Weinheim

Trauermarsch für verstorbenen Ex-NPD-Vorsitzenden wird zum Trauerspiel

Unter 50 Teilnehmer kamen am Ostersamstag nach Weinheim bei Heidelberg zu einem „Trauermarsch für Günter Deckert“ zusammen. Der mehrfach wegen Volksverhetzung eingesessene ehemalige Vorsitzende der NPD war am 31. März verstorben. Eine Blockade verkürzte die Route zudem massiv.

Sonntag, 17. April 2022
Thomas Witzgall
Weinheim: sehr überschaubare Beteiligung am "Trauermarsch für Günter Deckert"
Weinheim: sehr überschaubare Beteiligung am "Trauermarsch für Günter Deckert"

Auf Twitter beglückwünschen sich antifaschistische Gruppe unter dem Hashtag whm1604 für Weinheim, den „heutigen Trauermarsch“ für den verstorbenen früheren NPD-Vorsitzenden blockiert und zum Ausweichen gezwungen zu haben. Besonders sei verhindert worden, dass der Demozug zu „Ehren“ des verurteilten Holocaustleugners, der erst Ende Februar für rassistische Thesen aus einer Sitzung des Gemeinderat geworfen worden war, über den Marktplatz zog. Die Versammlung wurde über die ganze Strecke von Gegenprotest begleitet.

Am Bahnhof hatte sich ein linkes Bündnis getroffen, die dann den Neonazi-Zug protestierend begleitete. Die in großer Stärke anwesende Polizei ließ zu Beginn noch eine direkte Nähe zu. Das eher bürgerliche Bündnis „Weinheim ist bunt“ traf sich an der Großen Zeder. Im angrenzenden Schlosspark wurden einige Familien beim Osterpicknick von der dort geplanten Zwischenkundgebung überrascht und mussten den Neonazis weichen. Hier hielt die Einsatzleitung Protestierende auf Abstand und fordert die Menge auf, die Versammlung der NPD nicht zu stören und drohte mit Auflösung. Protest blieb aber immer hörbar.
 

2022-04-16 Weinheim Trauermarsch Günter Deckert

Unterwegs passierten die Neonazis auch das örtliche Mahnmal für die Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung. Laut eines Lokaljournalisten wurde die Route bewusst von der Stadt so gewählt, um die Teilnehmenden mit den Verbrechen zu konfrontieren. Die Teilnehmer am Trauerzug dürften den Ort allerdings im kurzen Vorbeizug, eng begleitet durch Polizei und Gegenprotest, kaum wahrgenommen haben. Ob eine solche „Konfrontation“ von ideologisch gefestigten Neonazis, die sich in Wort, Bild, Shirts und Tattoos mit den Täter solidarisieren, überhaupt einen Nutzen bringt, darf bezweifelt werden.

Zu dem Trauermarsch hatte Jan Jaeschke aufgerufen. Der Kader aus dem Gebiet Rhein-Neckar hatte 2020 mit 30 Jahren den Landesvorsitz der NPD in Baden-Württemberg übernommen. Die Resonanz blieb bescheiden. Statt der 150 angemeldeten Teilnehmer fanden sich keine 50 Personen ein. Aktive Parteiprominenz der nahezu komplett bedeutungslosen Wahlpartei NPD war kaum vor Ort. Mit Lennart Schwarzbach aus Hamburg erschien lediglich ein weiterer Landesvorsitzender, der Landesverband 2016 von Thomas „Steiner“ Wulff übernommen hatte. Er merkte in seiner Rede kritisch an, dass der Termin in der Partei wohl kaum bekannt gemacht wurde. So wurde die Versammlung eher zum Stell-dich-ein für ausgediente Alt-Kader wie Christian Worch, Thomas „Steiner“ Wulff, Per Lennart Aae und Edda Schmidt. Mit Nicole Schneiders folgte eine frühere Funktionärin, die momentan eher als Rechtsanwältin für rechtsterroristische Straftäter Schlagzeilen macht.
 

Deckert mischte sich zuletzt wohl wieder stärker in die Diskussionen um die Zukunft der NPD ein. Aae berichtete in seiner Rede von einem gemeinsamen Treffen am 05. Februar dieses Jahres, bei dem sich Deckert mit Lennart Schwarzbach, Stephan Haase (Lüdenscheid) und dem ehemaligen Bundesschatzmeister Andreas Storr Gedanken zur Neuausrichtung gemacht hätten, obwohl Teile der Partei Deckert „schändlich behandelt“ hätten.

 Mit dem Trauermarsch sollte der Zivilgesellschaft noch mal die Beschäftigung mit Deckert öffentlich aufgezwungen werden, der bis zu seinem Tod für die NPD-nahe „Deutsche Liste“ im Gemeinderat saß. Der Name des ehemaligen Studienrats wird vor allem mit der Revisionismus-Kampagne der NPD verbunden, also dem Bestreben, über die Umdeutung der Geschichte bis hin zur Leugnung der Nazi-Verbrechen den Zuspruch für völkisch-nationalistische Politikvorstellungen zu vergrößern.

Diese Seite Deckerts wurde immer wieder erwähnt. So sei er insgesamt fünf Jahre „wegen politischer Meinungsdelikte“ inhaftiert gewesen, so Aae in seiner Rede. Die Amtsenthebung Deckerts war für den ehemaligen Parlamentarischen Berater der NPD im Sächsischen Landtag nicht nur „ein Verrat an der NPD, sondern auch ein schändlicher Kniefall vor einer politischen Justiz“.

Im Gemeindeparlament war von den Fraktionen vereinbart worden, öffentlich nicht auf den Tod Deckerts zu reagieren. Dennoch nahmen an der Beerdigung am 7.April drei CDU-Funktionäre teil, darunter der Ehrenvorsitzende der CDU Weinheim. Der aktuelle Vorsitzende betonte, alle drei hätten „privat“ und nicht als Vertreter der Partei teilgenommen, weil sie die Angehörigen kannten. Der Vorfall bleibt dennoch brisant. Die Rhein-Neckar-Zeitung fragte, ob man nicht auch an der Haustür kondolieren könnte statt öffentlich bei der Trauerfeier für einen Verhetzer und Leugner der Shoah. Bei den anderen Fraktionen stieß die Haltung der Christdemokraten auf Unverständnis.

Am Trauermarsch haben – soweit beobachtet – keine Angehörigen demokratischer Parteien teilgenommen. Zwei Mitmarschierer bekannten sich zur Neuen Stärke Partei. Reden kamen neben denen von Schwarzbach und Aae noch von Florian Grabowski (Neue Stärke Partei), Karl-Heinz Pfirrmann von der NPD Rheinland-Pfalz und einem nicht namentlich vorgestellten Weggefährten, der Deckert seit 20 Jahren kennen wollte. Er beendete seine spontanen Redebeitrag mit der verbotenen SA-Parole "Alles für Deutschland".  Als Versammlungsleiter fungierte Arthur Sitarz. 

Kategorien
Tags