von Redaktion
   

Über 1.000 Neonazis bei "Trauermarsch" in Dresden

Über Jahre war der Neonazi-Aufmarsch in Dresden zu einer winzigen Demonstration zusammengeschrumpft. Nach dem Comeback des Events im vergangenen Februar schaffte es die Szene erneut, die Mobilisierung zu steigern. Weit kamen die Rechtsextremen allerdings nicht: Tausende Gegendemonstranten blockierten die Marschroute.

Die rechte Szene bringt wieder mehr Anhänger auf die Straße, Foto: Tim Mönch

Es sind surreale Szenen, die sich in Dresden abspielen: Jugendliche skaten auf einer Halfpipe, üben Tricks. Dahinter begrüßen sich bekannte Neonazis und NPD-Kader freundschaftlich per Handschlag. Im Hintergrund mischen sich Techno oder Punkrock mit klassischem Geigenspiel. So oder so ähnlich kann man es jedes Jahr beobachten, denn für die Neonaziszene ist der Aufmarsch zum "Gedenken" an die Bombardierung Dresdens seit Jahren ein Pflichttermin.

Bereits im vergangenen Jahr feierte die Szene ein Comeback. Mit gut 1.100 Neonazis auf der Straße konnten die Veranstalter um NPD-Mann Maik Müller die Teilnehmerzahlen der Vorjahre mehr als verdoppeln. Am Samstag steigerten sie die Zahlen noch einmal je nach Schätzung um einige Hundert Teilnehmer. Unter ihnen fand sich das Führungspersonal der bundesweiten rechtsextremen Szene: NPD-Kader wie Sebastian Schmidtke oder Edda Schmidt, eine Abordnung der Kleinstpartei Die Rechte um Sascha Krolzig und militante Neonazis aus Dortmund sowie NPD-Vize Thorsten Heise und seine "Kameradschaft Northeim". Daneben zog der Aufmarsch auch regionale Akteure an. Rechtsrock-Unternehmer Yves Rahmel etwa oder ehemalige Aktivisten der verbotenen "Nationalen Sozialisten Chemnitz".

Neonazistische Internationale

Der Aufmarsch in Dresden machte laut Szenekennern aber auch eine Entwicklung deutlich: die zunehmende internationale Vernetzung der extremen Rechten. So waren auf dem Aufmarsch rechtsextreme "Delegationen" aus Bulgarien, Ungarn, Frankreich, Italien, Schweden und Finnland vertreten.

Neonazi-Gedenkmarsch Dresden

Mit einem Klick auf das Bild gelangt ihr zu unserer Bildergalerie

Dabei sah es lange schlecht aus für die Trauermärsche: Nachdem Mitte der 2000er-Jahre jährlich mehrere Tausend Neonazis aus ganz Europa nach Dresden reisten, verlor das Event mehr und mehr an Bedeutung. 2017 kamen die Veranstalter gerade noch auf etwa 400 Teilnehmende. Doch augenscheinlich gelingt es den alten Strukturen um JN und NPD wieder besser, die eigenen Reihen zu mobilisieren. Die Nationaldemokraten haben schon seit Jahren mit Mitglieder- und Bedeutungsschwund zu kämpfen und der Konkurrenz an den Wahlurnen durch die AfD sind die kaum gewachsen.

Die Deutschen als Opfer der Geschichte

Der "Gedenkmarsch" in Dresden ist als Plattform für Antisemitismus und Geschichtsklitterung kaum zu übertreffen. Dies beginnt bei den wissenschaftlich widerlegten, überzogenen Opferzahlen, die die Neonazis propagieren und endet in Relativierungen von Holocaust und deutscher Kriegsschuld. So beschrieb einer der anwesenden Redner die Bombardierung Dresdens als "möglichst effektive, massenhafte Vernichtung deutschen Lebens" - eine Formulierung deren Ähnlichkeit zur Shoah kein Zufall sein dürfte. Besonders bezeichnend: Ein Schild, das Holocaust und alliierte Bombardements gleichsetzte, wurde von Pegida-Mitbegründerin Kathrin Oertel getragen.

Dabei sind die Neonazis nicht die einzigen, die das Gedenken politisch besetzen wollen: Auch die sächsische AfD hat zuletzt den Anlass genutzt, um für sich zu werben. Und dabei knüpft die Partei an die gleichen Mythen an wie NPD und Co. Am Donnerstag hielt die Partei eine Gedenkveranstaltung auf dem Dresdener Altmarkt ab - auch Bundesvorsitzender Tino Chrupalla legte neben anderen AfD-Funktionären einen Kranz ab. Chrupalla erntete zuletzt Kritik, nachdem er in einem Interview die offiziellen Opferzahlen des Dresdener Bombardements anzweifelte. Die Zahl von ca. 25.000 Todesopfern wurde durch eine unabhängige Historiker-Kommission ermittelt.

Blockaden und Konfrontationen

Gegen den rechtsextremen Aufmarsch mobilisierte unter anderem das Bündnis "Dresden Nazifrei". Laut Veranstalter gingen etwa 5.000 Menschen gegen die rechte Demo auf die Straße. Einen makellosen Erfolg konnten die Rechtsextremen trotz erneut hoher Teilnehmerzahlen nicht verbuchen: Sie mussten ihre Demonstrationsroute aufgrund erfolgreicher Blockaden massiv verkürzen. Schon am Sammelpunkt des "Trauermarsches" kam es zu einzelnen Zusammenstößen, als einzelne Neonazis versuchten, durch den Gegenprotest zur eigenen Demonstration zu gelangen. Gerade einmal zwei Kilometer liefen die Neonazis am Rande der Innenstadt bis zum Bahnhof. Das Bündnis "Dresden Nazifrei" zieht ein positives Fazit: "Zusammen haben wir den Nazis den Tag verdorben".

Kritik gab es zum wiederholten Mal am Polizeieinsatz. Einsatzkräfte seien Gegendemonstranten zufolge unverhältnismäßig hart vorgegangen.

Keine Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen