von Elmar Vieregge
   

Von der NPD zum Katholizismus – der Ausstieg des Stefan Rochow

Politische Desillusionierung, Enttäuschung über den zwischenmenschlichen Umgang innerhalb der Szene oder Veränderungen im Privatleben sind einige der Gründe, die bei Aussteigern zur Abkehr von ihren Gesinnungsgenossen. Das war auch bei Stefan Rochow der Fall, einem ehemaligen Führungsfunktionär der NPD. In seiner Autobiographie „Gesucht Geirrt Gefunden“ schildert er seinen Weg vom Rechtsextremismus zum Katholizismus und gewährt Einblicke in die NPD.

Der 1976 geborene Rochow wuchs in Greifswald auf. Seine vom evangelischen Bekenntnis der Großeltern beeinflusste Kindheit in Mecklenburg-Vorpommern bewertet er trotz einer Alkoholerkrankung des Vaters und einer späteren Scheidung als behütet. Das Ende der DDR war für ihn zunächst ein Aufbruch, doch unter anderem der Zusammenbruch der heimatlichen Wirtschaft und ein als verkrampft empfundenes Verhältnis der neuen Gesellschaft zur deutschen Nation sollen zu einem „Vakuum der Orientierungslosigkeit“ geführt haben. In dieser Zeit der radikalen Veränderungen geriet er als Jugendlicher über die sich ausbreitenden Skinheadgruppen in den Rechtsextremismus, wobei ihn geschichtsrevisionistische Literatur und einschlägige Musik beeinflussten. Er trieb dennoch seine schulische Ausbildung voran und löste sich vom subkulturellen Rechtsextremismus. Allerdings kam er über einen Straßenstand in Kontakt zur „Jungen Landsmannschaft Ostpreußen“ (JLO) und erhielt über diese wiederum Verbindungen zu rechtsextremistisch motivierten Burschenschaftlern. 1998 gelangte er zur NPD. Er entwickelte sich zum „Parteisoldaten“, zog nach Gießen, engagierte sich im hessischen Landesverband und wurde Bundesvorsitzender der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN). Nach dem Einzug der NPD in den sächsischen Landtag arbeitete er als Berater ihrer Fraktion, bevor er 2007 als Pressesprecher zur Landtags-Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern wechselte.

Rochow sieht die NPD als eine vom Rassismus durchdrungene Partei, deren Beschäftigung mit der sozialen Frage nicht nur Taktik zur Gewinnung neuer Wähler ist, sondern ein von Überzeugung getragenes Anliegen - allerdings eines mit völkisch-nationalistischem Hintergrund. Im inneren Aufbau erfuhr er sie als eine in ihren regionalen Verbänden äußerst unterschiedliche Partei. So sah er etwa einen Kontrast zwischen den von jungen Neonazis geprägten Verbänden der neuen Bundesländer und vielen Kreisverbänden in Hessen, die wie ein „Rentnerclub“ (S. 113) wirkten. Die in Berlin angesiedelte Parteizentrale erlebte er als ebenso unzuverlässig wie uneffektiv, während der er den im sächsischen Riesa beheimateten „DS-Verlag“ als professionell geführtes Wirtschaftsunternehmen einschätzte. Rochow benannte als eine der Ursachen für den späteren Ausstieg seine als Angestellter der sächsischen NPD-Fraktion gemachten Erfahrungen. Dazu habe der Kontrast zwischen der Unfähigkeit der meisten Landtagsabgeordneten und ihrem Gewinnstreben gehört. Er sah gerade die Parteifunktionäre, die im Wahlkampf noch gefordert hatten, „Den Bonzen auf die Finger hauen“, nach der Einsetzung in ihre eigenen Ämter vor allem damit beschäftigt, an öffentliche Gelder zu gelangen. Demzufolge bewertet er die sächsische Fraktion als „braunes Selbstversorgungswerk“ (157 ff.), wenngleich in der Mitarbeiterschaft der Abgeordneten ein zielgerichtetes Arbeiten möglich gewesen sein soll. Im Kontrast dazu empfand der bürgerliche Aktivist die Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern als unprofessioneller, aber aufgrund der neonazistischen Ausrichtung der meisten Abgeordneten als weitaus extremistischer.

