Türöffner nach rechts

Ein führender Funktionär der AfD lässt sich vom neurechten Magazin „Sezession“ ausführlich interviewen. Derweil verlässt ein Vertreter des rechten Flügels der Partei den Bundesvorstand – ein echter Rückzug ist das aber nicht.

Donnerstag, 16. Oktober 2014
Rainer Roeser

Björn Höcke, Landessprecher der „Alternative für Deutschland“ in Thüringen und Fraktionsvorsitzender im Erfurter Landtag, stand der „Sezession“ Rede und Antwort. Dem Magazin beziehungsweise seinem Herausgeber Götz Kubitschek ist Höcke offenbar schon seit Längerem verbunden. Interviewer Kubitschek rechnet ihn jedenfalls im Vorspann des Gesprächs zu jenen, „die wir im Verlauf unserer langjährigen Verlagsarbeit, im Wandervogel, beim Militär oder auf einer der mittlerweile zahllosen Veranstaltungen des Instituts für Staatspolitik (IfS) kennengelernt haben“.

Berührungsängste zum publizistischen Rechtsaußenspektrum kannte der AfD-Politiker auch in der Vergangenheit nicht. Nach dem Wahlerfolg in Thüringen stand er für ein Gespräch mit dem rechtsextremen Monatsmagazin „Zuerst!“ bereit. Im Sommer hatte er dem Online-Magazin „Blaue Narzisse“, das sich wie die „Sezession“ der intellektuellen Aufrüstung der Neuen Rechten verschrieben hat, ein ausführliches Interview gegeben.

„Verteidigung der ethnokulturellen Diversität“

Im Gespräch mit der „Sezession“ fordert Höcke eine am „Volkswohl“ orientierte Politik und die „Verteidigung der ethnokulturellen Diversität“, der „höchste Priorität eingeräumt werden“ müsse. Höcke: „Wird die von den Altparteien eingeschlagene Marschrichtung nicht deutlich korrigiert, stehen schon mittelfristig unser Volksvermögen, unsere staatliche Integrität und unser Weiterbestand als Träger einer Hochkultur auf dem Spiel.“

Gemeinsam mit Höcke interviewt „Sezession“ einen zweiten Rechtsaußen der AfD: Der Historiker Stefan Scheil hat sich in der Vergangenheit insbesondere in geschichtsrevisionistischen Kreisen einen Namen gemacht. Inzwischen hat er bei der AfD auch eine parteipolitische Heimat gefunden. Sie machte ihn bei der Kreistagswahl im Rhein-Pfalz-Kreis im Mai zu ihrem Spitzenkandidaten. Gemeinsam mit drei weiteren AfDlern sitzt er nun dort im Kreisparlament. „Es ist nicht zuviel gesagt, dass sich hier ein Verantwortungsgefühl für das deutsche Volk meldet“, begründete er seinen Einstieg in die AfD-Politik. Die „etablierten Parteien“ hätten das „Volkswohl“ nicht mehr „als zentrales Ziel im Auge behalten“.

Sympathien für UKIP

Derweil hat sich am Mittwoch mit Marcus Pretzell ein Vertreter des rechten Flügels der AfD aus deren Bundesvorstand zurückgezogen. Der Europaabgeordnete galt in der Parteispitze als schärfster Kritiker von AfD-Chef Bernd Lucke. Gleichwohl hieß es nun in einer gemeinsamen Erklärung der beiden: „Wir betonen, dass dem Rücktritt von Marcus Pretzell weder eine Rivalität, noch ein Streit noch ein Machtkampf zugrundeliegt, sondern, dass wir uns in den politischen Zielen der AfD völlig einig sind und an unterschiedlicher Stelle dafür gemeinsam weiterkämpfen werden.“ Ganz ernst nehmen muss man solche Beschwörungen der Einigkeit nicht. Zu deutlich waren die Differenzen in den letzten Monaten – etwa wenn Pretzell seine Sympathien für eine Zusammenarbeit mit der rechtspopulistischen britischen UKIP erkennen ließ oder sich im parteiinternen Streit über die außenpolitische Orientierung an die Seite des nationalkonservativen Flügels stellte.

Der Bielefelder Rechtsanwalt bleibt an der Spitze der AfD in Nordrhein-Westfalen. Die NRW-AfD sorgt zwar derzeit wegen der Zusammenarbeit von Duisburger Ratsmitgliedern mit NPD und „pro NRW“ für negative Schlagzeilen, ist aber mit rund 4000 Mitgliedern der mit Abstand größte Landesverband der Partei – mit entsprechend großem Einfluss auch bundesweit. „Inhaltlich und strukturell werde ich meine Stimme weiter erheben“, kündigte Pretzell schon einmal an. Und gänzlich gekappt sind die Verbindungen zum Bundesvorstand nicht: Die stellvertretende AfD-Bundessprecherin Patricia Casale steht als „örtliche Assistentin“ des Europaabgeordneten Pretzell auf dessen Gehaltsliste.

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