„Trotz Verbot nicht tot“

Rund zweieinhalb Jahre nach dem Verbot der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) hat der harte Kern der Neonazi-Bande neue Strukturen aufgebaut, so dass die Vermutung nahe liegt, dass diese Gruppe zumindest partiell weiter aktiv ist. Und zwar unter dem Deckmantel des Kreisverbandes Aachen-Heinsberg der Neonazi-Minipartei „Die Rechte“ (DR).

Montag, 02. März 2015
Michael Klarmann

Die KAL war im August 2012 gemeinsam mit dem „Nationalen Widerstand Dortmund“ (NWDO) und der „Kameradschaft Hamm“ (KSH) nach dem Vereinsrecht verboten worden. Ähnlich wie in Dortmund und Hamm organisierten sich zahlreiche Mitglieder und Führungskader unter dem Deckmantel der DR indes neu, gerade in Nordrhein-Westfalen wurde die Minipartei zu einem Auffangbecken radikaler, militanter und mehr oder weniger offen neonazistisch auftretender Szenengänger unter dem Schutz des Parteirechtes. (bnr.de berichtete) In der seitdem geführten Diskussion über ein „Die Rechte“-Verbot ging es überwiegend um die sich erneut stark radikalisierende Szene in Dortmund. Auch wenn im Raum Aachen, Düren und Heinsberg die Szene lange nicht so aktiv auftritt wie zu den Zeiten der KAL, so gelingt es ihr doch, kontinuierlich Strukturen zu erhalten, neue aufzubauen und KAL-Events wiederzubeleben.

So hat der Kreisverband Aachen-Heinsberg der DR am 22. Februar ein überwiegend konspirativ vorbereitetes „Heldengedenken“ in der Tradition der verbotenen KAL auf dem Soldatenfriedhof „Marienbildchen“ in Langerwehe-Merode (Kreis Düren) abgehalten. Als Redner fungierten zwei ehemalige, einschlägig vorbestrafte Führungskader der KAL, nämlich der ehemalige „Kameradschaftsführer“ René Laube und Denis U. (beide aus dem Kreis Düren). Zur Zeit ihres Bestehens hielt die KAL solche „Heldengedenken“ überwiegend am oder rund um den Volkstrauertag im November ab, zeitweise fanden diese Versammlungen auf verschiedenen Soldatenfriedhöfen in der Region aber in den letzten Jahren des KAL-Bestehens auch im Frühjahr statt. Der Termin dürfte mit einem Gesetz über die Feiertage in Nazi-Deutschland zusammenhängen, das im Februar 1934 gültig, aber später abgeändert wurde. Demnach sollte zuerst am fünften Sonntag vor Ostern ein „Heldengedenktag“ abgehalten werden; später waren die NS-„Heldengedenktage“ unabhängig vom Osterfest überwiegend Mitte März zelebriert worden.

„Aachener Widerstand immer noch da“

Schon zwei Tage nach dem KAL-Verbot im August 2012 hatte der seinerzeit unfreiwillig seines Amtes enthobene „Kameradschaftsführer“ Laube bei einer Kundgebung in Düren in Richtung der Verbotsbehörde gestänkert: „Trotz Verbot sind wir nicht tot!“ Eine Losung, die Laube wiederholt nutzte, etwa im September 2013 bei einer Kundgebung in Aachen, als die Neonazis auf einem Transparent ebenso bekundeten, der „Aachener Widerstand“ sei „immer noch da.“ Besagtes Transparent nutzten ehemalige Mitglieder oder Sympathisanten der KAL auch bei anderen Aufmärschen, laut Verfassungsschutz etwa 2013 in Dortmund und Wuppertal.

Dass besonders gefestigte Kader nach dem Verbot schon bald auch organisatorisch wieder aktiv waren, zeigte auch das Verbreiten eines Flyers, der zu einer Geburtstagsfeier für eine Seniorin, die bis zum Verbot die Kasse der KAL geführt haben soll, Anfang Dezember 2012 einlud. Die Rentnerin aus Eschweiler wurde auf dem Flyer, der in seiner Optik und in Textpassagen früheren KAL-Flyern ähnelte, knapp drei Monate nach dem KAL-Verbot weiter als „Mutter der Kompanie“ bezeichnet. Als Ort für die konspirativ vorbereitete Feier wurde das „Aachener Land“ angegeben. Selbst nach dem Verbot sollen bei solchen Treffen noch Rechtsrock-CDs mit dem KAL-Logo verteilt worden sein.

Gründungsdatum des DR-Verbands als Provokation

Am 2. Februar 2013 fand dann eine Gründungsfeier der Kreisverbände Aachen und Heinsberg der Neonazi-Partei „Die Rechte“ (DR) in Nörvenich-Frauwüllesheim (Kreis Düren) statt, unter den Teilnehmern befanden sich zahlreiche ehemalige KAL-Mitglieder und -Kader.  Die Sicherheitsbehörden betonen, dass das Gründungsdatum jener einheitlich auftretenden DR-Verbände mit dem offiziellen Gründungsdatum der KAL am 1. Februar 2002 korrespondiert und eine Provokation darstellen soll, um aufzuzeigen, dass die KAL eigentlich weiter existiert oder wieder aktiv geworden ist. 2013 meldete die DR in Stolberg eine Neuauflage der fremdenfeindlichen Hetzmärsche nahezu in gleicher Form an, wie es Neonazis unter Mitwirkung der KAL zuvor schon getan hatten. Das führte zum Verbot der Aufmärsche.

Der DR-Verband Aachen-Heinsberg hielt zudem verschiedene Treffen und Feiern ab, die auch zuvor schon zum Repertoire der KAL gehörten. So fand ein „Balladenabend“ unter dem Label der DR in Kerpen-Manheim statt, auf dem mit „Lunikoff“ eine der Kultfiguren der deutschen Rechtsrock-Szene auftrat. Maßgeblich alte KAL-Kader waren an der Organisation des Abends beteiligt, ein Neonazi-Liedermacher aus Aachen trat im Vorprogramm auf und soll dabei auch eine Art Hymne der KAL gespielt haben.

„Syndikat52“ statt KAL

Ein weiterer Organisations-Coup aus Kreisen alter KAL-Leute und jetziger DR-Kader: Mitte 2014 verkündete man, dass eine der örtlichen DR untergeordnete Freizeit-, Schulungs- und Freundesgruppe namens „Syndikat52“ gegründet worden sei – namentlich eine Kombination aus den Anfangsziffern der Postleitzahl für den Raum Aachen und einer Art von Verbrechersyndikat, immerhin waren KAL-Mitglieder in den Jahren vor dem Verbot wegen zahlreicher Straftaten aufgefallen. „Syndikat52“ verbreitet sogar, man wolle eine Immobilie erwerben oder mieten, um eine Art nationalistischen Frei(zeit)raum für eigene Aktivitäten aufzubauen.

Bisherige „Syndikat52“-Aktivitäten decken sich teilweise mit alten KAL-Angeboten: Computerschulung, gemeinsames Grillen, sportive Aktivitäten, etwa eine größere Rafting-Tour der Neonazis. Im Dezember verkündete „Syndikat52“ stolz, dass ein Videoclip zum neuen Album des Neonazi-Rappers „Makss Damage“ in Aachen gedreht werde. In dem später via Internet verbreiteten Video wirken ehemalige KAL-Kader als vermummte Statisten mit, agieren bedrohlich und aggressiv im Stile eines Gangster-HipHop-Clips gegenüber Kamera und Betrachter, sind mit einem Golfschläger, einer Pistole und einem Beil bewaffnet.

Doch dieses jugendsubkulturelle Erscheinungsbild ist nur die eine Seite. Jene Kreise mögen es ebenso traditionalistisch, denn aus jener Klientel hatten sich schon im April auch Besucher einer „Führergeburtstagsfeier 2014“ bei der holländischen Sektion des in Deutschland verbotenen Netzwerkes „Blood&Honour“ rekrutiert. Der Saal war mit Hakenkreuzfähnchen geschmückt, als Redner trat laut Veranstalterbericht unter anderem Laube auf, im Publikum saß ein Neonazi mit dem T-Shirt der KAL – in Deutschland wäre das öffentliche Tragen des Shirts ein strafrechtlich relevanter Verstoß gegen das Verbot. Aufgetreten sein soll bei jenem Treffen in den Niederlanden zudem ein Liedermacher aus dem früheren KAL-Umfeld.

Neue Neonazi-Generation wächst nach

In den letzten Jahren ihres Bestehens waren die KAL und deren Mitglieder zeitweise in der Region rund um Aachen, Düren und Heinsberg massiv durch Sprühaktionen, Sachbeschädigungen, Gewalttaten und Bedrohungen gegenüber Gegnern aufgefallen. Die KAL organisierte, teilweise in Kooperation mit der NPD oder  anderen Gruppen regelmäßig „Erntedankfestfeiern“, „Führer-Geburtstage“, „Julfeste“ respektive „Wintersonnenwend-Feiern“, „Heldengedenken“ oder „Schlageter-Treffen“ zu Ehren der nationalsozialistischen Märtyrerfigur Albert Leo Schlageter. Hinzu kamen Aufmärsche wie die fremdenfeindlichen Hetzmärsche in Stolberg (Städteregion Aachen) mit mehreren hundert Neonazis, angereist aus ganz Deutschland. Organisatorisch eingebunden war die KAL teilweise auch bei den November-Aufmärschen in Remagen (Rheinland-Pfalz).

Teile jener Aktivitäten haben ehemalige KAL-Kader unter dem Deckmantel der Partei oder als Privatpersonen längst wieder aufgenommen. Jedoch tritt die Neonazi-zene in der Grenzregion rund um Aachen bei weitem nicht mehr so aggressiv und aktiv auf, wie zu Zeiten, als die KAL noch offen existierte. In Teilen der Region wächst allerdings eine neue Generation von Neonazis nach. Auffallend ist, dass der örtliche DR-Verband angesichts seines Gründungsdatums seine Jahreshauptversammlung auf den 1. Februar terminierte – nach außen hin ein Zeichen der Notwendigkeit für einen funktionierenden Parteiverband, szenenintern jedoch eine Reminiszenz an das indirekte Fortbestehen der KAL, die ihre Jahreshauptversammlungen auch Ende Januar, Anfang Februar abgehalten hatte.

Minimalistische Außenwirkung

Gegenüber den alten KAL-Tagen bleiben die Aktivitäten jedoch überschaubar, so fanden unter dem Deckmantel der DR nur kleinere Kundgebungen und ein etwas größerer Aufmarsch in Aachen im März 2014 statt. Der war im Namen des örtlichen DR-Kreisverbandes vom Kreischef und ehemaligen KAL-Kader André Plum angemeldet worden. DR-Kreisverbände aus dem Rheinland hatten zuvor angekündigt, dies sei der Auftakt einer Kampagne unter dem Label: „Multikultur tötet!“ Folgen sollten nach dem Aufmarsch zudem Flugblattverteilungen, Kundgebungen und Demonstrationen im ganzen Rheinland.

Letztlich jedoch blieb die Außenwirkung der vermeintlichen Kampagne, die von Aachen aus weiter getragen werden sollte, minimalistisch. Derzeit scheint der Aktionsradius von „Multikultur tötet!“ sich auf ein Facebook-Profil zu beschränken, über das Links zu – überwiegend fremdenfeindlichen – Artikeln und Statements verbreitet werden. Der örtliche DR-Kreisverband scheint derweil bei seinem Internet-Hoster die Gebühren für die eigene Webseite nicht entrichtet zu haben – die Internetadresse führt ins Leere und die Domain steht laut Hoster „zum Verkauf“.

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