Neben diesen Punkten benennt Rochow zwei weitere Gründe für seine Abkehr. Einer habe darin bestanden, dass er eine Freundin fand, die ein Kind mit türkischem Vater in die Beziehung einbrachte, und er daraufhin aus rassistischen Gründen innerparteilich angefeindet wurde. Zudem habe er zum Christentum zurückgefunden, nachdem er sich ab 2005 mit Papst Benedikt XVI. beschäftigte. Dies soll 2008 zu seinem Ausstieg und in der Folge zu seiner Konversion zum Katholizismus, dem Eintritt in ein aktives Glaubensleben und 2011 zur Aufnahme eines Theologiestudiums geführt haben. Seine gesellschaftlichen Wiedereingliederungsversuche bewertet er hingegen als enttäuschend, da ihn Arbeitgeber aufgrund seiner Vergangenheit reihenweise ablehnten.

Rochow hat mit „Gesucht Geirrt Gefunden“ ein Bekenntnis abgelegt; dementsprechend beschäftigt er sich darin intensiv mit seiner Glaubensfindung. Sein Buch hebt sich positiv von vielen Veröffentlichungen anderer Aussteiger ab, da er zwar Informationen zu wichtigen Funktionären wie Holger Apfel oder Udo Pastörs anbietet, jedoch auf Diffamierungen verzichtet. Ebenso unterlässt er es, die eigene Schuld für seinen Lebensweg herunterzuspielen. Rochow stellt vielmehr klar, dass er zwar keine Gewalttaten begangen hat, aber ein „Strippenzieher des Rechtsextremismus“ war und als „geistiger Brandstifter schuldig geworden“ ist (S. 214, 217). Positiv ist weiterhin, dass er Aspekte seiner Entwicklung darlegt, die exemplarisch für viele seiner ehemaligen Gesinnungsgenossen sind. Dies betrifft beispielsweise die antidemokratische Grundhaltung. Dazu gab er an, dass er die Überzeugung hatte, Verteidiger des vom Untergang bedrohten Deutschlands zu sein und beabsichtigte, „für den Augenblick des Zusammenbruchs gerüstet zu sein“ (S. 65). Seine Haltung fasste er mit den Worten zusammen:

„Ich habe immer daran geglaubt, mit meinem Handeln für mein Volk und mein Vaterland etwas Gutes zu tun. Dieser Glaube bestimmte mein Leben, ließ mich hassen und trieb mich immer wieder voran. … Auf der einen Seite diejenigen, die mein Volk vorsätzlich auslöschen wollen. Auf der anderen Seite stehen wir, denen im Kampf um dieses Volk kein Opfer zu hoch ist“ (S. 193).

Für Rochows Veröffentlichung spricht zudem, dass sie auch den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit Rechtsextremisten problematisiert und dadurch Diskussionsansätze bietet. So sieht er in einigen Aspekten des „Kampfes gegen Rechts“ ein Glaubwürdigkeitsproblem der demokratischen Gesellschaft. Das betrifft bei Protesten gegen rechtsextremistische Demonstrationen etwa das Beleidigen von Marschierenden als „braune Exkremente, Pest oder braune Ratten“. In diesem Zusammenhang äußerte Rochow:

„Wenn ich … Hetzjagden auf Teilnehmer der NPD-Demonstration erlebte, in hasserfüllte Gesichter sah, die nicht nur auf unserer Seite zuhause waren und auch miterlebte, wie Gewerkschafter, Parteiaktivisten von demokratischen Parteien und politische oder gesellschaftliche Repräsentanten im besten Fall wegsahen, wenn aus ihren Reihen heraus Steine geschmissen wurden oder vermeintliche oder wirkliche NPD-Anhänger verprügelt wurden, dann gibt die Demokratie ein Bild ab, mit dem ich mich auch heute nicht identifizieren kann“ (S. 225).

