von Gregor Samsa
   

Warum deine Vorurteile am wenigsten wert sind

Einige haben diese Situation schon erlebt, zusammen mit ein paar Freunden in einer Kneipe. Viele andere Gäste, Gelächter, heitere und erregte Gespräche. Doch an manchen Tischen tauchen sie immer wieder auf. Dumpfe Stammtischparolen à la „Die sind nur hier, um uns das Geld wegzunehmen. Und dann wollen sich nicht mal anpassen.“ Aber was kann gegen solche Parolen unternommen werden, wie dagegen vorgehen und sie entkräften? Die Kampagne der sachsen-anhaltischen Landeszentrale für politische Bildung (lpb) provoziert – und setzt am Entstehungsort der Stammtischparolen an. ENDSTATION RECHTS. sprach mit der lpb Sachsen-Anhalt über die Initiative, deren Ansätze und Entstehung.

Aktion gegen Vorurteile in Sachsen-Anhalt

Ein Freiwilligenprojekt, das Wellen schlägt

Initiator der Kampagne ist ein Absolvent eines freiwilligen sozialen Jahres im Bereich politisches Leben. Zur Ableistung dieses FSJ gehört die Erarbeitung und Erstellung eines eigenen Projektes. Die Intention ist, politische Bildung an Orte zu bringen bzw. zu fördern, an denen sie normalerweise nicht anwesend ist. Die Idee, bei Stammtischparolen anzusetzen, war schnell gefasst. Sie entstehen in Kneipen, in Bars, genau an den Orten, an denen die politische Bildung häufig kaum vertreten ist. Um die nötige Aufmerksamkeit zu erreichen, wurden provokante Stammtischparolen – in Frakturschrift – auf Bierdeckel gedruckt, darunter eine Frage: Oder?

Sie soll dazu anregen, den Bierdeckel umzudrehen, Interesse wecken, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, auf die Rückseite zu schauen, wo der vorherige Spruch knapp und prägnant entkräftet wird. Die Landeszentrale für politische Bildung war schnell begeistert, und förderte die Projektidee. Die Idee stehe einvernehmlich mit dem Auftrag – der Förderung der politischen Bildung – der lpb. Auch wenn es sich bei diesem Projekt, im Gegensatz zur Verbreitung von Broschüren und/oder Flyern, um eine provokante und unkonventionelle Art handele. Aber genau das sollte der Ansatz dieses Projektes sein.

Die Umsetzung der Idee oder wie bringt man sie an den berüchtigten Stammtisch

Der Druck und die Gestaltung der Bierdeckel wurden durch die Landeszentrale für politische Bildung in Auftrag gegeben sowie finanziert. Bisher sind 1.000 Sätze mit einer Gesamtauflage von 6.000 Bierdeckeln gedruckt worden. Es gibt sechs Motive, u. a. mit den Themenkomplexen Ausländerfeindlichkeit, Homophobie, Islamophobie und Todesstrafe.

Die Verbreitung der Bierdeckel erfolgte durch die Verteilung an den DeHoGa (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband, Landesverband Sachsen-Anhalt), den Zusammenschluss der Innenstadtgastwirte Magdeburgs, die IG Innenstadt Magdeburg, verschiedene Netzwerkpartner der lpb (u. a. Bündnis gegen Rechts), die Hochschule Magdeburg-Stendal und einige ausgewählte Gastronomen in Magdeburg und Halle (u. a. Beteiligte/Initiatoren der Kampagne „Wir servieren Zivilcourage“, ENDSTATION RECHTS. berichtete). Des Weiteren bietet die lpb die Bierdeckel auf Nachfrage an. Unterstützung fand das Projekt durch Ministerpräsident Reiner Haseloff. Als Schirmherr des Netzwerks für Demokratie und Toleranz stellte er das Projekt in der Öffentlichkeit, so beim MDR, vor. 

Weiterhin ist geplant, die Bierdeckel bei einigen Großveranstaltungen, wie dem Sachsen-Anhalt-Tag, einzusetzen, wo die Besucher meist einen Querschnitt der Bevölkerung bieten. Denn, so zeigen die „Mitte-Studien“ der Friedrich-Ebert-Stiftung immer wieder, Ressentiments und Vorurteile sind in allen Schichten zu finden.

