von Robert Scholz
   

Von der NPD zur ANR zum IfS – Kleine Entstehungsgeschichte der deutschen Neuen Rechten

Kontakt zwischen „Nouvelle Droite“ in Frankreich und „Neuer Rechter“ in Deutschland gab es sehr früh: Bereits 1966 – zu einem Zeitpunkt also, als Wahlerfolge der „alten Rechten“ gerade einsetzten – nahm der junge Publizist Henning Eichberg an einem deutsch-französischen Jugendaustausch teil, der ihn in ein Zeltlager mit jungen französischen Nationalisten in die Provence führte. 

Rückblickend schrieb Eichberg: „Ich begegnete politischen Schriftstellern eines ganz anderen Typs, als ich ihn aus Deutschland kannte; Dominique Venner, Jean Mabire und Fabrice Laroche (d.i. Alain de Benoist) waren eher eine Art von Berufsrevolutionären.“ Dieses Zeltlager bezeichnet Eichberg als „wesentliche[n] Anstoß, mich von der bürgerlich-konservativen ‚alten Rechten’ in Deutschland zu lösen und eine ‚neue Rechte’ zu entwerfen.“ Später arbeitete Eichberg sogar an der 1968 von Alain de Benoist gegründeten Zeitschrift „Nouvelle École“ mit.

In Deutschland ist Eichberg vor allem durch seine Beiträge im „Jungen Forum“, „Fragmente“ und „Junge Kritik“ bekannt geworden, auch wenn er häufig unter dem Pseudonym „Hartwig Singer“ veröffentlichte. Auch das „Manifest einer europäischen Bewegung“, das er für die „Aktion Neue Rechte“ (ANR) verfasste, erschien unter diesem Namen. Dass Eichberg sich mit unmittelbarer politischer Betätigung derart zurückhielt, hatte wohl damit zu tun, dass er 1967/68 zwar eine „Alternativpartei“ anstrebte, die „die Dynamik der jugendlichen Revolte in sich aufnehmen und sinnvoll umlenken sollte“, er sich selbst aber „nicht als Führer einer solchen Bewegung, sondern als deren Theoretiker“ (Weißmann) sah. Dass er „nur“ das Manifest für die ANR schrieb, wird mit Vorbehalten gegenüber einer Parteiabspaltung zu tun gehabt haben. Verwunderlich ist daher nur, dass er später doch in der Abspaltung der ANR-Abspaltung „Nationalrevolutionäre Aufbauorganisation/ Sache des Volkes“ aktiv wurde. Allerdings brachte dieses Engagement keinen nennenswerten Nachhall in der Herausbildung einer „Neuen Rechten“. Heute versucht der geschasste NPD-Vordenker Jürgen Schwab auf seiner Internetseite, sich in eben jene Tradition zu stellen, allerdings konnte auch er die Schwelle zur politischen Bedeutung nie überwinden.

Neben diesen beiden Gruppen bildete sich Ende der 1960er Jahre auch eine konservativ-revolutionäre „Neue Rechte“ heraus, deren Wirken sich nicht in Organisationen manifestierte, sondern sich allein im Publizieren vollzog. In ihrem Zentrum stand die Zeitschrift „Criticón“ des Herausgebers Caspar von Schrenck-Notzing, der vor allem mit seiner „Studie“ über die amerikanische „Umerziehung“ Bekanntheit über die neurechten Kreise hinaus erlangte. „Criticón“ diente auch Armin Mohler als publizistische Plattform. Mohler, der 1949 bei Hermann Schmalenbach und Karl Jaspers mit „Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“ promovierte, vertrat wie de Benoist eine neuheidnische Position und hatte „großen Anteil“ (Stein) an der Aufnahme der Ideen de Benoists in Deutschland. Seine Arbeit über die konservative Revolution erschien 1950 in Buchform und gilt bis heute als Standardwerk zum Thema und gab der Strömung um Personen wie Oswald Spengler, Ernst Jünger, Arthur Moeller von den Bruck und Carl Schmitt ihren Namen. Durch eine Neuinterpretation zielte Mohler auf eine Wiederentdeckung konservativ-revolutionärer und hier vor allem jungkonservativer Ideen durch den traditionellen Konservatismus ab. 1993 veröffentlichte de Benoist eine Übersetzung des Werkes in Frankreich. Mohler revanchierte sich und gestattete dem Franzosen, den Titel seines Buches „Von rechts gesehen“ für seine zweibändige Anthologie „Vu de droit“ zu übernehmen, das 1978 den Grand Prix de l`Essai der Académie Française gewann.

