Vernetzung der „weißen Bewegung“

Mehr als 700 Neonazis aus ganz Europa haben sich am Samstag zum jährlichen „Salem-Marsch“ in der Nähe der schwedischen Hauptstadt Stockholm versammelt.

Dienstag, 14. Dezember 2010
Maik Baumgärtner/Lisa Bjurwald

Bereits zum elften Mal fand am 11. Dezember im Stockholmer Vorort Salem das Gedenken an die Ermordung eines jungen Rechtsextremisten statt. Mit dem Liedermacher Frank Rennicke und dem NPDler Udo Pastörs traten zwei bekannte deutsche Szene-Aktivisten als Redner auf dem größten und bekanntesten Aufmarsch Skandinaviens auf.

Als Schwedens extreme Rechte am Samstag durch den verschneiten Stockholmer Vorort Salem marschierte, demonstrierte sie Einigkeit. Unter den mehr als 700 Fackelträgern waren Aktivisten der militanten „Schwedischen Widerstandsbewegung“ (SMR), der Freien Kräfte sowie Politiker der „Nationaldemokraten“ (ND) und der „Partei der Schweden“ (SvP), die von Anhängern der „Nationalsozialistischen Front“ (NSF) gegründet wurde.

„Horst Wessel unserer Generation“

Zehn Jahre sind seit dem Mord an dem jungen Neonazi-Skinhead Daniel Wretström vergangen, zum elften Mal nahmen Neonazis die Tat für ihren „Salem-Marsch“ zum Anlass. Zu Hochzeiten beteiligten sich knapp 2000 Rechtsextremisten an der Demonstration, die stets an jenem Ort vorbeiführt, an dem Wretström am 9. Dezember 2000 getötet wurde. Dem Haupttäter attestierte das Gericht damals eine „eine schwere psychische Erkrankung“, nach der Verurteilung wegen Totschlags wurde er in die forensische Psychiatrie eingewiesen.

An einem improvisierten Altar, geschmückt mit Fotos des Opfers – das bis zu seinem Tod Mitglied der Rechtsrock-Band „Vit legion“ („Weiße Legion“) war – legen Neonazis jedes Jahr Kränze ab und stellen unzählige Kerzen auf. Bereits kurz nach der Tat bezeichnete das militante Musiknetzwerk „BloodHonour“ den jungen Schweden als „Horst Wessel unserer Generation“.

Deutsche Neonazis füllen die Reihen

Im Vorfeld starteten alle an der Organisation des Aufmarschs beteiligten Gruppen eine große Propagandaoffensive – im Internet und auf der Straße. Die Initiative „Schwedische Jugend – Schwedens Zukunft“– ein Projekt der Freien Kräfte und der Neonazi-Website „Info-14“–verteilte 27 000 Exemplare einer Broschüre, die sich vor allem an junge männliche Jugendliche in Stockholm richtete. Angesichts der ernormen Mobilisierungsbemühungen ist die Teilnahme von rund 750 Personen in diesem Jahr, gegenüber 500 im Vorjahr, zwar kein Flop für die Organisatoren, aber dennoch weit entfernt von einem Erfolg – zumal eine nicht unerhebliche Zahl deutscher Neonazis nach Schweden reiste, um die Reihen zu füllen.

Anhand der Teilnehmerzahl lässt sich jedoch nicht der aktuelle Zustand der schwedischen Szene ablesen. In Salem marschiert nur der harte Kern der Rechtsextremisten, Männer und Frauen die sich der „nationalen Sache“ verschrieben haben.

Intensivierung der Kontakte nach Schwerin

Seit dem Einzug der rassistischen Schwedendemokraten (SD) in den Reichstag erstarkt auch die außerparlamentarische extreme Rechte. „Stoppt den Schwedenhass“ stand auf dem schwarzen Fronttransparent der Demonstration am Samstag , auf der sonst keine Transparente oder Schilder zu sehen waren. An diesem Abend ging auch der neonazistische Publizist Dan Eriksson auf dieses Thema ein. Die „Bewegung“ habe das Wort „Schwedenfeindlichkeit“ hervorgebracht und geprägt, welches heute auch im Parlament gebräuchlich sei. Begleitet von heftigem Applaus und Jubelrufen hetzte er gegen Migranten und bezeichnete nicht-europäische Menschen, als „schwarz-braune, nach Gewürzen stinkende“ Masse.

Für die schwedische Neonazi-Szene gewinnt die internationale Vernetzung, vor allem nach Deutschland, an immer größerer Bedeutung. So wohnt Dan Eriksson laut eigenen Angaben derzeit in Berlin. Zuletzt fand im November ein Vernetzungstreffen in Mecklenburg-Vorpommern statt. Eine schwedische Delegation, zu der Daniel Höglund and Björn Björkqvist von der „Partei der Schweden“ gehörten, besuchte den Schweriner Landtag und traf neben dem NPD-Funktionär Udo Pastörs auch den Neonazi-Kader Lutz Giesen. Ein erster Schritt zur Intensivierung der Kontakte war die Einladung an den NPD-Fraktionsvorsitzenden Pastörs, als Redner in Salem aufzutreten.

Der „Märtyrer“-Mythos als Vorwand für Hetze gegen Migranten

Trotz seiner radikalen Rhetorik konnte Pastörs mit seiner in gebrochenem Englisch gehaltenen Rede die Zuhörer nicht begeistern. Er warnte vor der Globalisierung und sprach von einer Bedrohung der „nationalen Identität“ und der Bedeutung des „Lebensraums“ für den „weißen Mann“. Pastörs war nicht der erste deutsche Redner in Salem, mit Stefan Rochow, dem damaligen Bundesvorsitzenden der Jungen Nationaldemokraten, trat bereits 2004 ein bekannter Rechtsextremist aus der Bundesrepublik auf.

Erstmals sprach mit Tony Bamber ein Vertreter der „British National Party“ (BNP) in Salem. Seine exzentrische Art fand bei den anwesenden Neonazis kaum Zustimmung, lediglich für seine Ausführung zum „Blut der Wikinger“ erntete er Applaus. Den größten Zuspruch erhielt allerdings der braune Liedermacher Frank Rennicke, der zwischen den Rednern mit seiner Gitarre auf der Bühne stand und die Leute unterhielt.

Ob es im kommenden Jahr wieder einen Aufmarsch in Salem geben wird ist unklar. Mit der wachsenden zeitlichen Distanz zum Mord an Daniel Wretström, steigt für die Organisatoren das Risiko, dass die „Erinnerung“ an ihren „Märtyrer“ in der Basis an Bedeutung verliert. Daher versuchen die Rechtsextremisten, über Kampagnen diesen Mythos aufrecht zu erhalten und immer wieder in einen aktuellen Kontext zu setzen. Der Ermordete dient als Vorwand, um gegen Migranten, Juden und Muslime zu agitieren, schweißt Teile der zerstrittenen Szene zusammen und scheint auch Geldgeber für groß angelegte Propagandaaktionen zu mobilisieren.

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