Wird der angestrebte Ansatz im gewünschten Rahmen erreicht

Positives Feedback gab es von vielen Gastwirten, Kneipen-/Barbesuchern sowie Lehrern, welche die Bierdeckel für den Unterricht verwenden möchten, und Sprachwissenschaftlern von der Universität Marburg. Allerdings fand das Projekt auch kritische Worte. Der Mitteldeutsche Rundfunk äußerte Bedenken in Hinsicht auf die Wirksamkeit. Sicherlich ist eine Evaluation der Wirksamkeit von politischer Bildung und Aufklärung schwer auszumachen. Gerade die Auseinandersetzung um die Wirksamkeit der Kampagne sichert ihr Aufmerksamkeit. 

Nicht nur, dass vor allem am Entstehungsort von Stammtischparolen angesetzt wird, sondern auch, dass die entkräftende Argumentation in drei Zeilen kurz und prägnant dargestellt ist. Sie weckt durch die provokante Art und Weise Interesse am Gelesenen und der damit in Verbindung stehenden Thematik. Außerdem regt sie zum Nachdenken und zu Diskussionen an. Und ist dieses Interesse geweckt, lassen sich über den QR-Code auf der Rückseite des Bierdeckels viele weitere Informationen zum jeweiligen Thema finden. Die dadurch entstehende Sensibilisierung und Aufklärung sowie die Entkräftung von Vorurteilen und Stammtischparolen sprechen für eine lohnende Kampagne.  

Kommentare(19)

Dave Montag, 24.November 2014, 13:27 Uhr:
Hi, kann man die Bierdeckel irgendwo runterladen oder bestellen?
 
Robo.Term Montag, 24.November 2014, 13:48 Uhr:
Runterladen und selber basteln:
http://www.lpb.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MK/LPB/Dateien2014/PDF/Bierdeckel_Internet.pdf
 
Gaby Montag, 24.November 2014, 14:02 Uhr:
Dave, hier die PDF-Datei mit allen Motiven:

http://www.lpb.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MK/LPB/Dateien2014/PDF/Bierdeckel_Internet.pdf
 
DasNiveau Montag, 24.November 2014, 14:24 Uhr:
"Warum deine Vorurteile am wenigsten wert sind"


Also MEINE Vorurteile sind total durchdacht und reflektiert. Die Vorurteile von allen andern sind am wenigsten wert!
 
Bärenjude Montag, 24.November 2014, 16:25 Uhr:
@ DasNiveau

"Also MEINE Vorurteile sind total durchdacht und reflektiert. Die Vorurteile von allen andern sind am wenigsten wert!"

Ich hoffe, du hast dich auch mal mit der Bedeutung des Wortes ''Vorurteil'' beschäftigt.

Zur Sicherheit :
Es bedeutet, dass ein Urteil voreilig und ohne besonderes Hintergrundwissen über eine entsprechende Sache gefällt wird. Dazu genügen meist oberflächliche Eigenschaften wie Aussehen, Herkunft, Glaube , Sexualität, um nur ein paar Kriterien für Vorurteile zu nennen.

Merke :
Vorurteile setzen eine zumindest einseitige, also eher schlechte Bildung voraus. Das Vorurteil ist flächendeckend gemeint und funktioniert ganz ohne echte Argumentation. Gegen Nazis kann man keine Vorurteile haben, denn die räumen jede Möglichkeit für Vorurteile aus. Sie werben ja nur mit einseitiger, alternativloser Bildung, weil davon ihre ganze Ideologie abhängig ist.
Solltes es sich bei deinen Vorurteilen also um Ausländerfeindlichkeit, Homophobie, Islamophobie usw. handeln, bist du leider einem Irrglauben aufgelaufen.Du wurdest verarscht.

Mit Niveau gedacht :
Homosexuelle, Ausländer, usw. wünschen sich einfach nur, dass sie endlich in Freiheit, ohne Hass nach ihren Vorstellungen leben dürfen.
Im Einklang, ohne Vorurteile. Dafür muss man nur anerkennen, dass es diese Menschen und ihre Leben überall in Massen gibt und sie zur Menschheit gehören. Mit Interesse, Respekt, Toleranz und Akzeptanz kommt dann auch endlich Bildung ins Spiel !

;)
 
Roichi Montag, 24.November 2014, 18:10 Uhr:
@ Bärenjude

Vorsicht Satire, bissig.

Übrigens hat jeder Vorurteile. Der Unterschied besteht darin, ob man bereit ist, diese infrage zu stellen und das auch macht.
 
Amtsträger Montag, 24.November 2014, 20:23 Uhr:
Lieber Bärenjude,

der Kommentar von DasNiveau dürfte ironischer Natur gewesen sein.
 
ssa Montag, 24.November 2014, 21:47 Uhr:
@ Bärenjude:

Hervorragend! Selten habe ich eine solch schlagfertige und zugleich "überdachte" Argumentation entdeckt, die zum mehrfach lesen lockte!
 
