von Oliver Cruzcampo
   

Vom „Schlachtfeld Osteuropa“ bis zum Kampfsport-Seminar

180 Veranstaltungen und Aktionen der rechtsextremen Szene listet die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern für das vergangene Jahr auf. Darunter fanden auch etliche konspirativ organisierte Konzerte und Zeitzeugen-Vorträge statt, von denen die Sicherheitsbehörden erst im Nachhinein Kenntnis erlangten.

Teilnehmer des Neonazi-Festivals in Ostritz mit "Division Mecklenburg"-Shirts

Fast jeden zweiten Tag konnte die rechtsextreme Szene im Jahr 2017 eine Aktion durchführen. Darunter befanden sich neben Konzerten, Liederabenden und Kampfsport-Events aber auch Plakatierungen Unbekannter. Die Auflistung ist das Ergebnis einer Kleinen Anfrage der Linken-Landtagsabgeordneten Karen Larisch.

Mehr als einmal pro Monat – insgesamt 13 Mal – wurde im Schnitt das Thinghaus in Grevesmühlen für Veranstaltungen genutzt. Das Gebäude, das sich im Besitz des Neonazis Sven Krüger befindet, diente für eine Vielzahl von Events, unter anderen Konzerte, Zeitzeugen-Vorträge, „Partys“ und eine Landesdelegiertenversammlung der NPD. Dazu kommen vier weitere Szene-Veranstaltungen in Jamel, die ebenfalls auf dem Grundstück Krügers durchgeführt werden, darunter ein Kinderfest mit einer Sonnenwendfeier oder eine Gegenveranstaltung zum jährlich in der kleinen Gemeinde stattfindenden „Jamel rockt den Förster“.

Über ein Dutzend Veranstaltungen konnte die Szene derart konspirativ organisieren, dass die Landesregierung jeweils ein „wurde im Nachhinein bekannt“ ergänzen musste. So kam es im Mai 2017 zu einem Kampfsport-Seminar in der knapp 9.000 Einwohner zählenden Gemeinde Heringsdorf auf Usedom. Involviert sei dabei Denis Nikitin gewesen, der russische Neonazi und Kampfsportler wurde nur wenige Monate später zu einem Vortrag in Anklam eingeladen, dort hat auch die NPD-Landesgeschäftsstelle ihren Sitz.

Neue Szene-Locations

Auffällig ist, dass die Szene offenbar auf zwei neue Objekte zurückgreifen kann. In Klein Belitz führte laut Landesregierung die NPD einen Themenabend „Schlachtfeld Osteuropa“ durch, einige Monate später kam es zu einem konspirativ organisierten Konzert. Der Verfassungsschutz nennt die Lokalität einen Treffort des NPD-Kreisverbandes Mecklenburg-Mitte, 2016 war dort das Wahlkampflager der JN angesiedelt. In Malchow fanden 2017 erstmals drei Szene-Veranstaltungen statt, auch eine Neonazi-Schulung mit 80 Teilnehmern. Die Linke werte dies als einen Beleg, dass sich die Szene mehr und mehr auf einen Straßenkampf vorbereite.

Der Dritte Weg spielt in Mecklenburg-Vorpommern weiterhin keine Rolle. In der Antwort auf die Kleine Anfrage ist zwar die Rede von einzelnen Verteilaktionen regionaler Aktivisten, der „ursprünglich vorgesehene `Gebietsverband Nord`“ sei aber bislang nicht gegründet worden.

Der Identitären Bewegung werden insgesamt 17 Aktionen für das vergangen Jahr zugeordnet. Die Gruppierung, der erst vor wenigen Tagen ihre Facebook-Präsenz gelöscht wurde, kam jedoch nie auf mehr als zehn Teilnehmer.

Keine Großevents im Norden

Während vor allem in Sachsen und Thüringen immer mehr Neonazi-Festivals unter dem Deckmantel der politischen Versammlung durchgeführt werden und Teilnehmer-Zahlen im vierstelligen Bereich mehrfach zustande kommen, setzt die weiterhin von der NPD und deren Kadern dominierte Szene im Nordosten weiterhin auf zahlreiche im Verborgenen durchgeführte Veranstaltungen. Diese erreichen jedoch nur selten mehr als 150 Anhänger. Der letzte Event, der die 1.000-Teilnehmer-Marke durchbrach, war das NPD-Pressefest unter Holger Apfel.

Keine Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen