"Heimattreue deutsche Jugend"
Von der HDJ zur Bundeswehr
Ein aktiver Bundeswehroffizier und ein langjähriger Mitarbeiter des Bundesverteidigungsministeriums stehen seit Jahren der rechtsextremen Szene nahe. Auf einer Hochzeit der völkischen Szene zeigen sich ihre Verbindungen deutlich.
Vor dem feierlichen Festbeginn eilen die beiden Männer geschäftig über das Gelände. Im „Gasthof zu Loyerberg“ in Rastede bei Oldenburg soll an diesem Spätsommertag im August eine Hochzeit aus der völkischen Szene über die Bühne gehen und das Brautpaar ist mit den Männern eng befreundet und verwandt. Das bringt Pflichten mit sich. Volker Lisson und Georg G. wissen, wie man Zusammenkünfte organisiert und einen eng getakteten Ablaufplan einhält, beide blicken auf eine lange Karriere als Offiziere bei der Bundeswehr zurück. Ihre zweite Gemeinsamkeit, die ein großer Teil der Anwesenden mit ihnen teilt: Beide Männer stehen der extrem rechten, teils völkischen Szene seit Jahren nahe.
Georg G. ist Mitglied im AfD-Kreisverband Ammerland und Ritter des österreichischen „St. Georgs-Ordens“, ein europäischer Orden des Hauses Habsburg-Lothringen, der sich mit dem Habsburger Reich verbunden fühlt. Gemeinsam mit dem Bräutigam, der ebenfalls AfD-Mitglied ist, posiert er 2023 auf Fotos von den „Ordenstagen“ im österreichischen Eisenstadt. In der österreichische Rechtsextremismusexperte Karl Öllinger stuft den monarchistischen Orden politisch als FPÖ-nah ein. G. war Offizier und über 17 Jahre im Bundesministerium für Verteidigung tätig. Auf dem Job-Netzwerk Xing gibt er an, Heeresaufklärungs- und Feldnachrichtenoffizier, sowie Sport- und Übungsleiter gewesen zu sein.
Nach 17 Jahres Bundeswehr verlassen
Unter anderem unterrichtete er Gesellschaftstanz für Offiziere an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, die an Bällen von Marine, Heer oder Oberheeresgruppe teilnehmen sollen. Eine Sprecherin der Bundeswehr in Köln bestätigt, dass „sich Herr G. von Sommer 2006 bis Sommer 2023 einem aktiven Dienstverhältnis befand“. Über die Gründe für dessen Ende machte sie keine Angaben. Wenige Monate vor dem Ausscheiden von G. aus der Bundeswehr war die damalige AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft worden. G. hatte an mindestens einem Treffen der Gruppe teilgenommen, bei deren Bundeskongress im November 2018 in Barsinghausen – wie Fotos belegen.
Auch Major Volker Lisson aus Kaltenkirchen hat es in der Bundeswehr weit gebracht. Und er ist, so zeigen Aufzeichnungen und Fotos, tief im Kern des Rechtsextremismus, der völkischen Szene verwurzelt. Seit 2020 ist Lisson Kommandeur der 3. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 122 im oberpfälzischen Oberviechtach. Er soll zuvor laut der bayerischen Lokalzeitung Onetz.de einen „Kampfzug in Litauen“ geführt haben. Er übernehme die Einheit „unmittelbar vor dem Höhepunkt der Ausbildung und werde damit in die taktische Führungsverantwortung geworfen“, zitiert das Medium von der Kommandoübergabe im April 2020 in der Grenzlandkaserne.
Völkischer Familienverband
Lisson gehört zu einem völkischen Familienverband. Er wurde in der 2009 wegen ihrer Verfassungsfeindlichkeit verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) sozialisiert, nahm an Lagern und Fahrten teil, wie zahlreiche Fotos belegen. 2006 besuchte er mit einem Familienmitglied auch den rechtsextremen „Märkischen Kulturtag“ im brandenburgischen Blankenfelde. Wenig später war er mit Familie zu einem Treffen des antisemitischen „Bund für Gotterkenntnis – Ludendorff“ nach Dorfmark gereist. 2018 nahmen Familie und Lisson an einer aus der völkischen Szene organisierten „Wilhelm Tell“-Aufführung im sächsischen Bischofswerda teil. Die Pressestelle des Panzergrenadierbataillons 122 in der Oberpfalz antwortete nicht auf eine schriftliche Anfrage nach der Vereinbarkeit von Lissons Verstrickung in die extrem rechte Szene und seiner Verpflichtung bei der Bundeswehr.
Auch die Braut, Irmhild S. aus Kaltenkirchen, die mit Lisson in der Familie aufwuchs, ist in der extrem rechten und völkischen Szene tief verwurzelt. Die HDJ war bereits verboten, wie viele andere sandten ihre Eltern sie in die Lager des rechtsextremen „Sturmvogel-Deutscher Jugendbund“ wie 2015 nach Grabow. 2016 war sie gemeinsam mit anderen Völkischen aus der ehemaligen HDJ und dem „Sturmvogel“ in einem Volkstanz-Werbevideo der Identitären Bewegung an den Hamburger Landungsbrücken zu sehen. Gemeinsam mit ihrer Schwester inszenierte sie sich für Fotos einer rassistischen Aktion der IB. 2018 besuchte sie gemeinsam mit Volker Lisson und weiteren Familienmitgliedern die „Wilhelm Tell“-Aufführung in Bischofswerda.
Etliche Szene-Aktivisten auf Hochzeit
Zur Hochzeitsfeier am Loyerberg hat das Paar neben den zwei Militärs mehrere Aktivisten der Identitären Bewegung, Mitglieder extrem rechter Jugendbünde, einen ehemaligen Referenten der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion und einige Burschenschafter als Gäste. Insbesondere die Familie der Braut ist für ihre Verstrickungen in die völkische Szene bekannt.
Unter den Hochzeitsgästen am Loyerberg ist die ehemalige Bundesführerin des „Sturmvogel“ aus Niedersachsen sowie ein Aktivistenpärchen der „Identitären Bewegung“, die 2022 in Bispingen ein Sturmvogel-Lager mit Kindern und Jugendlichen leiteten. Zum Feiern angereist sind auch die Verwandten der Braut Gerhild Drescher sowie ihr Bruder Helge Drescher aus Berlin. Gerhild Drescher ist Multiaktivistin in der völkischen Szene und Unterstützerin der Identitären Bewegung. Sie beteiligte sich 2018 an einer neonazistischen Solidaritätsaktion für die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck. Ihr Bruder Helge gehört zu den Mitbegründern des revisionistischen „Deutschen Kolleg“. Es entstand nach Informationen des „Antifaschistischen Pressearchivs“ aus Berlin aus dem vormaligen Junge Freiheit-Lesekreis, der von Helge Drescher geleitet wurde. Im Zentrum des „Deutschen Kolleg“ steht die Wiederbelebung des Reichsgedankens. Im Gasthof zum Loyerberg tagt unterdessen immer wieder die AfD. Etwa zwei Wochen vor der Feierlichkeit lud die AfD-Ammerland dort zum Stammtisch, Georg G. war dabei.