Jupp Montag, 24.November 2014, 22:12 Uhr:
@Bär
Für Ironie braucht's allerdings auch ein ganz klein bisschen...
 
DasNiveau Dienstag, 25.November 2014, 13:32 Uhr:
@Bärenjude

Vielen Dank für die Mühe die Sie sich machten. Da mein Kommentar doch ironisch gemeint war (was den andern Mitkommentatoren aufgefallen ist), ist es zwar untreffen, aber schön zu lesen, was Sie an mich verfassten.
 
Bärenjude Dienstag, 25.November 2014, 15:39 Uhr:
@ alle

Natürlich war mir bewusst, dass es ironisch gemeint ist. Es zielt ja offensichtlich in keine Richtung und ich fand es auch originell und amüsant. Bin ja nich vollkommen glatt. ;)

ABER hinter solch einem Kommentar kann auch ein Nazi stecken, den es immer herauszufordern gilt.

Mein Kommentar war eine Spitze ins Leere. Ich gehe NICHT davon aus, dass von den Besuchern hier (außer Nazis) keiner weiß, wie Vorurteile zu definieren sind und ich überhaupt was erklären muss. Ausser den Nazis. Klar. Da versucht man es halt immer und immer wieder...

Ich drucke jetzt Bierdeckel :-)

Ich fühle mich grad, als säße ich bei Dismissed..

:D
 
Schwab Donnerstag, 27.November 2014, 11:50 Uhr:
Alle Menschen haben Vorurteile, davon auszugehen, die menschliche Existenz sei ohne Vorurteile möglich, grenzt eigentlich schon an Dummheit. Wir alle müssen uns in unserer Umwelt orientieren, dazu gehören auch Urteile über Personen und Sachverhalte, die wir nicht oder kaum kennen. Intelligente Menschen streben allerdings danach, ihre Vorurteile am Gegenstand bzw. an der Person zu überprüfen und ggf. zu korrigieren. Dabei wird sich auch herausstellen, daß es Vorurteile über andere Menschen gibt - wie auch Vorurteile anderer Menschen über einen selbst -, die sich bewahrheiten oder zumindestens subjektiv bewahrheiten.
 
Schwab Donnerstag, 27.November 2014, 12:02 Uhr:
Zu glauben, man könne Menschen dazu erziehen, ethnische und kulturelle Überfremdung in ihrer Heimat als etwas Normales bzw. Erstrebenswertes anzuerkennen, ist schon reichlich naiv. Wenn ein Mann sagt, er finde eine Frau attraktiv, alleine schon aufgrund seiner Sinne (Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken …), oder eine Frau einen Mann, oder man findet sich nicht attraktiv, so können derartige Einstellungen nicht aberzogen bzw. wegtrainiert werden – auch nicht durch noch so viel Gerhinwäsche. Man kann allerdings Menschen zur Heuchelei erziehen, Personen oder Sachverhalte als attraktiv zu bezeichnen, die man gar nicht als attraktiv oder erstrebenswert empfindet – nur weil die „Gesellschaft“ das von einem erwartet und Sanktionen über abweichendes Verhalten erteilt.
 
Schwab Donnerstag, 27.November 2014, 12:11 Uhr:
Der typische bio-deutsche Mittelschichtler wird an seinem Arbeitsplatz, wo sich seine Karriere und seine Einkommensmöglichkeiten entscheiden, immer wieder die Vorteile der multikulturellen Gesellschaft betonen – wie viele nette Ausländer es doch gebe, wie gut türkisches, chinesisches Essen schmecke -, er möchte aber nicht in einem Stadtteil (in Deutschland!) leben, in dem Türken, Asiaten und Afrikaner die Mehrheit stellen. Sollte dies der Fall sein, wird er in einen „besseren“ Stadtteil ziehen, damit auch seine Kinder nicht Schulen mit zu vielen ausländischen Kindern besuchen. Wobei natürlich auch die Sorte Ausländer und die Zahl entscheidend ist.
 
Roichi Donnerstag, 27.November 2014, 18:38 Uhr:
@ Schwab

"Zu glauben, man könne Menschen dazu erziehen, ethnische und kulturelle Überfremdung in ihrer Heimat als etwas Normales bzw. Erstrebenswertes anzuerkennen, ist schon reichlich naiv."

Richtig. Warum sollte man Lügengeschichten als Wahrheit anerkennen?
Bildung hilft allerdings dagegen.

"auch nicht durch noch so viel Gerhinwäsche."

Ein biologistischer Ansatz also.
Und ebenso sinnvoll, wie die vorherige Parole.

