von Martin Hagen
   

Verschwörungsideologen gespalten über Eskalation in Washington

Massive Ausschreitungen, insgesamt vier Tote und Bilder, die den Glauben in die amerikanische Demokratie weltweit erschüttern dürften wie bei kaum einem Ereignis zuvor – das ist die Bilanz eines Aufmarsches tausender Trump-Anhänger und Rechtsextremisten gestern in Washington D.C. Für die Fans des scheidenden US-Präsidenten und Vertreter diverser Verschwörungsideologien dürfte es ein Tag des Triumphs sein. Aber nicht alle wollen den „Sturm aufs Kapitol“ beklatschen.

"Murder the Media" - Slogan an einer Tür des Capitols, während Trump-Anhänger das Gebäude verlassen. Foto: Screenshot

NBC-Reporter Chuck Todd fand, noch während die Situation auf dem Capitol Hill eskalierte, klare Worte. Er nannte die gewalttätigen Demonstranten „Terroristen“. Die Bilder, die gestern Abend um die Welt gingen, sind eindeutig. Trump-Anhänger die das Kapitolgebäude belagern, überforderte Sicherheitskräfte, Journalisten, die gewaltsam vertrieben und deren Ausrüstung zerstört wird. Berichte von Todesopfern folgten und das ganze Ausmaß der Gewalt trat zutage.

Querdenker: Neonazis als Beweis für linke Gewalttäter?

Einigen ist das aber anscheinend zu viel: Statt mit in den digitalen Applaus einzustimmen, suchte Markus Haintz, Mitorganisator und Anwalt von „Querdenken 711“, nach anderen Erklärungen für die Eskalation. Auf der Messenger-Plattform Telegram verbreitet er Bilder, die belegen sollen, dass sich im Inneren des Kapitols linke Aktivisten aufhielten. Die Aktion sei also vom politischen Gegner inszeniert, eine sogenannte „false flag“-Operation. Um das zu belegen, greifen Haintz und andere nach Strohhalmen, führen etwa zu neuwertige MAGA-Basecaps als Beweise an oder wollen wie Ex-Schlagerstar Michael Wendler die vermeintlichen „Antifa-Aktivisten“ an ihren Rucksäcken erkannt haben.

Haintz und seine Wegbegleiter von „Querdenken 711“ dürften die gewalttätigen Szene nur ungern sehen, schließlich versuchen sie seit Anfang der Corona-Proteste im Frühling 2020 ein friedliches und gemäßigtes Bild ihrer Bewegung nach außen zu zeichnen. Trommelnde Hippies und tanzende Blumenkinder dürften in dieses Image besser passen als randalierende Rechtsextremisten.

Das Problem an den vermeintlichen Beweisen: Die Bilder zeigen keine linken Aktivisten, sondern bekannte US-Neonazis. Die Fotos, die Haintz und andere Protagonisten der Szene verbreitet haben, stammen von einer Outing-Seite amerikanischer Antifaschisten. Für die Querdenker anscheinend Anlass genug anzunehmen, dass es sich bei den Abgebildeten um Aktivisten der linken Szene handele. Tatsächlich posieren auf dem Bild allerdings Jason Tankersley von der Skinhead-Gruppierung „Keystone United“ und der vorbestrafte Matthew Heimbach, Gründer der mittlerweile aufgelösten Neonazi-Partei „Traditionalist Worker Party“.

Andere gehen noch weiter und bezeichnen die gewalttätigen Demonstranten als bezahlte Schauspieler, die im Dienst der Regierung stehen. Selbst die Frau, die im Kapitolgebäude angeschossen wurde und später ihren Verletzungen erlag, so mutmaßt eine Userin, könne eine Darstellerin gewesen sein. Das ist kein neues Narrativ: Die Erzählung wurde bereits im Nachgang des Amoklaufs an der Sandy Hook Elementary School im Jahr 2017 popularisiert. Damals warf unter anderem der verschwörungsideologische Medienunternehmer Alex Jones den Angehörigen der 27 Todesopfer vor, sogenannte „Crisis Actors“, also „Krisenschauspieler“ zu sein.

