Vollk am Rand – NPD: Personen, Politik, Perspektiven der Antidemokraten

Ein rechtsextremer Aussteiger packt aus.

Donnerstag, 27. Oktober 2005
Tomas Sager

Aussteigerbücher hinterlassen häufig beim fachkundigen Publikum ein Unbehagen. Allzu oft bleiben sie an der Oberfläche – was die Beschreibung der extrem rechten Szene anbelangt, in der sich der Autor ja mehr oder weniger prominent getummelt hat, aber auch was die Biographie des Autors und speziell deren Bruchstellen angeht. Jan Zobels „Volk am Rand“ macht keine Ausnahme. Knapp vier Jahre war Zobel bei den Jungen Nationaldemokraten aktiv, danach arbeitete er vier Jahre in der Rechtsrock-Branche. Da könnte einer viel und präzise erzählen, ließe sich vermuten.
Doch Zobel erzählt präzise nur, wenn es um seinen Einstieg in die Szene mit gerade einmal 17 Jahren geht. Die Republikaner („Friedhof der alten Kameraden“, so Zobel) sind ihm zu öde, beachten ihn auch nicht, als er in Hamburg bei einer ihrer Veranstaltungen auftaucht. Ganz anders die NPD. Günter Deckert, „unsere Wutbombe aus Weinheim“, wie ihn der Landeschef Ulrich Harder laut Zobel tituliert, spricht bei einer ihrer Veranstaltungen. Zobel ist begeistert – wegen Deckerts Auftritt, aber wohl mehr noch wegen der Aufmerksamkeit, die Harder dem jungen Mann entgegenbringt.

Dem Eintritt in die NPD folgen die Kontakte zur harten NS-Szene. Thies Christophersen wird für Zobel so etwas wie sein Großvater. Doch irgendwann ermüden ihn die von Christophersen erzählten „ewig gleichen Kriegsabenteuer“. Gemeinsam mit dem früheren Hamburger FAP-Vorsitzenden Andre Goertz entwickelt Zobel das Konzept des „progressiven Nationalismus“, im Buch wahlweise auch „moderner“, „fortschrittlicher“, „liberaler“ oder „demokratischer“ Nationalismus genannt. „Mit Hitler, Auschwitz und Skins haben wir nichts am Hut“, schreibt Zobel, „wir sehen uns als liberale Nationalisten.“ Zu ihrem Konzept, die „nationale Bewegung aus der Schmuddelecke“ zu holen, gehören „flotte Sprüche, ungewohntes Auftreten, neues Layout. Weg von Nazi-Runen und Hitler-Kult, hin zu Jugendsprache und Volksthemen“. Leider bleibt es auch im Rückblick bei einer so schlagwortartigen Beschreibung.

Zobel bringt es zum JN-Landesvorsitzenden in Hamburg und zum Chefredakteur des JN-Organs „Einheit und Kampf“. Doch letztlich scheitern Zobel und Goertz in der NPD mit ihrem Konzept, das sich gegen die NS-Nostalgiker richtet. Ihr Abgang aus der Partei ist die Folge. Gleichwohl nimmt Zobel für sich in Anspruch, dass genau ihre Überlegungen später ins Drei-Säulen-Konzept der NPD einfließen: „Eigentlich sind sie unsere Erfindung.“

Für Leser, die bereits in den 90er Jahren die Diskussionen der extremen Rechten verfolgt haben, bietet dieser erste Teil des Buches wenig bis gar keine Neuigkeiten – abgesehen von anekdotenhaften Beschreibungen. Zum Beispiel, wie es Zobel als Wehrpflichtigem gelang, von seiner Stube aus einen „schwunghaften Handel“ mit Rechtsrock-CDs aufzuziehen oder wie man sich den Frühsport mit Holger Apfel vorzustellen hat.

Noch weniger erfährt man über seine Tätigkeit für den Düsseldorfer Rechtsrock-Unternehmer Torsten Lemmer, obwohl sie nach Zobels Abgang aus JN und NPD noch einmal vier Jahre währte. Stattdessen gibt es Beschreibungen der NPD in Sachsen, die aber für die aufmerksamen Zeitungsleser nichts Neues bieten. Dem im Untertitel des Buches formulierten Anspruch, die „NPD: Personen, Politik und Perspektiven der Antidemokraten“ zu behandeln, wird der Band so nicht gerecht.

Vollends ärgerlich wird das Buch, wenn Zobel politische oder historische Bewertungen anstellt. Wenn ihm beispielsweise einfällt, dass es der radikalen Heilsbringer nicht bedarf, „um den Antisemitismus zu schüren. Das besorgt schon der Staat Israel mit seiner harten Politik gegenüber den Palästinensern“. Oder wenn er feststellt, Tel Aviv habe bei der Annahme von so genannten Wiedergutmachungszahlungen „geflissentlich“ ignoriert, dass an der D-Mark auch jüdisches Blut geklebt habe. Oder wenn er schreibt: „Das Dritte Reich erledigte, was die Weimarer Republik nicht vermocht hatte – das antiquierte Kaiserreich endgültig zu zertrümmern und den deutschen Staat ins 20. Jahrhundert zu führen.“ So bleibt unterm Strich der Eindruck: Wäre das Buch nicht geschrieben worden, hätte man nichts vermisst.

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