Unterwegs in Uniformen und Trachten

Der niedersächsische Verfassungsschutz relativiert den Einfluss „Völkischer Siedler“. Die machen jedoch nur einen Teil des Phänomens aus – und sind sehr aktiv.

Freitag, 03. Juli 2020
Andrea Röpke

Die Sparte „Völkische Siedler“ wird erstmalig im Bereich Rechtsextremismus des niedersächsischen Verfassungsschutzbericht 2019 aufgeführt. Die Erwähnung scheint weniger aus einer behördlichen Motivation entstanden zu sein über das „eigenständige Phänomen“ aufzuklären oder gar zu warnen, sondern eher der Tatsache geschuldet, dass zahlreiche Medienberichte die Völkischen „in den Blickpunkt“ rückten. So ist denn auch nicht mehr nachzulesen, als bisher veröffentlicht wurde. Allein die geheimdienstliche Fokussierung auf die Siedler-Familien löst das Problem aus dem gesamten politischen Kontext und verschleiert die Zusammenhänge. So heißt es nur: Ob sich aus den Vernetzungen der „Siedler“ zum Beispiel zur rechtsextremistischen „Identitären Bewegung Deutschlands“ dynamische Strukturen herausbilden könnten, unterliege der Beobachtung des Verfassungsschutz.

„Die Volksseele aufleben“ lassen

Der Verfassungsschutzamt kommt zu dem Resümee, die „völkischen Siedler“ haben auf die Entwicklung des Rechtsextremismus „keinen prägenden Einfluss“. Dabei wird die Tatsache außer Acht gelassen, dass insbesondere diese Völkischen Vorbildcharakter für viele haben. Zudem scheinen rechte Bünde und nationalistische Kulturarbeit im Hintergrund der „Siedler“ an Akzeptanz zu gewinnen. Denn der Brauchtumskult boomt längst in der extrem rechten Szene.

Was sich jahrzehntelang im Verborgenen abspielte, findet jetzt auch über die digitalen Netzwerke Verbreitung. In einem Film bei „Vimeo“ versucht eine junge Frau aus Schleswig-Holstein mit dem Nicknamen „Diana Norden“ für Volkstanz zu werben. Mit Dirndl steht sie in einem verblühten Sonnenblumenfeld und schwärmt davon, dass Volkstanz mehr sei, es gehe darum, die „Verbindung zu den anderen“ zu leben, „die Volksseele aufleben“ zu lassen. Eine „Wanderjugend Nord“ wirbt für Sonnenwendfeiern, das „alte Fest unserer germanischen Vorfahren“. „Nordbruder“ Thorben will laut Instagram zurück zu den „Wurzeln“ und mag „Selbstversorgung & Landleben“. Weitere Wanderjugenden gibt es unter anderem in Schwaben, Ostelbe, Oberlausitz. Auf den Fotos zeigen sich Gruppen von Männern, die zünftig gekleidet, Wind und Wetter trotzend, durch die Lande marschieren. Einige der Aktivisten waren zuvor bei der „Identitären Bewegung“ aktiv.

„Wirtschaft braucht Volk und Heimat“

Auch die Internet-Plattform „Landleben19“ geht auf diesen Trend ein. „Praktische Kultur-, Heimat- und Jugendarbeit, synergetisch und von außen breit unterstützt“, soll umgesetzt werden, heißt es in der Vorstellung. Vereinsmitglieder werden nicht benannt, auch die Referentinnen und Referenten für das Programm zur „Kulturpflege & Bildung“ werden nur vage angekündigt. Verantwortlich zeichnet Helge Hilse aus Oybin, Vorstandsmitglied bei „Ein Prozent für unser Land“. Ziel von „Landleben19“ sei die Schaffung ökonomischer Strukturen, denn „Wirtschaft braucht Volk und Heimat“. Über eine eigene Börse sollen Lehrstellen vermittelt werden und damit auch sympathisierenden Handwerksbetrieben geholfen werden. Langjährig bestehende „Völkische Siedler“-Netzwerke lassen grüßen.

Auch direkt bei den „Völkischen Siedlern“ ist zur Zeit einiges los. Zur Sonnenwende am 20. Juni 2020 trafen sich im kleinen Dorf Koppelow nahe Güstrow rund 40 Weggefährtinnen der so genannten „Neo-Artamanen“. Ein großer Holzscheit mit einem runden Kranz an der Spitze war errichtet worden, große schwarze Rundzelte wurden aufgebaut. Die „Artamanen“ zählen zur so genannten Landvolkbewegung aus dem 1920er Jahren. Der „Bund der Artamanen“ betrieb in deren Sinn völkisch motivierte Siedlungsarbeit mit Schwerpunkt in Mecklenburg und wurde nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zum Kern des NS-Landdienstes.

Der Region „neue Impulse“ geben

2005 verkündete die „Junge Freiheit“, dass wieder Familien mit bündischen Wurzeln gezielt in die „Artamanen“-Dörfer Klaber und Koppelow gezogen seien, um der Region „neue Impulse“ zu geben. Eigene Wirtschaftsnetzwerke sind entstanden, sie reichen von der Buchbinderin für einen neu-rechten Verlag, über Landwirtschaft, Schmiede, Öko- Baustoffhandel bis hin zur Architektur. Politisch reihen sich einige von ihnen bei der AfD ein, jüngere der Sonnenwend-Teilnehmer waren beim „Sturmvogel-Deutscher Jugendbund“ und zum Teil später bei der „Identitären Bewegung“ aktiv. Gäste reisten unter anderem aus der Lüneburger Heide, Cuxhaven oder Friedrichshafen an.

In einem der Traditionsgebiete der Völkischen wurde der längste Tag des Jahres rituell gefeiert. In einem Wald nahe Masendorf bei Uelzen feierten mindestens zwei Dutzend Anhänger am Feuer. Erst kürzlich fand antifaschistischen Recherchen zufolge auf dem Anwesen einer „Sturmvogel“-Familie in Masendorf eine Tanzveranstaltung in der Scheune statt. Die Tochter der Familie studiert in Dresden und ist langjähriges Mitglied dieses Jugendbundes. Am letzten Wochenende reiste sie mit Begleitung in der grünen Uniform des Bundes, der ebenfalls erstmalig im niedersächsischen  Verfassungsschutzbericht erwähnt wird, Richtung Wehlen nahe Pirna. Nach außen chiffrieren sich „Sturmvögel“ gerne als „Wandervögel“ oder als vermeinlich privater „Freundeskreis“. Mit Ferienstart in Mecklenburg-Vorpommern brachen vier junge Frauen, uniformiert mit „Sturmvogel“-Abzeichen und bepackt mit Rucksäcken und dem Wimpel des Bundes, per Regionalbahnen vom Norden aus in Richtung Eifel auf. Drei junge Männer, einer mit „Sturmvogel“-Koppel, gingen auf große Fahrt mit dem Flugzeug. Ihr Ziel war in Berlin der Flughafen Tegel.

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