Trotz Verbot nicht tot

Der „Hamburger Sturm“ wurde von der Innenbehörde aufgelöst. Die Neonazis sind aber weiter äußerst aktiv.

Donnerstag, 24. August 2000
B. Ohne

„Deutsche Jugend liest den Sturm“ titelte das Autorenkollektiv des „Hamburger Sturm“ im Frühjahr 2000. Damit ist nun Schluss. Die Nummer 22 der rechtsextremen Periodika war die letzte Ausgabe. Der Hamburger Innensenator Hartmuth Wrocklage (SPD) hat die Publikation und die dahinter steckende gleichnamige Gruppierung verboten. Es handelt sich bei dem „Hamburger Sturm“ zwar um eine Kameradschaft, doch sei diese durch ihre Struktur und ihre Außendarstellung wie ein Verein zu bewerten, so die Innenbehörde der Hansestadt.
Die Verbotsverfügung wurde Torben Klebe (23), Thorsten Bärthel (33), Andreas Heine (24) und Jan Steffen Holthusen (24) persönlich übergeben. Dazu fand bei Klebe eine Hausdurchsuchung statt. Dabei wurden ein PC, Disketten, Schriften, T-Shirts und Plakate zu einer Kampagne für Rudolf Heß zu dessen 13. Todestag beschlagnahmt. Diese Plakate waren einige Tage zuvor in mehreren Orten Schleswig-Holsteins und in Hamburg verklebt worden. Teilweise waren sie mit dem Logo des „Hamburger Sturm“ versehen. Die braunen Aktivisten reagierten nach dem Verbot aber prompt: Auf der Webseite des Freien Infotelefons Norddeutschland (FIT), die sich um den Vertrieb der hetzenden Heß-Pamphlete kümmert, werden die Plakatierer aufgefordert, den Schriftzug „Hamburger Sturm“ mit einem schwarzen Edding-Stift zu entfernen. Die Polizei hat Ermittlungsverfahren wegen falscher Verdächtigungen eingeleitet. Auf den Plakaten wird der britische Geheimdienst unter dem Titel „Mord“ für den Heß-Tod im Spandauer Alliierten-Gefängnis 1987 verantwortlich gemacht. Als Herausgeber fungiert ein „Institut für Volksaufklärung“.

Der „Hamburger Sturm“ greift zurück auf die Zusammenhänge der 1995 verbotenen „Nationalen Liste“ (NL) mit Thomas Wulff an der Spitze. Auch Klebe gehörte der NL an. Anschließend wurde der „Bramfelder Sturm“ kreiert, der sich dann nach einem Jahr Existenz in „Hamburger Sturm“ umbenannte. Zuletzt trat die Kameradschaft, die ungefähr 20 Personen zählt, bei zahlreichen Demonstrationen auch unter der Firmierung „Hamburger Sturm 18“ auf. Die Ziffern stehen dabei für die Anfangsbuchstaben A und H wie Adolf Hitler. Damit marschierte die Kameradschaft neben mehreren Auftritten in Hamburg auch in Berlin und Köln.

Klebe soll einer der führenden Köpfe im Neonazi-CD-Handel sein. In Sachen „Nazirock“ und „Blood&Honour“-Strukturen werden ihm beste Kontakte nachgesagt. Er soll unter anderem die Verteilung der 1998 erschienenen CD „Rock gegen oben“ von der rassistischen Gruppe „Landser“ (Berlin) vorgenommen haben. Zuletzt trat er bei einem Blood&Honour-Konzert in Hamburg als Mitorganisator in Erscheinung, bei dem die Band „Noie Werte“ am 5. August neben den Briten „Legion of St. George“ in einer Diskothek aufspielten - geschützt von der Polizei, die sich darauf berief, bei einem als „Verlobungsfeier“ deklarierten privaten Anlass angeblich nicht eingreifen zu können. Für den Hamburger Anwalt Christian Busold, Referent für innere Sicherheit der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, ein Skandal: „Es ist unerheblich, ob es ein geschlossener Saal ist. Zur Veranstaltung war kein bestimmter Personenkreis, sondern eine unbestimmte Vielzahl“ geladen. „Wer Neonazi war, konnte rein“, so Busold.

Eine weitere schillernde Figur des „Hamburger Sturm“ ist Jan Steffen Holthusen. Er führte Ende vergangenen Jahres in Hamburg-Bergedorf eine Gruppe von Neonazis an, die eine DGB-Veranstaltung stören wollten. Er kümmerte sich persönlich um die Aktivitäten des „Club 88“ in Neumünster, offenbar auch Treffpunkt verschiedener schleswig-holsteinischer Kameradschaften. Nach Angaben des Verfassungsschutzes ist zum Dunstkreis des „Sturm“ auch der 1999 gegründete „.A.H.-Verlag Hamburg“ zu zählen, für den im Blatt „Hamburger Sturm“ zuletzt massiv geworben wurde.

Trotz des Verbotes wird Hamburg Tummelplatz rechtsextremer Aktivitäten bleiben. So hat das FIT seinen Sitz an der Elbe. Zudem residiert dort das Christian Worch zugerechnete „Soziale Aktionsbündnis Norddeutschland“. Worch wird neben Wulff in den Zeitungen der „Springer-Presse“ und im „Stern“ als „Drahtzieher“ bezeichnet. Mit dieser Funktion strahlt er über die Landesgrenzen hinaus, wie die Verbindungen ins Umland oder nach Mecklenburg-Vorpommern zeigen. Hamburgs Verfassungsschutzchef Reinhard Wagner zeigte sich in einem NDR-Rundfunkinterview besorgt darüber, dass im Hamburger Umland zuletzt zunehmend Waffen bei Neonazis gefunden wurden.

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