"Der typische bio-deutsche Mittelschichtler"

Du beschreibst also den "Rassismus der Mitte". Und was willst du aussagen?
Dass das "natürlich" wäre?
Soll wohl die Aussage sein, bleibt aber bei der Behauptung.
 
JayBee Donnerstag, 27.November 2014, 23:41 Uhr:
@ schwab

"Wenn ein Mann sagt, er finde eine Frau attraktiv, alleine schon aufgrund seiner Sinne (Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken …), oder eine Frau einen Mann, oder man findet sich nicht attraktiv, so können derartige Einstellungen nicht aberzogen bzw. wegtrainiert werden – auch nicht durch noch so viel Gerhinwäsche."

Entschuldigung, aber das ist Blödsinn. Natürlich kann sich die Einstellung gegenüber anderen Menschen ändern. Und natürlich auch die Wahrnehmung ihrer Attraktivität. Das hat auch nix mit Training zu tun. Wenn man einen Menschen besser kennenlernt, kann das schon reichen. Und auch der Mensch kann sich ändern. Von mir aus so á la "vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan". Und genauso ist es auch mit der Gesellschaft. Durch besseres Kennenlernen und Aufeinanderzugehen können Vorbehalte abgebaut werden. Meine Güte, schwab, gab es noch nie einen Menschen, bei dem Du nach einiger Zeit gesagt hast: "Ach, so unsympathisch ist er/sie ja gar nicht?" Dann war das schon ein erster Schritt.
 
Schwab Samstag, 29.November 2014, 11:35 Uhr:
@JaBee

Daß man Vorurteile über andere Menschen revidieren kann, hatte ich ja selbst in meinem Beitrag oben erwähnt. Hier sollte man auch unterscheiden, wie man beispielsweise als Deutscher zu einzelnen Migranten steht und wie man gegenüber gesamten Migrantengruppen eingestellt ist. Bei Maischberger zum Beispiel wird dann mal eine hübsche Zigeunerin präsentiert, die gepflegt aussieht, die sehr gut Deutsch spricht, Volljuristin ist, usw. usf. Das ist doch aber nicht die Frage, wie ich zur gesamten Gruppe an Zigeunern stehe, wie die sich beispielsweise in Duisburg präsentiert.
Anderes Beispiel: In meiner Jugendzeit spielte ich Fußball im Verein. Ich könnte nicht sagen, daß ich mit meinen türkischen Sportkameraden im Schnitt schlechter ausgekommen wäre als mit den deutschen. Aber ich möchte halt nicht in einem Stadtteil leben, in dem vor allem nichteuropäische Ausländer die Mehrheit bilden. Sofern ich der dt. Unterschicht angehöre, müßte ich mich eventuell damit arrangieren, weil ich wegen meiner finanziellen Dürftigkeit nicht wegziehen kann.
 
Roichi Samstag, 29.November 2014, 17:14 Uhr:
@ Schwab

Dein Rassismus basiert also einfach nur auf der Notwendigkeit sich selbst anderen, vermeintlich minderwertigen, überlegen zu fühlen, damit du dir nicht eingestehen musst, wie armseelig du selbst bist.
Nicht verwunderlich, aber bemitleidenswert.
Dass du damit keine Diskussion führen kannst, mangels Argumenten, die über dein persönliches Empfinden der Minderwertigkeit hinausgehen, versteht sich von selbst.
 
JayBee Montag, 01.Dezember 2014, 09:26 Uhr:
@ Schwab

Du widersprichst Dir selbst. Bei welcher Anzahl Menschen wäre bei Dir Schluss mit dem Revidieren der Vorurteile? Im Sportverein konntest Du Deine Ressentiment gegenüber Türken ablegen, im Stadtviertel geht das aber nicht? Woran machst Du das fest. Hast Du denn damals nur die Vorurteile gegenüber Deinen Mitspielern abgelegt oder auch gegenüber ihren sie eventuell begleitenden Familien? Damit würdest Du doch schon anfangen, Dich zu öffnen. Der nächste Schritt wäre dann der in ihre Community, weil Du vielleicht zum Geburtstag oder einer Hochzeit eingeladen wirst. Und dann lernst Du halt ein ganzes Stadtviertel kennen. Du hast nur Deine eigenen Argumente nicht zu Ende gedacht.

Und wenn jetzt alle Zigeuner in Duisburg hübsche, gepflegt aussehende, gut deutsch sprechende Volljuristen wären, hättest Du dann keine Vorurteile mehr. Oder wie viele dieser Bedingungen reichen da schon?
 

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