Umtriebige Neonazi-Strukturen im Nordosten

Ob bei der MVgida oder im „Thinghaus“ in Grevesmühlen, die braune Szene in Mecklenburg-Vorpommern zeigt sich stabil.

Dienstag, 24. März 2015
Andrea Röpke

Die Teilnehmerzahlen der MVgida in Schwerin stagnieren. Am jüngsten Abendspaziergang gegen „verfehlte Asylpolitik, gegen Islamisierung, Krieg und Gewalt“ beteiligten sich rund 280 Rechte. Die Fäden der MVgida sollen Neonazis wie Antje Mentzel, Chefin des „Rings Nationaler Frauen“ (RNF) der NPD, aus dem Hintergrund ziehen. Mentzel lebt in Stralsund, führte früher eine Kameradschaft in Rostock mit an, die verboten wurde. Augenzeugen berichten, dass sie auch an den MVgidas in der Hansestadt Stralsund beteiligt war und sogar Reden hielt.

In Schwerin liefen am Montag unter anderem die NPD-Funktionäre Udo Pastörs, Thomas Wulff sowie Michael Grewe durch das Plattenbaugebiet am Großen Dreesch mit. Der neue Anmelder Torsten Sch. ist bisher noch nicht politisch aufgefallen. Allerdings soll einer der Redner am Montag der polizeibekannte Neonazi Lutz Giesen aus der Nähe von Lalendorf gewesen sein. Giesen stammt aus Berlin, beteiligte sich an Outdoortrainings von Neonazis in Skandinavien und stand der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) nahe. Bei den Aufzügen der MVgida werden Redner und Organisatoren zumeist von Ordnern abgeschirmt oder  zeigen sich nur tief verhüllt der Öffentlichkeit.

Ein Neonazi lobt unter dem Pseudonym „der Bienenmann“ dieses „Wir sind das Volk“-Gefühl“ bei der MVgida, und beklagt: „Unser faschistischer Staat, regiert von der faschistischen Merkeljunta, versucht wie von mir schon oft erwähnt, das Volk in allen Belangen zu teilen.“ Die Polizei registrierte am Montag zwei von MVgida-Teilnehmern begangene Körperverletzungen.

Veranstaltung zum Prozess gegen das „Aktionsbüro Mittelrhein“

Weitaus weniger los war einen Tag zuvor, am Sonntag, bei einer nachmittäglichen Vortragsveranstaltung im „Thinghaus“ in Grevesmühlen. Nur etwa 30 weibliche und männliche Neonazis waren der Einladung zu dem Thema „Der endlose Prozess – Das Mammutverfahren gegen das ‚Aktionsbüro Mittelrhein’“ gefolgt, das von Sven Krüger organisiert wurde. Regeres Interesse hatte am Kneipenabend Anfang März 2015 im „Thinghaus“ bestanden, an dem sich über 70 Gäste beteiligten. Mit der politischen Solidarität über die Landesgrenzen hinaus scheint es sich bei den Kameraden im Norden in Grenzen zu halten. „Thinghaus“-Betreiber Krüger hatte jüngst eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt und das Thema wohl aus eigener Motivation auf die Tagesordnung gesetzt.

Seit dem August 2012 müssen sich 20 Neonazis aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz in einem Mammutprozesss vor dem Landgericht in Koblenz verantworten. Ihnen wird unter anderem die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Unter den Angeklagten sind so wortgewaltige Anführer wie Sven Skoda, die meisten stehen eher der Partei „Die Rechte“ (DR) näher als der NPD. Der DR-Vorsitzende Christian Worch lebt zwar in Parchim, bekommt aber in Mecklenburg-Vorpommern anscheinend politisch kein Bein auf den Boden. So ließ sich von der NPD-Spitze am Sonntag einzig der Landtagsabgeordnete und Hardliner David Petereit blicken.  Er reiste mit der Aktivistin der Jungen Nationaldemokraten (JN) Julia Thomä an.

Danny Brandt von den „Nationalen Sozialisten Rostock“ soll zeitweise mit Sven Krüger gemeinsam im Gefängnis in Bützow eingesessen haben, die beiden begrüßten sich im „Thinghaus“, während Krügers Schwestern mit Schürze herumliefen oder rauchten. Einige Mitglieder der Kameradschaft Wismar kamen hinzu, sowie verspätet auch der JN-Aktivist Alf Börm.

„Nordostreise“ von Aktivisten aus Rheinland-Pfalz

Kurz vor 14.00 Uhr an dem Sonntag hatte bereits der Wagen mit mehreren Insassen aus Rheinland-Pfalz die Polizeisperre im Grünen Weg in Grevesmühlen passiert. Der Fahrer, Christian Häger, parkte kurze Zeit später auf dem Innenhof des Neonazi-Geländes. Der NPD-Kreisverband Mittelrhein bezeichnete die Vortragstour, die über Anklam, zur NPD-Parteizentrale in Berlin nach Mecklenburg führte, als „Nordost-Reise“ von Aktivisten. Häger aus Bad Neuenahr-Ahrweiler war bereits in der „Aktionsfront Mittelrhein“ aktiv und ist mitangeklagt im Koblenzer Verfahren, er befand sich längere Zeit in Untersuchungshaft. Der 30-Jährige gilt als Führungspersönlichkeit, vor Gericht spielte er die Bedeutung seines Trupps herunter, sagte sinngemäß, man habe nur in Ruhe zusammen wohnen wollen. Bewaffnung, Bedeutung des „Braunen Hauses“ in Bad Neuenahr und rechtsextreme Militanz relativierte er. Das „Aktionsbüro“ war mit Parolen wie „Das Leben ist Kampf – Der Tod eine Ehre“ aufgetreten. Die Staatsanwaltschaft in Koblenz wirft der Gruppe in der mehrere hundert Seiten langen Anklageschrift vor, ein „Klima der Angst“ schaffen zu wollen. 

Protest gab es auch dieses Mal in Grevesmühlen nicht, obwohl zahlreiche Anwohner die Veranstaltung im Gewerbegebiet nicht übersehen konnten.

Einen Erfolg verzeichneten die Polizeibehörden in Mecklenburg-Vorpommern mit dem Verbot eines geplanten Konzertes am Samstag in Neustadt-Glewe. Neun „Sympathisanten“ des „Thinghauses“ waren zuvor in einem „barackenähnlichen Gebäude am Rande der Kleinstadt mit den Vorbereitungen beschäftigt. Musikanlage, Grill und Pavillon standen demnach bereits.  Aus Neustadt-Glewe stammt die Rechtsrock-Band „Ungebetene Gäste“.

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