Wachsende Indizienkette im Wehrhahn-Prozess

Seit dem 25. Januar 2018 läuft vor dem Landgericht Düsseldorf der so genannte Wehrhahn-Prozess gegen den seit Anfang 2017 inhaftierten Ralf S. aus Ratingen bei Düsseldorf. Zwischenzeitlich sind 12 von 41 terminierten Prozesstagen verstrichen.

Freitag, 09. März 2018
Alexander Brekemann

Dem Angeklagten Ralf S. aus Ratingen wird vorgeworfen, als „Alleintäter“ am 27. Juli 2000 auf einer Fußgängerbrücke des S-Bahnhofs Wehrhahn mit einer ferngezündeten Rohrbombe einen gezielten „fremdenfeindlichen“ Anschlag auf Sprachschüler aus der ehemaligenUdSSR begangen zu haben, bei dem zehn Personen teilweise schwer verletzt wurden. (bnr.de berichtete) Nachdem ein Ermittlungsverfahren gegen ihn 2002 eingestellt worden war, geriet S. 2014 erneut ins Visier von Polizei und Staatsanwaltschaft. Während der Verbüßung einer Ersatzfreiheitsstrafe soll S. einem ebenfalls inhaftierten ehemaligen Bundeswehrsoldaten, mit dem er sich angefreundet hatte, detailliert über seine Täterschaft berichtet haben. (bnr.de berichtete) Zudem soll sich der Angeklagte mehrere Male durch Tatankündigungen sowie durch Versprecher und verklausulierte Geständnisse in überwachten Telefongesprächen verraten haben.

Da es weder Tatzeugen noch andere eindeutige Beweismittel gibt, fließen im so genannten Wehrhahn-Prozess unter anderem die Bestandteile einer umfangreichen Indizienkette der Staatsanwaltschaft in die Beweisaufnahme ein, die in ihrer Gesamtwürdigung im Juli zu einer Verurteilung zu einer langjährigen Freiheitsstrafe führen sollen. Einfluss auf den Prozessverlauf nehmen über ihre Nebenklagevertreter auch fünf der beim Anschlag verletzten Personen.

Auslösendes Tatmotiv gefunden

Dass Ralf S. ein Rassist, Antisemit, Waffennarr und Militärfetischist ist und zumindest Ende der 90er/Anfang der 00er Jahre Teil der neonazistischen Szene war, darüber dürften sich alle Prozessbeteiligten grundsätzlich einig sein. Und dies spätestens seit dem Abspielen diverser von den Ermittlungskommissionen „EK Acker“ in der Zeit nach dem Anschlag und „EK Furche“ ab Sommer 2014 abgehörter Telefonate, der Präsentation beschlagnahmter Gegenstände und der Vernehmung von bisher 24 Zeugen. Klar geworden ist auch, dass S. unter anderem „Ausländer“ aus „seinem Revier“ am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn aktiv zu vertreiben versuchte. „Ausländer“ machte der Angeklagte dafür verantwortlich, dass so ziemlich nichts klappte, was er nach der nicht erfolgten Verlängerung seiner vierjährigen Verpflichtung bei der Bundeswehr in Angriff genommen hatte.

Aber gab es überhaupt Berührungspunkte zwischen Ralf S. und Menschen, die in „seinem Revier“ Sprachkurse besuchten? Es gab sie. Und sie waren bereits ab Herbst 1999 bekannt. Nach dem Anschlag wurden die Ermittler sogar explizit darauf hingewiesen, verwarfen aber einen Zusammenhang aufgrund des zeitlichen Abstands zur Tat. Schräg gegenüber dem damaligen Militaria-Shop des Angeklagten befanden sich in der zweiten Jahreshälfte 1999 Seminarräume, die von einer Sprachschule angemietet worden waren. Dort wurden zwei Sprachkurse für „jüdische Kontingentflüchtlinge“ abgehalten. Etwa im Oktober 1999 verängstigten zwei Männer aus dem Umfeld von S. diese Sprachschüler – auf Bitte von S., wie eine Zeugin im Prozess aussagte. Etwa zwei Wochen lang, berichtete eine Sprachlehrerin am zwölften Prozesstag, hätten täglich zu Schulbeginn zwei Furcht einflößende Neonazis mit Kampfhunden im Eingangsbereich des Gebäudes Spalier gestanden, bis sie letztendlich durch eine demonstrative Aktion der Schüler vertrieben werden konnten. Sie hätten sich dann gemeinsam mit S. in den Militaria-Laden zurückgezogen. Erst rund 15 Jahre nach der Tat bezogen die Ermittler diesen Vorfall in ihre Recherchen ein. Heute ist die Staatsanwaltschaft fest davon überzeugt, das auslösende Tatmotiv gefunden zu haben.

Nötige Kenntnisse erworben und in Eigenregie angeeignet

Doch natürlich reicht es nicht, ein Motiv und vielleicht auch einen Plan zu haben. Es bedarf der Möglichkeiten und Fähigkeiten der Umsetzung. Seitens der Anklage im aktuellen Wehrhahn-Prozess wird versucht, nachzuweisen, dass S. in der Lage war, die Bombe zu bauen. Alle Indizien – beispielsweise Ankündigungen, „die Kanaken in die Luft [zu] sprengen“ und bei Hausdurchsuchungen gefundene Gegenstände – würden dafür sprechen, dass er das auch getan habe. Schwierigkeiten dabei bereitet unter anderen die Tatsache, dass S. während seiner Bundeswehrzeit laut seiner Personalakte nie im Umgang mit Sprengmitteln ausgebildet wurde.

Ein ehemaliger Vorgesetzter korrigierte vor Gericht seine gegenüber den Ermittlungsbehörden getätigte Aussage, dass sich S. mit Sprengfallen gut auskennen würde. Davon sei er damals zwar ausgegangen, einer näheren Betrachtung würde diese Annahme aber nicht standhalten. Dennoch geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der von dem Bundeswehr-Vorgesetzten als „übermotiviert“, „völlig durchgeknallt“ und in einer „militärischen Traumwelt“ lebend beschriebene S. die nötigen Kenntnisse nicht unwesentlich während seiner Dienstzeit und bei Wehrübungen erworben und sich ansonsten in Eigenregie angeeignet hat. Der Bau des Sprengsatzes wäre ihm auch handwerklich und räumlich möglich gewesen.

Erinnerungslücken bei Zeugen

Ebenso wie S.s ehemaliger Chef bei der Truppe relativierte auch eine wichtige Zeugin ihre frühere Aussage. War sie sich vor etwa zwei Jahren noch zu 100 Prozent sicher, dass S. ihr gegenüber geäußert habe, „die Kanaken in die Luft sprengen“ zu wollen und dass er über Handgranaten verfügen würde, so war sie sich vor Gericht jetzt nicht mehr ganz so sicher. Eine andere Zeugin hatte nach Vorlage von Fotos einer Rekonstruktion des Sprengsatzes gegenüber der „EK Furche“ bekundet, vor dem Anschlag einen optisch baugleichen Gegenstand in der Wohnung von S. gesehen zu haben. Vor Gericht präsentierte sie ihr Erinnern allerdings nicht ganz so überzeugend – im Gegensatz zu dem erwähnten früheren Mithäftling von Ralf S., der die Neuaufnahme des Ermittlungsverfahrens erst bewirkt hatte. Dessen Glaubwürdigkeit wurde am 8. März durch die Aussagen von Polizeibeamten gestützt, die ihn im Juli 2014 vernommen hatten.      

Der Prozess vor dem Landgericht Düsseldorf wird am 22. März fortgesetzt.

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