Hervorzuheben ist zudem, dass Rochow die Gesellschaft, in deren Sinn der Ausstieg möglichst vieler Rechtsextremisten ist, auf die an Perspektivlosigkeit grenzenden Aussichten aussteigewilliger Szeneangehöriger hinweist, denen eine Wiedereingliederung kaum möglich ist, sofern ihnen aufgrund ihrer Vergangenheit Arbeitsplätze verwehrt werden.

Eine Schwäche der Veröffentlichung liegt darin, dass die grundsätzlichen Überlegungen zur rechtsextremistischen Szene nicht konzentriert in eigenen Kapiteln erfolgten, sondern sich in verschiedenen, über die gesamte Veröffentlichung verteilten Passagen finden. Zudem erschwert der Verzicht auf ein Personen- und ein Sachregister die Arbeit mit dem Buch. Darüber hinaus hätten, vor dem Bildungshintergrund und den Erfahrungen Rochows, einige Punkte intensiver betrachtet werden können. Das betrifft insbesondere die Darstellung der Landtagsfraktionen in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern.

Rochow gehörte als 1976 geborener Greifswalder zu einer Generation Jugendlicher, für die sich nach der Wiedervereinigung alles änderte und die sich mit allen Möglichkeiten aber auch allen Herausforderungen der bundesdeutschen Demokratie konfrontiert sah. Sein lesenswertes Buch ruft nicht nur diese Situation in Erinnerung und zeigt innere Widersprüche der rechtsextremistischen Szene auf, sondern weist auch auf die Schwierigkeiten der demokratischen Gesellschaft im Umgang mit dieser hin.

Gesucht-geirrt-gefunden klStefan Rochow
Gesucht Geirrt Gefunden
Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2013
248 Seiten, 18,90 Euro

Kommentare(2)

nurmalso Dienstag, 28.Mai 2013, 08:08 Uhr:
Schön für Rochow, nun hat er sie gefunden, die Geister, Götter, Engel ...
Mit Blick auf die in 1933-1945 versunkene Partei und diesen "wieder gefundenen" unerträglich primitiven christlichen Aberglauben, hätte Rochow für sein Buch den Titel "Vom Regen in die Traufe" wählen sollen.


"„Wenn ich … Hetzjagden auf Teilnehmer der NPD-Demonstration erlebte, ... “ (S. 225)."

Die Gutmenschen wissen, dass sich kein Mensch diese menschenverachtenden Exzesse gefallen lässt. Die Frage ist doch, ob die so von den Gutmenschen in Gang gesetzte Gewalt- und Hassspirale politisch gewollt ist, oder ob hier nicht lediglich in uns allen steckende Triebe ursächlich sind, die zur Schau gestellte blütenweiß reine Ideologie also nur Heuchelei ist? Ich vermute mal, beides!


"...Auf der anderen Seite stehen wir, denen im Kampf um dieses Volk kein Opfer zu hoch ist“ (S. 193)"


Dachte mal ähnlich, aber man lernt. "Das Volk" ist, mit Blick auf deren zuvor erwähnten Hasstiraden u. Schwarmverhalten, nicht vorhandenen Schnittmengen und zur Schau gestellter Dämlichkeiten, nicht Wert auch nur den kleinen Finger für sie auch nur zu bewegen.
 
Marx-ist-doof Freitag, 14.Juni 2013, 17:11 Uhr:
@nurmalso

Du bevorzugst wohl den marxistischen Aberglauben mit dem gescheiterten Börsenspekulanten Marx als Ersatzheiland?

Dann quengele nicht über Katholiken.
 

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