von Robert Scholz
   

Viel Lärm um Nichts? Keine weiteren Ermittlungen zum 'Sturmvogel'-Lager

Als „sehr ruhig und vernünftig“ beschrieb eine Nachbarin der "Ostsee-Zeitung" (OZ) zufolge die jungen Leute, die am Wochenende zu einem Lager des „Sturmvogel“ in Neuhof (Kreis Bad Doberan) zusammenkamen. Eine Beobachtung, die die Polizei teilt.

Demnach hätte es „keine Anhaltspunkte für Straftaten oder Kindeswohlgefährdung“ gegeben und auch die überprüften Personen seien nicht polizeilich aufgefallen, „insofern wird es auch keine weitere Ermittlung geben“, teilte eine Sprecherin gegenüber der Zeitung mit.

Der Pächter, der der Gruppe sein sieben Hektar großes Gelände zur Verfügung stellte, verortet sich laut „OZ“ „klar in der politischen Linken“ und hat die 40 Kinder und ihre Betreuer zunächst für Pfadfinder gehalten. Erst nachdem die Antifa auf sein Grundstück gekommen sei und durch Fenster fotografiert habe, hätte er sich über den „Sturmvogel“ im Internet informiert. Auch auf direkte Nachfrage hätten die Gäste eine rechtsextreme Ausrichtung bestritten. Diese Aussage hätte sich mit dem Verhalten gedeckt, so hätte der Pächter keine entsprechenden Äußerungen oder Aktionen wahrnehmen können. Die Gruppe hätte lediglich Wanderungen und Volkstänze in traditioneller Tracht veranstaltet und einen „ökologisch-alternativen Anspruch“ beim Essen gehabt, so der Pächter.

Im Innenministerium erklärte man unterdessen, dass der Sturmvogel „bundesweit kein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes“ sei und es „bisher nicht ausreichend Anhaltspunkte dafür [gab], dass sie gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung verstoßen“.

Kommentare(5)

Pat Dienstag, 05.Januar 2010, 11:03 Uhr:
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/014/1301461.pdf

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4. Welche verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse hat die Bundesregierung über den "Sturmvogel"?

Eine Gruppierung "Sturmvogel - Deutscher Jugendbund" wies ende der 80er Jahre Anhaltspunkte für rechtsextremistische Bestrebungen auf. Sie galt als Jugendorganisation des "Arbeitskreises Junge Familie". Beide Gruppierungen waren Abspaltungen der inzwischen verbotenen "Wiking Jugend e.V." (WJ). Seit etwa 1990 liegen keine Erkenntnisse über weitere Aktivitäten vor.
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Zum "Arbeitskreis Junge Familie" findet man zumindest im Internet nicht viel aktuelles.

Also der "Sturmvogel" stand unter Beobachtung und stellte seine Aktivitäten ein oder verschleierte sie gekonnt. Nun liegt der Verdacht nah, dass diese Organisation mit dem gleichen Namen eben in der Tradition der alten, aus der Wiking Jugend hervorgegangenen Organisation steht, die ja bereits unter Beobachtung stand, oder sogar die gleiche Organisation (mit verjüngtem Personal) ist.

Ich bin nicht der Verfassungsschutz, aber ich würde an dessen Stelle mal ein Auge auf den "Sturmvogel" werfen.
 
S.P. Dienstag, 05.Januar 2010, 13:55 Uhr:
Überschneidungen zu Teilnehmern von HDJ-Lagern, sind doch ein bisschen mehr als viel Lärm um nichts ;)
Und auch sonst scheint die Truppe nicht ganz ohne zu sein...

http://www.bnr.de/content/voelkische-erziehung
 
Gisela Hübner Dienstag, 05.Januar 2010, 15:54 Uhr:
Sehr geehrter Herr Scholz,

in meinen Augen ist die von Ihnen gewählte Überschrift "Viel Lärm um nix ?", die vielleicht und hoffentlich provozierend gemeint ist, ein Schuss ins eigene Bein.
Es mag sein, dass Organisationen wie der "Sturmvogel" nicht vom Verfassungsschutz oder der Polizei beobachtet werden, ähnlich jedoch wie die von ihnen oftmals thematisierten Medien der "Neuen Rechten" (Junge Freiheit, etc) oder die sogenannte "Neue Rechte" an sich, sind es genaue jene Menschen, die in den sogenannten Grauzonen agieren, die die Grundlagen für das Phänomen legen, welches "Rechtsextremismus" oder "Faschismus" heißt. Und wie heißt es doch so treffend - "Wäret den Anfängen !". Wenn die öffentliche Relevanz und Skandalisierung von Rechtsextremismus und seinen Vorbedingungen erst beim Hören von Landser-Liedern und einer Hakenkreuz-Fahne beginnt, dann hat der Grossteil ihrer Arbeit ebenfalls keine über einen sowieso schon infomierten Personenkreis herausragende Relevanz.

Von daher wären ein paar gut recherierte Artikel zur gesamten Thematik "völkisches Denken/ bündisches Denken und neue Rechte" bedeutend interessanter als schnell produzierter Mediencontent wie dieser.

Mit freundlichen und kritischen Grüssen
 
Robert Dienstag, 05.Januar 2010, 16:14 Uhr:
Sehr geehrte Frau Hübner, wie sie ja bemerkt haben, ist ein Fragezeichen in der Überschrift. Es möge sich jeder die Frage selbst beantworten. Weder Innenministerum noch Polizei und Pächter haben Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung entdeckt. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als diese Informationen auch publik zu machen. Bei HDJ-Lagern in M-V hat es ganz anders ausgesehen, da gab es ganz klar Anlehnungen an den Nationalsozialismus und auch einen Führerkult, Ähnliches ist mir hier nicht bekannt. Wo beginnt denn die Grauzone ihres Erachtens und wer zieht die Grenze?
 
Sanna Dienstag, 05.Januar 2010, 16:34 Uhr:
"Erst nachdem die Antifa auf sein Grundstück gekommen sei und durch Fenster fotografiert habe"


Das Bemerkenswerte an all diesen Geschichten ist, daß nach einer solchen regelrechten Observation von Privatpersonen einschließlich Kindern durch privatisierte Stasi-Nachfolger nicht solche Methoden zum Dreh- und Angelpunkt kritischer und demokratieverteidigender Berichterstattung werden, sondern man sich regelmäßig mit solchen Methodenausübern solidarisiert und die Oberservierten zusätzlich zur Oberservation Opfer von Diffamierung werden. Eigentlich müßten solche Methoden einen Sturm der Entrüstung auslösen, würde man Demokratieverteidigung wirklich ernst nehmen.

Der schale Beigeschmack beim Ertönen der Floskel "Demokratie verteidigen" läßt sich allmählich beim besten Willen nicht mehr ignorieren.
 

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