Unvergessliche Erlebnisse und behäbige Panzer

Berlin – Auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung diskutierten Fachleute darüber, was man gegen Rechtsextremismus im Fußball tun kann.

Montag, 10. September 2007
Nadja Müntsch

„Sommermärchen – Herbstdepression – Winteraktionismus“ – unter diesem markigen Titel hatte die Ebert-Stiftung Experten und Interessierte zu einer Podiumsdiskussion in Berlin eingeladen. „Die rechtsextremen Vorfälle im Fußball nach der Euphorie der Weltmeisterschaft liegen ziemlich genau ein Jahr zurück. Daraufhin wurden schnell Gegenmaßnahmen ins Leben gerufen. Heute wollen wir diskutieren, was sich bewährt hat,“ sagte Dietmar Molthagen von der Friedrich-Ebert-Stiftung in seiner Eröffnungsrede.
Der Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz von der Universität Hannover führte mit einem fachlichen Vortrag in die Materie ein und widersprach prompt seinem Vorredner: „Rechtsextremismus im Fußball ist keine neue Erscheinung, sondern schon immer vorhanden. Er wird nur jetzt aufmerksamer beobachtet“ resümierte Pilz. Ähnlicher Meinung war auch Harald Aumeier vom Berliner Verein Türkiyemspor. Dort kicken allein in der ersten Mannschaft Spieler aus sieben Nationen. „Wir erleben Rechtsextremismus seit 15 Jahren vehement. Ich lade jeden ein, Türkiyemspor einmal im Vereins-T-Shirt zu einem Auswärtsspiel zu begleiten. Es ist ein Erlebnis, das Sie nie vergessen werden", so Aumeier. Trotz Lachen im Publikum sind es bedenkliche Vorfälle, die die Redner auf dem Podium schildern. Es ist doch gerade der Fußball, der immer wieder für sein Integrationspotential gelobt wird. Dennoch kommt es in den Stadien immer wieder zu Ausschreitungen, weil dieses Potential nicht aktiv genutzt wird: „Wo sich die Vereine nicht aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus positionieren, werden rechte Fans geradezu angezogen,“ berichtet Wissenschaftler und DGB-Taskforce-Mitglied Pilz.

Sich gegen Rechts zu positionieren, das wünscht sich der Bundestagsabgeordnete Martin Gerster (SPD), von den Fußballspielern: „Sie müssen aktiv aufstehen. Dafür werde ich mich auch persönlich einsetzen und bei den entsprechenden Gelegenheiten Spieler ansprechen, ob sie nicht Farbe bekennen wollen.“

Fairplay und Toleranz sind Werte, die nicht von oben herab verordnet werden können. Sie müssen glaubwürdig gelebt werde, um in den unteren Ligen und im Amateursport anzukommen. Denn genau dort verortet Bodo Berg von der Schalker Faninitiative „Dem Ball is’ egal, wer ihn tritt“ das größte rechtsextreme Potential. Seine Initiative versucht, diesen Tendenzen mit Bildungsarbeit entgegenzuwirken und verteilt beispielsweise CD-Roms an Schulen. Auf Bildung setzt auch der Berliner Fußball-Verband, wie dessen Präsident Bernd Schultz berichtet: "Wir führen sehr erfolgreiche Fortbildungsmaßnahmen durch. Den Berliner Bezirken haben wir beispielsweise angeboten, ihre Platzwarte zu schulen. Leider sind Verbände aber nicht wendig wie Sportwagen, sondern eher wie Panzer unterwegs. Es dauert, bis das Thema Rechtsextremismus wahrgenommen wurde und bis etwas dagegen getan wird.“

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