von Martin Hagen
   

Urteil gegen „Schalom“-Angreifer

Der antisemitische Angriff auf das jüdische Restaurant „Schalom“ in Chemnitz sorgte 2018 für Schlagzeilen. Heute musste sich zum ersten Mal einer der Täter vor dem Amtsgericht Chemnitz verantworten. Der Steinewerfer ist kein unbeschriebenes Blatt.

Vor dem "Schalom" in Chemnitz wurde der Betreiber seinerzeit attackiert.

Uwe Dziuballa hält sich sichtlich im Zaum, als er die Momente schildert, die wenig später bundesweit Schlagzeilen machen sollten: Es ist schon dunkel am Abend im späten August 2018, als der jüdische Gastronom auf die Terrasse des „Schalom“ trat. Da sah er ca. zehn vermummte, schwarzgekleidete Gestalten auf der Straßenkreuzung vor seinem Lokal. Dziuballa weiß in dem Moment, dass etwas nicht stimmt. Es knallt, er spürt einen dumpfen Schlag an der rechten Schulter. Die Angreifer rufen „Judensau“, „Verschwinde aus Deutschland“. Bevor er voll realisieren kann, was gerade passiert ist, flüchten die Personen. Die eintreffende Polizei findet wenig später ein Dutzend Wurfgeschosse vor dem jüdischen Lokal. Steine, Bierflaschen, ein Metallrohr.

Während der Restaurantbesitzer von den dramatischen Sekunden erzählt, sitzt einer der Angreifer nur drei Meter von ihm entfernt. Hinter einer Plexiglasscheibe hat Kevin A. Platz genommen und hört mit versteinerter Miene zu. Für die Teilnahme am antisemitischen Angriff verurteilte das Amtsgericht Chemnitz den 30-Jährigen heute wegen Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

DNA-Spuren führten nach Niedersachsen

Am 27. August 2018 marschierten in Chemnitz nach einem Tötungsdelikt tausende radikalisierte  Bürger zusammen mit Rechtsextremen auf. Am Abend, als sich die Demonstration langsam auflöste, zog Kevin A. mit Gleichgesinnten zum jüdischen Lokal „Schalom“. Es flogen Steine. Steine, an denen auch Kevin A.s DNA haftete. Damals konnte kein Tatverdächtiger aufgegriffen werden.

Ende 2019 dann ein Treffer: Aufgrund eines Drogendelikts gelangt eine DNA-Probe in die polizeiliche Datenbank, die mit der von zwei Steinen übereinstimmte, die auf das jüdische Restaurant flogen. Der Beschuldigte ist Kevin A. Wenig später durchsuchte die Polizei die Wohnung des Angeklagten im Raum Stade. Auf den gefundenen Mobiltelefonen finden die Ermittler Chatverläufe die nahelegen, dass A. am 27. August tatsächlich in Chemnitz war – denn er verabredete sich dort mit einem polizeibekannten Neonazi aus Eisenach.

Täter ist langjähriger Neonazi

Kein Wunder, denn ein unbeschriebenes Blatt ist der 30-Jährige nicht: A. soll seit Jahren in der Neonazi-Szene aktiv sein. Laut dem Recherchekollektiv „Exif“ war er jahrelang für die NPD-Jugend aktiv und Mitglied einer Kameradschaft. Fotos zeigen den jungen Mann 2018 auf dem Rechtsrock-Festival „Schild und Schwert“ in Ostritz.

Zudem hat der mehrfach vorbestrafte Gewalttäter auch Kontakte zu rechtsextremen Strukturen in Chemnitz: Nur wenige Wochen nach den Ausschreitungen in Chemnitz im Jahr 2018 wohnte Kevin A. der Beerdigung von Mary-Ann R. bei. Die Verstorbene war Teil der Neonazi-Gruppe Rechtes Plenum, die versuchte im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg einen sogenannten Nazi-Kiez aufzubauen.

A. selber machte keinerlei Angaben zu Tat und Motiv. Und auch ob er das Urteil akzeptiert, ließ der 30-Jährige zunächst offen.

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