Von Benoist wiederum übernahm der in Algier geborene französische Publizist Pierre Krebs viele Anregungen. Sein 1980 in Kassel gegründeter „Arbeitskreis für die Erforschung der europäischen Kultur“, besser bekannt als „Thule-Seminar“, stellte gerade in seiner Anfangszeit eine Adaption der GRECE in Deutschland dar. Das zeigt sich schon bei der hauseigenen Theoriezeitschrift „Elemente“, die sich bereits vom Titel her an das GRECE-Pendant „Eléments“ anlehnte. Aber auch inhaltlich beteiligten sich viele Theoretiker der französischen „Nouvelle Droite“: Neben Alain de Benoist war es vor allem Guillaume Faye, der in den „Elementen“ seine Texte auch auf Deutsch zugänglich machte. Krebs grenzte sich aber mehr und mehr von der „Neuen Rechten“ ab und sah sich als Vertreter einer „Neuen Kultur“. Insbesondere seine esoterischen Ansichten führten dazu, dass das Thule-Seminar zunehmend den Eindruck einer Sekte erweckte. Krebs vertrat ein radikales Neuheidentum und betonte ein indoeuropäisches Erbe mit biologisch-rassistischer Basis, das bei der deutschen „Neuen Rechten“ nicht mehrheitsfähig war.

dieter-steinDie „Junge Freiheit“ (JF), die sich 1986 als Schüler- und Studentenzeitung gründete, ist das wohl bekannteste neurechte, heute noch erfolgreiche Projekt. Die „Junge Freiheit“ wird häufig als das publizistische Schlachtschiff der „Neuen Rechten“ bezeichnet. Ihr Herausgeber, Dieter Stein, kann mittlerweile auf eine Auflage von 15.000 Exemplaren blicken. Allerdings wurden in der letzten Zeit auch Stimmen laut, die der „taz von rechts“ vorwarfen, ein „langweilige[s], in katholischen Weihrauch getränkte[s] Seniorenblatt“ zu sein.

Einen Versuch, die rechtskonservative Jugend anzusprechen, stellt die 2008 ins Leben gerufene „konservative subversive Aktion“ (KSA) dar, die mit gezielten Störaktionen den Weg aus der theoretischen Isolation finden wollte. Die Aktion geht nicht zuletzt auf das im Jahr 2000 gegründete „Institut für Staatspolitik“ (IfS) zurück, das sich jenseits esoterischer Anschauungen darum bemühte, neurechtes Gedankengut ähnlich wie in Frankreich zu verbreiten. Mit Seminaren, der seit 2003 erscheinenden, publizistisch an „Criticón“ anschließenden Instituts-Zeitschrift „Sezession“ ist das von Götz Kubitschek und Karlheinz Weißmann gegründete IfS der zurzeit ambitionierteste Versuch, mit eigenem, ausdrücklich „rechtem“ Profil metapolitisch zu wirken. Ergänzt wird dieses „Reemtsma-Institut von rechts“ durch Kubitscheks Verlag „Edition Antaios“. Vor allem der Bezug zum Christentum unterscheidet JF und IfS dabei grundlegend vom französischen Vorbild. Nichtsdestotrotz wird auch hier die Nähe zu Alain de Benoist gesucht. Erst im Jahr 2008 gab es Seminare des Instituts, an denen auch der Franzose beteiligt war. Er zählt auch zu den regelmäßigen Autoren von „Junge Freiheit“.

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