Über die kulturellen Leistungen der Heuchelei

Wer über Heuchelei sprechen will, kommt vor vertrackte logische und ethische Probleme, weil der Untersuchungsgegenstand nicht eindeutig und beständig ist; Schein, Täuschung, Lüge haben verwirrenden Anteil an ihm, und er bleibt von der Untersuchung nicht unberührt, wie er auch den Betrachter in Mitleidenschaft zieht. von Peter Furth*

Donnerstag, 15. April 2010
Redaktion
Über die kulturellen Leistungen der Heuchelei
Charakteristisch an dem Verhalten, das wir Heuchelei nennen, ist eine bewußte, aber verhohlene Differenz zwischen eigentlichen und bloß vorgetäuschten Handlungsmotiven. Die Heuchelei erzeugt einen Schein, in dessen Schutz Verbotenes, Verleugnetes, Verpöntes getan und gedacht werden kann: der Lippendienst des Zynikers, die Scheinheiligkeit des Gottlosen, die Anbiederung des politischen Funktionsträgers an die ihm deshalb huldigende Masse.

Mit den Massenmedien ist die Heuchelei allgegenwärtig geworden. Die Medien wirken wie eine Schule der Heuchelei, ihr Lernziel: Heuchelei für Heuchler. Der Beobachter ist kein heimlicher Voyeur, sondern offizieller Zeuge, und der Beobachtete tut nicht nur, was er tut, sondern drückt es auch aus; Gestik und Mimik werden überdeutlich, wie bei einer Frau, die Lust heuchelt. Die Tränen des Traurigen und das Lachen des Erfreuten treffen das Mitgefühl genau; alle sind Betroffene, wie unbetroffen auch immer.

Der Heuchler muß um der Glaubwürdigkeit willen die Täuschung so ernst nehmen, daß sie in Selbsttäuschung übergehen kann und die Unmerklichkeit und Beständigkeit eines Charakterzuges annimmt. Wo das nicht gelingt, muß wenigstens ein rollenhafter Ernst schon den Anschein der Frivolität unmöglich machen, weil sonst der Vorwurf des Zynismus den Gewinn der Heuchelei zunichte machen könnte. Heuchelei ist also keine einfache, leicht zu bewerkstelligende Haltung; sie verlangt eben mehr als listige Klugheit, nämlich auch Respekt für die lästigen, drückenden Zumutungen der Gemeinschaft und die anerkennungsvolle Disziplin einer Anpassung, die die Maskerade nach innen wachsen läßt.

Die verschiedenen Arten der Heuchelei können Anlaß zu der Frage sein, wer denn der bessere Heuchler sei: Derjenige, der die Heuchelei ironisch handhabt und sein Doppelleben ahnen läßt? Oder derjenige, der die Heuchelei wie eine eiserne Maske trägt und sie mit der Unbeirrbarkeit des Rechtgläubigen aufbehält? Aber so allgemein und direkt ist die Frage nach der Effizienz der Heuchelei unergiebig, erst bezogen auf die soziale Situation, in der Heuchelei auftritt, ist sie aufschlussreich.

Welcher Typ jeweils in Frage kommt, hängt von der sozialen Angst ab, gegen die die Heuchelei als Abwehr eingesetzt wird. Je mehr Angst vor Ausgrenzung und Verfemung eine soziale Situation kennzeichnet, desto mehr werden Verleugnung und Unfreiheit die Heuchelei bestimmen. Damit zusammen fällt die Bedeutung des sozialen Status; aus der Position oder Situation der Unterlegenheit heraus wird die Heuchelei so massiv und undurchdringlich wie möglich ausfallen, während der sichere Status ironische und ästhetische Lockerungen der Heuchelei zuläßt.

Was ist es, das die Heuchelei so verhaßt macht? Lügner, Betrüger, Fälscher können mit Nachsicht rechnen, während der Heuchler eine nicht zu beschwichtigende Erbitterung hervorruft. Heuchelei erbittet, als käme zu den Lügen und Täuschungen, ohne die die Heuchelei nicht sein kann, noch etwas hinzu, das den Haß besonders auf sich zieht; eine Erniedrigung, die mit Verachtung beantwortet werden muß, wenn die Selbstachtung erhalten werden soll. Es ist, als ob man dem Heuchler eine übergroße Bereicherungsabsicht übelnähme, weil er mit einem doppelten Täuschungsgewinn rechnet; nicht nur, daß er weiterhin seinen verborgenen selbstsüchtigen Motiven folgt, er besorgt sich auch noch öffentliche Anerkennung dafür. Der Heuchler zieht wie der Reiche den Neid auf sich, weil er ohne eigene Investitionen moralischen Gewinn macht.

Oft werden Heuchelei und Lüge gleichgesetzt. Das ist verständlich, geht aber fehl. Zwar gehört die Lüge zur Heuchelei, aber nur in sehr besonderer Weise; die Lüge, die bei der Heuchelei mitspielt, ist eine Lüge mit der Wahrheit. Lügen und Heucheln gleichsetzen ginge an, wenn immer nur mit der Wahrheit gelogen würde. Das aber ist mitnichten der Fall.

Lügen haben kurze Beine, heißt es; vom Heucheln kann man das nicht sagen. Der Heuchler muß nicht die Wirklichkeit im ganzen umlügen, die ihn wegen ihrer Unendlichkeit doch einmal einholt; seine Lüge bleibt subjektiv, betrifft nur seine Bewußtseinshaltung, seine Wahrhaftigkeit und auch nur die innere Seite davon; der Wirklichkeitsgehalt wird im Unterschied zum Lügner dadurch nicht berührt.

Der Lügner macht die Wahrheit unkenntlich, läßt sie verschwinden; durch den Heuchler hingegen wird die Tugend geradezu überdeutlich und bekommt Existenz auch unter widrigen Bedingungen. Er geht mit der Tugend Kompromisse ein, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Das ist das Entscheidende, das diejenigen, die die Heuchelei von der Seite ihrer Unwahrheit aus angreifen, gerade verkennen. Der ethische Rigorist hält die Werte hoch, die durch die Heuchelei verletzt werden; er hält damit aber auch die Bedingungen aufrecht, die die Heuchelei für ihre Existenz braucht, und zudem bleibt er blind für die sozialen Gründe und Leistungen der Heuchelei. Denn sie erschließt die materiellen und egoistischen Interessen als Energiequellen der Moral, indem sie individuelle Motive und soziale Werte, die Ideale des Gemeinsinns und die Interessen des Egoismus allererst verbindet. Die Heuchelei erweist so in ihrer janusköpfigen Gestalt zugleich ihre kulturelle Leistung: Im Innern des Heuchlers ist sie Abwesenheit von Aufrichtigkeit, jedoch nach außen hin bestärkt sie gerade jene Tugenden und Regeln, denen sie innerlich gleichgültig gegenüber steht. Keine Zivilisation ohne Heuchelei.

* Dieser Text ist eine Kurzfassung der Abschiedsvorlesung von Prof. Peter Furth, die im Jahr 2006 in dem Buch "Troja hört nicht auf zu brennen" (Landtverlag) erschien. Die vorliegende Kurzfassung wurde erstmals in der sozialdemokratischen Zeitschrift "horizonte" abgedruckt. Wir danken den Verlagen für die Abdruckgenehmigung.

Furth_TrojaPeter Furth
Troja hört nicht auf zu brennen: Aufsätze aus den Jahren 1981 bis 2004
Fadenheftung, 420 Seiten,
39,90 €
ISBN: 978-3-938844-12-0
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