Völkischer Siedler Kopf einer mutmaßlichen Wehrsportgruppe

Die Staatsanwaltschaft Lüneburg ermittelt gegen eine bewaffnete Untergrundgruppe mit politischen Verbindungen bis ins Verteidigungsministerium. Bislang unbekannt: Der verdächtigte Anführer hat einen völkisch-nationalistischen Hintergrund.

Mittwoch, 06. Oktober 2021
Andrea Röpke/Olaf Meyer

Es sind brisante Ermittlungen. Der Reserveoffizier der Bundeswehr, Jens G., soll Chef einer bewaffneten Wehrsportgruppe sein, gegen die die Staatsanwaltschaft in Lüneburg ermittelt. Sechs der neun Beschuldigten sind Reservesoldaten der Bundeswehr. Besonders pikant ist allerdings, dass G. über engen Kontakt zu einem Mitarbeiter des Bundesverteidigungsministeriums verfügt haben soll. Medien berichten, dass bei einer routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung Hinweise auf eine „rechtsextreme Gesinnung“ gefunden wurden.

Im Mobiltelefon des Referenten der Abteilung „Strategie und Einsatz“ fand sich die Nummer von Jens G. Diese Abteilung hat laut „Spiegel“  Zugang zu sensiblen Geheiminformationen etwa über das Kommando Spezialkräfte und über verdeckte Ermittler des MAD. Es erfolgten Hausdurchsuchungen in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Berlin an acht Orten. Die mutmaßliche Wehrsportgruppe von Waffenfans wird von der zuständigen Staatsanwaltschaft in Lüneburg mit geplanten Anschlägen auf Migranten in Zusammenhang gebracht. Es wurden Waffen als auch Munition sichergestellt, das Material werde geprüft, heißt es. 

Miteinander eng vertraute völkische Szene

Der verdächtige Anführer, Oberstleutnant der Reserve, Jens. G., arbeitet als Zimmermann in der niedersächsischen Wedemark, wohnt aber wohl in der Lüneburger Heide. Bei Facebook zeigt sich G. als Militarist in Tarnkleidung. Er ist stellvertretender Kreisvorsitzender der Reservistenkreisgruppe Hannover. Die setzt sich nach Angaben des „Recherche Netzwerk Hannover“ aus ca. 1100 Mitgliedern zusammen. Im Landkreis Uelzen, in der Nähe von Bienenbüttel besuchte er 2016 einen „Maitanz“ der völkischen Szene. Zu diesem Event wurden sogenannte Sippenmitglieder aus dem politischen Spektrum von NPD, Wiking-Jugend, Heimattreuer Deutscher Jugend, Sturmvogel, Identitäre Bewegung, AfD  und rechtsextremer Bünde zum Tanz in den abgelegenen Ortsteil Edendorf geladen. G. reiste mit einem olivfarbenen Volkswagen an. Mit vielen der Gäste war er vertraut.

Zur Eröffnung der Brauchtumsfeier spielten damals die männlichen Oberhäupter von vier örtlichen „Sippen“ mit Jagdhörnern auf. Einer war Hellmut M. aus Bienenbüttel. Auch er wurde bereits von den Behörden mit Waffen in Zusammenhang gebracht. M. war in den 1970er Jahren im Bund Heimattreuer Jugend (BHJ) aktiv und soll später der „Deutschen Bürgerinitiative“ des verurteilten Rechtsterroristen Manfred Roeder angehört haben. Ebenfalls Kontakt pflegte M. zu Heinz Lembke. Bei dem Forstmeister aus der Lüneburger Heide war im Oktober 1981 das größte jemals bei Neonazis in Deutschland entdeckte Sprengstoff- und Waffendepot gefunden worden. Lembke stand zudem in Verdacht in den Oktoberfestanschlag verwickelt gewesen zu sein. Unterlagen belegen, dass eine bewaffnete Gruppe aus der Region Uelzen bereit stand um hinter den „feindlichen Linien“ zu kämpfen. 

M. nimmt weiterhin an rechtsextremen Aufmärschen teil, teilweise gemeinsam mit seinen inzwischen erwachsenen Kindern. Filmaufnahmen eines Werbevideos zeigen zwei seiner jugendlichen Töchter bei einer Veranstaltung der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ). Dieser Verein wurde 2009 wegen seiner aggressiv-kämpferischen Grundhaltung vom Bundesinnenministerium verboten. In Edendorf beim „Maitanz“ stößt Jens G. 2016 auf diese und andere rechte Anhängerschaften.

Völkische "Avantgarde" will eigenen Nachwuchs gegen demokratische Gesellschaft immunisieren

Die völkische Szene sieht sich als elitäre nationale Avantgarde. Viele männliche Mitglieder besitzen Waffenscheine und sind in Jagdgenossenschaften und Vereinen aktiv. Auch ein Faible für Wehrmacht und Militär ist in diesen Kreisen nichts Besonderes, obgleich sich nach außen vor allem auf Wandervogelmystik und Volkstum berufen wird. Der Potsdamer Wissenschaftler Gideon Botsch warnt bereits seit Jahren davor, dass Kinder und Jugendliche in extrem rechten Jugendbünden eine „umfassende politische Schulung“ erfahren, die sie gegen eine weltoffene, demokratische Gesellschaft immunisieren soll. Jens G., Fahrtenname „Trüffel“, zählte zum antisemitischen „Deutsch-Wandervogel“(DWV).

Gideon Botsch sagt: "Unter den völkisch-antisemitischen Jugendgruppen war der Deutsch Wandervogel vermutlich die weltanschaulich radikalste. Dieser sehr kleine Verein beruht als 'Lebensbund' auf der 'Gefährtenschaft' seiner Mitglieder, die sich um mehrgenerationelle Familienverbände gruppieren. Auch wenn der Bund heute formal nicht mehr bestehen sollte: Seine früheren Angehörigen stehen in engem Kontakt miteinander, oft werden sie in anderen Verbänden aktiv - und sie versuchen auch, in an sich unpolitischen Jugendbünden Erfahrungen zu sammeln." Und: "Die Bejahung von Stärke, Kampf und Gewalt gehört zu den Erziehungsprinzipien dieser Gruppierungen. Bei Verbänden wie dem Deutsch Wandervogel kann das auch rechtsterroristische Tendenzen umfassen". Als Kind habe auch der spätere Rechtsterrorist Odfried Hepp die Lager des DWV besucht, der Vater war „Gefährte“. Dieser Bund ist in der Lüneburger Heide bis heute tief verwurzelt.

Weitere Bündische unter den Facebook-Freunden

Unter den Facebook-Freunden von Jens G. sind Bündische, so ein Aktivist des „Weinbacher Wandervogel“ aus Nordrhein-Westfalen oder nationalistisch gesinnte Handwerker aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Wohl kein Zufall: Auch mit dem Schwiegersohn des NPD-Landwirtes Joachim Nahtz aus Eschede ist G. befreundet. Dem niedersächsischen Verfassungsschutz ist der 1971 geborene Reichswehrfan, Jens G., mit seiner Vorliebe für deutsche Kübelwagen, bestens bekannt. Personennummer: PN 61764380.

Bereits 2002 listete die thüringische Polizei ihn und seine damalige Ehefrau, eine Heilprakitikerin aus Hannover, als Teilnehmerinnen der Sonnenwendfeier des damaligen Anführers Jürgen Rieger der rassistischen „Artgemeinschaft – Germanischen Glaubensgemeinschaft“ im „Hufhaus“ in Ilfeld auf. In der Kartei der „Artgemeinschaft“ wird sie als „Mitglied“ seit 1991 geführt. Auch in den letzten Jahren fielen zwei „Kübelwagen“ bei deren Treffen im Südharz auf. 2019 lud „Trüffel“ gemeinsam mit Holger, Heinrich und Heiko die „Gefährten unserer Jugend, ihr Bilder bessrer Zeit.“ zur Geburtstagsfeier ein. Eine Wiese „zum kothen und campieren“ sei neben dem Festplatz vorhanden, hieß es in der Einladung. 

Bundeswehrexperte mit neu-rechtem Hintergrund

Der Name eines Facebook-Freundes könnte für die Staatsanwaltschaft Lüneburg jedoch von besonderer Bedeutung sein: Peter Boßdorf. Der 2020 verstorbene Dr. Peter Boßdorf galt als langjähriger Bundeswehrexperte mit neu-rechtem Hintergrund. Unter seiner Leitung hatte sich der Mittler Report Verlag „zu einem Marktführer in der wehrtechnischen und sicherheitspolitischen Publizistik entwickelt“ wie es in einem Nachruf heißt. Boßdorfs Branchendienst beobachtet eigenen Angaben zufolge „politischen Prozesse im Verteidigungsausschuss und im Ministerium“. Leser finde der Verlag vor allem in den Führungsstäben und Einrichtungen der Bundeswehr, in Rüstungsbehörden auf EU- und Nato-Ebene, im Parlament, bei Leitmedien und Forschungsinstituten, sagte Boßdorf gegenüber „Politik & Kommunikation“.

Auch Boßdorfs Familie bewegt sich in Kreisen Ewiggestriger. Sein Schwiegervater war mehrere Jahre Chefredakteur der Zeitschrift „Zuerst“. Boßdorfs Ehefrau ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des bisherigen verteidigungspolitischen Sprechers der AfD-Bundestagsfraktion. Die Töchter engagieren sich bei der extrem rechten Identitären Bewegung (IB). Eine war 2017 an einem Blockadeversuch vor dem Bundesjustizministeriums beteiligt und kandidierte bei den letzten Kommunalwahlen in Königswinter für die AfD. Ebenso wie der mutmaßliche Wehrsportgruppenanführer Jens G. verkehren die jungen Frauen in völkischen und rechtsbündischen Kreisen. 

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