Verbrechen der Wehrmacht, Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944, Ausstellungskatalog (2002)

Das Handbuch zur revidierten Wehrmachtsausstellung

Freitag, 12. August 2005
Theo Meier-Ewert
Zur Erinnerung: Über 800 000 Besucher zählte die vom Hamburger Institut für Sozialforschung erarbeitete Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", die im Frühjahr 1995 eröffnet und in 33 Städten gezeigt wurde. Sie löste in der Öffentlichkeit heftige Kontroversen über die Rolle der Wehrmacht im NS-Staat bis hin zur Polarisierung aus und wurde am 4. November 1999, nach einer erregten Debatte um die falsche Zuordnung von Fotos und Bildlegenden, zurückgezogen. Eine vom Hamburger Institut mit der Prüfung beauftragte Historikerkommission empfahl die Überarbeitung in einigen Punkten. Doch daraus wurde eine neue Konzeption und somit eine weitgehend neue Ausstellung, die zwei Jahre später, am 27. November 2001 in Berlin eröffnet wurde, dort viel Zuspruch und ein nahezu einhellig positives Echo fand. Vom 9. April bis 26. Mai wird die Ausstellung in Wien gezeigt. Die neue Ausstellung gliedert nicht mehr geographisch nach Kriegsschauplätzen, sondern systematisch. Grundlegend zunächst das einleitende Kapitel "Krieg und Recht", in dem das im Zweiten Weltkrieg geltende Kriegsvölkerrecht (Haager Abkommen, Genfer Rotkreuzkonventionen, Völkergewohnheitsrecht) und die im Mai/Juni 1941, also vor dem Überfall auf die Sowjetunion, erlassenen zentralen Befehle und Weisungen der Wehrmachtsführung behandelt werden, mit denen ja das geltende Kriegsvölkerrecht außer Kraft gesetzt wurde (Kriegsgerichtsbarkeitserlass, Kommissarbefehl). Daran schließt sich in sechs großen Kapiteln eine Darstellung der verschiedenen Dimensionen und Aspekte des Vernichtungskrieges im Osten an, an dem die Wehrmacht als Organisation beteiligt war: Völkermord (Ermordung der sowjetischen Juden, Pogrome); Sowjetische Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft (Massensterben, Arbeitseinsatz, Erschießung jüdischer Kriegsgefangener); Ernährungskrieg ("Kahlfraßzonen", Hungerpolitik zum Beispiel in Leningrad und Charkow); Deportationen (Rekrutierung von Arbeitskräften, Zwangsdeportationen, "Verbrannte Erde"); Partisanenkrieg (als Terrorinstrument gegenüber der Zivilbevölkerung und zum Mord an sowjetischen Juden genutzt); Repressalien und Geiselerschießungen ("Sühnequoten" in Serbien, Massenerschießungen in Griechenland). Es folgen ein Kapitel, in dem unter der Überschrift "Handlungsspielräume" an acht Beispielen das konkrete Verhalten und die unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten einzelner Personen in militärischen Entscheidungssituationen gezeigt wird sowie eine schlaglichtartige Darstellung der Auseinandersetzung mit den Wehrmachtsverbrechen nach 1945 in Ost- und Westdeutschland – mit einem ausführlichen und chronologischen Rückblick auf die erste Wehrmachtsausstellung. Ein Abkürzungsverzeichnis und eine Auswahlbibliographie beschließen den Band. Die Aufbereitung des ungeheueren – und zugleich ungeheuerlichen – Materials ist mustergültig. Die entscheidenden Dokumente werden entweder zur Gänze oder in wesentlichen Auszügen gedruckt, oft als Faksimile und farbig, was die Lesbarkeit erhöht und die Unterscheidbarkeit der verschiedenen handschriftlichen Paraphen und Unterstreichungen erst ermöglicht. Den einzelnen Themen vorangestellt ist jeweils ein zusammenfassender Abschnitt (etwa nach Art eines "Le Monde"-Artikels). Wichtige Zitate und Kernsätze aus den Dokumenten werden am Seitenrand wiederholt – beides erleichtert sehr die Übersicht. Fotos werden dabei jeweils in ihrem Kontext erläutert und kommentiert: Die Aufnahmen aus Tarnopol, deren falsche Zuschreibung damals eine wissenschaftliche Kontroverse ausgelöst hatte, werden in einem ausführlichen Exkurs über Fotos als historische Quelle minutiös beschrieben und interpretiert. In den Gang der Darstellung eingebaut sind Auszüge aus vielen Quellen und aus der Sekundärliteratur, Kurzbiographien der Akteure, Erläuterungen und Definitionen. Der Satzspiegel ist außerordentlich großzügig bemessen und dank des vorzüglichen Druckes sind selbst die nahezu winzigen Literangaben noch ohne Lupe lesbar. Wer je versucht hat, in Ausstellungen und für längere Zeit die dort präsentierten Texte zu lesen, wird für die Alternative am Schreibtisch, die dieses Handbuch ja auch darstellt, dankbar sein.
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