiterin befördert und macht Karriere. 1981 wird sie wegen gemeinschaftlichen Mordes in mindestens hundert Fällen schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. „Braunsteiner gehört zu den Aufseherinnen der ersten Stunde“, berichtet die Historikerin Elissa Mailander. „Sie galt als besonders brutale Frau.“

Wie konnte es soweit kommen? Um einer Antwort möglichst nahe zu kommen, muss die damalige Alltagsrealität rekonstruiert werden und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden, darin sind sich die Wissenschaftler einig. Auf der vierten internationalen Konferenz zur Holocaustforschung unter dem Titel „Volksgemeinschaft - Ausgrenzungsgemeinschaft“ stellen Experten ihre neusten Forschungsergebnisse vor.

Die Frage nach dem Warum

Im Falle der Hermine Braunsteiner seien finanzielle Unabhängigkeit und Aufstiegschancen die Gründe gewesen, die sie dazu bewegt hätten, Aufseherin im Konzentrationslager zu werden, erklärt Mailänder. Wie Braunsteiner sei es damals vielen gegangen. Der Nationalsozialismus habe deshalb auf viele Menschen attraktiv gewirkt, weil er in Zeiten der Weltwirtschaftskrise Perspektiven versprochen habe.

Und die Diktatur hielt was sie versprach: In den folgenden Jahren gelang es den Nationalsozialisten, die Bürgerinnen und Bürger mit einer florierenden Wirtschaft zu beeindrucken. Ein breites Angebot an Konsumgüter und „bunte Wohlfühlreklame“ würden Sicherheit ausstrahlen und die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, erklärt Hans Dieter Schäfer, Mitglied der Akademie der Wissenschaft und Literatur in Mainz.

Der Wunsch nach Gemeinschaft und Ordnung

Die Zeit um 1930 war nicht nur durch die Wirtschaftskrise geprägt, sondern auch durch die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Ordnung im Alltag der Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg. Auch das wusste das Hitler-Regime zu nutzen. „Volksgemeinschaft als Verkörperung von Selbstbewusstsein und Stärke“, lautete das Rezept der Nationalsozialisten, erklärt Norbert Frei, Historiker und Leiter des Jena Centers Geschichte des 20. Jahrhunderts. Bilder von ausgelassenen Krankenschwestern in ihrer Schwesternkleidung oder von Jungen aus der Hitler-Jugend, die einheitlich lächelnd in die Kamera schauen – so ist die Nazizeit vielen im Gedächtnis. Allen gemeinsam ist ihre einheitliche Kleidung: kurze Hosen, ein Hemd und ein Tüchlein um den Hals gebunden. Bilder, die eine starke und zufriedene Volksgemeinschaft präsentieren.

Im Nationalsozialismus seien Uniformen besonders wichtig und angesehen gewesen, betont Elissa Mailänder. Für die Träger habe sie nicht nur Verpflichtungen und Regeln bedeutet, sondern auch Rechte und Privilegien gegenüber anderen. Durch das bewusste Abgrenzen nach außen sei automatisch ein Gegenbild zur Volksgemeinschaft entstanden, erklärt Frei. „Die Feinde“ oder „Andersartigen“, die nicht Teil der Volksgemeinschaft gewesen seien.

Erziehung durch Emotionen

Wie aber konnte ein Umdenken in der Gesellschaft in so kurzer Zeit passieren und das auch noch von den meisten unbemerkt? Zukunftsperspektiven und Privilegien durch Engagement für die Volksgemeinschaft genügen als Antwort nicht. Da sind sich die Wissenschaftler einig. Sie versuchen deshalb mithilfe unterschiedlicher Erklärungsansätze Antworten zu finden.

Uffa Jensen, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsbereichs Geschichte der Gefühle am Max-Planck-Institut in Berlin, demonstriert anhand eines Buches, wie Kinder in der NS-Diktatur zu Antisemiten erzogen wurden. Das Buch handelt von einen jüdischen Kinderarzt, der wie folgt beschrieben wird: „Hinter den Brillengläsern funkeln zwei Verbrecheraugen und um die wulstigen Lippen spielt ein Grinsen.“ Jensen möchte das nicht als plumpe Propaganda abtun. Das bewusste Auslösen von Emotionen führe dazu, dass die vielfältigen Beziehungen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Gesellschaftsmitgliedern zunächst gelockert und dann völlig zerstört werden konnten. Jensen nennt das keine abstrakte Ausgrenzung, sondern emotionale Entfremdung.

„Wir lernen, wann wir uns schämen müssen“

Auch für den Historiker Daniel Wildmann spielt das Erzeugen von Emotionen eine tragende Rolle im Nationalsozialismus. Anhand seiner Szenenanalyse aus dem Film „Jud Süß“ von 1940 zeigt er, wie bestimmte Emotionen erzeugt wurden, um moralische Wertvorstellungen zu ändern. „Wir lernen, wann wir uns freuen oder schämen müssen“, erklärt Wildmann. „Das sind emotionale Werte, auf die sich eine Gesellschaft verständigt hat.“ Um dieses Phänomen zu verdeutlichen, wählt Wildmann folgendes Beispiel: Bei einem Film könne sich ein ganzer Saal voller Zuschauer über dieselbe Person ärgern. Der nationalsozialistische Film setzte an dieser Stelle an. Emotionen würden eingesetzt, um dem Zuschauer bestimmte moralische Werte nahezulegen und beispielsweise Verhaltensweisen als richtig und gerecht zu deuten, die vorher als falsch eracht wurden. Es handle sich auch hier weniger um Propaganda, als um den Versuch die Zuschauer von einer Einstellung zu überzeugen. Im Nationalsozialismus habe schon frühzeitig eine der Ideologie entsprechende Erziehung von Kindern und Erwachsenen stattgefunden. Die Radikalisierung in der Gesellschaft habe sich also nicht bewusst und zielgerichtet, sondern schrittweise vollzogen.

Der Politik-und Geschichtswissenschaftler Janosh Steuwer beleuchtet das Thema Volksgemeinschaft auf andere Weise. Er sieht sie nicht als homogene Masse, die das Regime bedingungslos unterstützt. Es habe viele Zweifel und Meinungsunterschiede bezüglich der Politik in der Volksgemeinschaft gegeben, sagt Steuwer. Der gesellschaftliche Zusammenhalt sei nicht aufgrund derselben Meinung entstanden, sondern weil die Regierung den Themen Aufmerksamkeit geschenkt habe, die den Bürgern am Herzen gelegen hätten.

„Wir haben eine Verantwortung“

Es sei also wichtig, nicht die Gleichheit der Volksgemeinschaft nachweisen zu wollen, sondern die unterschiedlichen Verhaltensweisen zu untersuchen, aus denen Volksgemeinschaft und Radikalisierung entstanden seien. Darin sind sich die Wissenschaftler bei der Vielfältigkeit ihrer Forschungen einig. Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich betont die Wichtigkeit dieser Forschungsarbeiten. Die politische Bildung müsse nachfolgenden Generationen verdeutlichen, wie totalitäre Systeme funktionieren und wie sie entstanden sind, betont Friedrich bei der Tagung. So würden Menschen sensibler für Entwicklungen, die auch im Alltag Demokratie und Freiheit gefährden können. „Unsere Verantwortung ist es, aufmerksam zu sein.“

Mit freundlicher Genehmigung des „vorwärts“ übernommen, Foto: Bundesarchiv, Bild 102-16748 / CC-BY-SA
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