Neue Rechte hadert mit Strategie

Auch AfD-Personal stellt sich auf die Seite der Verschwörungsideologen und Trump-Fans. Torben Braga, Landtagsabgeordneter aus Thüringen und langjähriger Mitstreiter von Björn Höcke, bezeichnete die gewalttätigen Protestler als „nützliche Idioten“ , die dazu dienen würden „demokratische Protestbewegungen“ zu diskreditieren. Die Frage nach den vermeintlichen Profiteuren der Ausschreitungen lässt er offen. Bezeichnend ist aber: Der legitime Protest, von dem Braga spricht, richtete sich gegen das Ergebnis einer demokratischen Wahl. Und er ist nicht der einzige AfD-Mann, der sich mit dem populistischen Aufstand solidarisiert. Hans-Thomas Tillschneider kritisierte die Sperre, die der Social-Media-Konzern Twitter gegen den abgewählten US-Präsidenten am Mittwochabend verhängte. „Trump verdient mehr Vertrauen als Twitter!“, bekräftigte der Landtagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt ungeachtet der Desinformationskampagne, die Trump spätestens seit seiner Wahlniederlage im November intensivierte.

Martin Sellner, Kopf der Identitären Bewegung in Österreich, verdeutlicht derweil, wie die Neue Rechte mit den gewalttätigen Ausschreitungen umgeht: Mit Framing-Strategien. Er rät seinen Anhängern davon ab, die widerlegten Gerüchte einer Inszenierung durch die „Antifa“ zu verbreiten. „Wir sollten nicht auf dieses lahme Pferd setzen.“, betont der Rechtsextremist. Das Verhältnis der neurechten Aktivisten zur Wahrheit ist anscheinend instrumenteller Natur.

Q-Anon: Alles läuft nach Plan

Währenddessen wähnen sich die Anhänger des „Q-Anon“-Verschwörungskultes bereits im Endkampf. Überraschen dürfte das kaum, schließlich ist der amtierende US-Präsident eine Art Heilsbringer für die Verschwörungsgläubigen. In einem der größten Chaträume der Szene im deutschsprachigen Raum wird ein sogenannter „Qdrop“, also eine Sammlung vermeintlicher Geheimdienstinformationen aus dem Juni 2020 geteilt. Demnach sei das Durchgreifen von Twitter gegen Donald Trump der Start für einen „Plan“, der in einer Intervention des Militärs ende. Eine kohärente Erzählung? Fehlanzeige. Mal habe der Noch-Amtsinhaber die Armee unter seiner Kontrolle, anderen Anhängern zufolge wollen Demokraten um Joe Biden den Präsidenten mithilfe des Militärs absetzen und wieder andere prophezeien, dass sich Trump-treue Truppen schon eigenständig in Bewegung gesetzt haben, um die Kontrolle über Washington zu übernehmen. Die Mutmaßungen sind so vielfältig wie krude.

Für die Unterstützer der antisemitischen Verschwörungsideologie spielt das kaum eine Rolle. Unter den Anhängern in den Chaträumen auf Telegram ist die Rede von der „Apokalypse“, einem gottgewollten Plan, der Trump leite. „Niemand kann stoppen, was kommen wird!“ schreibt ein User, das „Kartenhaus des Deepstates“ breche zusammen, antwortet ein Gleichgesinnter. So skurril die Parallelwelt aus Verschwörungswahn und Paranoia erscheinen mag, sie erreicht Hunderttausende. Die Gruppe Qlobal-Change hat über 150.000 Abonnenten, dem deutschen Szene-Protagonisten Oliver Janich folgen 165.000. Deutschland gilt neben den Vereinigten Staaten als zweitgrößter Hotspot der Verschwörungsideologie weltweit.

Dass sich vor dem Hintergrund der Ausschreitungen in Washington ranghohe Republikaner von Trump lossagen, erweckt den Zorn seiner eingefleischten Anhänger. Dutzendfach werden in den Chats Nachrichten geteilt, in denen Vizepräsident Mike Pence „Hochverrat“ vorgeworfen wird. Der Grund: Pence stimmte der Verifizierung des Wahlergebnisses letztlich zu. Für die QAnon-Anhänger ist das ein „Putschversuch“. Der Account „Haunsi Appmann“ - knapp 100.000 Abonnenten – fordert seine „sofortige Verhaftung“.

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