Unbekannte verüben Brandanschlag auf bewohnte Flüchtlingsunterkunft

Am späten Dienstagabend warfen bislang unbekannte Täter drei Brandsätze auf eine bewohnte Unterkunft für Geflüchtete im Chemnitzer Stadtteil Einsiedel, in der vor allem Familien mit Kindern untergebracht sind. Dort macht eine vermeintliche Bürgerinitiative seit Monaten Stimmung gegen die ankommenden Menschen. Nur einen Tag vorher zerschlugen die Behörden im sächsischen Freital eine Neonazi-Terrorzelle.

Mittwoch, 20. April 2016
Redaktion
Tatort in Hamburg (Foto: GregorHH, Archiv)
Tatort in Hamburg (Foto: GregorHH, Archiv)
Es dauerte nicht lange, da meldeten sich auf der Facebook-Seite von „Einsiedel sagt nein zur EAE“, die ersten Anhänger bekannter Verschwörungstheorien zu Wort. Vermutlich handele es sich bei dem vermeintlichen Anschlag aus der letzten Nacht um eine „False Flag-Aktion“. Ziel sei es, „den Einsiedlern den Mund zu verbieten“, vermutet eine Kommentatorin. Denn, so schreibt die junge Frau, die als Titelbild ein Foto von Wladimir Putin verwendet, „wer Brandsätze wirft, trifft in der Regel auch“. Nach Angaben des für Extremismus zuständigen „Operativen Abwehrzentrums“ (OAZ) verübten unbekannte Täter gegen 22.15 Uhr einen Brandanschlag auf zwei Häuser, in denen 21 Menschen leben. Die Angreifer seien von der Waldseite gekommen, die drei Brandsätze – die Mopo schreibt von „Molotow-Cocktails“ – hätten ihr Ziel allerdings um drei Meter verfehlt. Der Wachschutz habe das Feuer löschen können, Menschen seien bei dem Übergriff nicht verletzt worden. Die Polizei habe trotz des Einsatzes eines Fährtenspürhundes und eines Hubschraubers keine Verdächtigen dingfest machen können.

Der Terror geht weiter

Der Anschlag erfolgte nur einen Tag, nachdem in Freital rund 200 Polizisten im Auftrag der Bundesanwaltschaft gegen einer Neonazi-Terrorzelle vorgegangen waren. Neben der Bildung einer terroristischen Vereinigungen werfen die Ermittler den mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppierung teilweise versuchten Mord vor. Der „Gruppe Freital“ werden verschiedene Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte und ein alternatives Wohnprojekt in Dresden zur Last gelegt. Die weiteren Ermittlungen sollen klären, ob sich die Neonazis darüber hinaus für einen Angriff auf ein Auto mit Flüchtlingsunterstützern sowie die Attacken auf das Auto eines Linken-Politikers bzw. auf ein Büro dieser Partei verantwortlich zeichnen. Bereits seit Herbst letzten Jahres demonstrieren in Einsiedel rassistische „besorgte Bürger“ gegen die Unterbringung von Flüchtlingen. Zunächst ging das Gerücht um, es sollten 2.000 Menschen einquartiert werden, tatsächlich sind es 95, vorwiegend Familien. Darunter sind 27 Kinder unter zwölf Jahren. „Vorfälle“, egal welcher Art, durch die neuen Bewohner der vom Deutschen Roten Kreuz betreuten Anlage habe es bislang nicht einen einzigen gegeben, heißt es aus Chemnitz.

„Das Leben von Flüchtlingen und Helfern bewusst aufs Spiel gesetzt“

DRK-Präsident Rudolf Seiters verurteilt den Brandanschlag auf das Schärfste. „Ich bin entsetzt und zutiefst bestürzt über diese verabscheuungswürdige Tat“, sagte Seiters. „Durch diese verantwortungslose Tat wurde bewusst das Leben von Flüchtlingen und Helfern aufs Spiel gesetzt“, zeigte sich der frühere Bundesminister entsetzt. Er sei froh, dass niemand verletzt wurde. „Der Brandanschlag ist das Ergebnis eines monatelangen Prozesses, in dem Rassismus unter dem Deckmantel der Besorgnis in Einsiedel salonfähig gemacht werden sollte“, sagte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, Hanka Kliese, zu ENDSTATION RECHTS. Die prophezeiten Straftaten der Flüchtlinge seien ausgeblieben, nicht jedoch die Gewaltbereitschaft der Rechtsextremisten. „Das sollte allen zu denken geben, die aus Gründen der Effekthascherei die Angst vor Flüchtlingen in Einsiedel noch bestärkt haben, statt um Verständnis für deren Situation zu werben“, so Kliese weiter.  
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