von Redaktion
   

Tønsberg: Norwegische Stadt, KZ und Thor Steinar-Boutique

Das Bündnis Bunter Brühl zeichnet in einer Ausstellung die historischen Linien vom Konzentrationslager Tønsberg zum rechten Szeneladen nach. Kurz vor der Eröffnung tauchte überraschend ein entwendetes Protestschild des Bündnisses wieder auf.

Hanka Kliese eröffnet die Ausstellung (Foto: Bündnis Bunter Brühl)

Nach monatelanger Recherche- und Gestaltungsarbeit war es soweit. Das Bündnis Bunter Brühl lud am 14. April zur Vernissage „Tønsberg und Thor Steiner – vom nationalsozialistischen Konzentrationslager zum rechten Szeneladen“.

Hanka Kliese, die Initiatorin des Bündnisses, erinnerte in ihrer Begrüßung vor ca. 40 Gästen noch einmal an die Entstehung und den Werdegang des Protestes gegen den Szeneladen. So war nach der Eröffnung des Geschäftes im März 2012 unter dem Namen „Brevik“ das Medienecho weltweit überwältigend. Nicht zuletzt weil der Name sich stark an den norwegischen Massenmörder Breivik anlehnte, der ein Jahr zuvor 77 Menschen kaltblütig erschoss.

Doch neben diesem Vereis wurde in Zeitungen sowie Radio- und TV-Beiträgen stets betont, dass es in Chemnitz Menschen gibt, die gegen den Szeneladen protestieren, der die bei Rechtsextremen beliebte Modemarkte Thor Steinar vertreibt. Aufgrund des zivilgesellschaftlichen Engagements und medialen Drucks benannte sich das Geschäft schließlich in „Tønsberg“ um. Das weltweite Medieninteresse erlosch.

Provokation als Prinzip

Die Ausstellung zeigt nun, dass es sich bei dem neuen Namen nicht einfach nur um den Namen einer normalen norwegischen Stadt handelt. Eine Forschergruppe um Bjarte Bruland, dem Chefkurator des Jüdischen Museums in Oslo, beschäftigte sich erstmalig detailliert mit der Geschichte des Konzentrationslagers in Tønsberg und stellte die Ergebnisse dem Bündnis Bunter Brühl zur Verfügung. Der Chemnitzer Historiker Dr. Jürgen Nitsche recherchierte die Schicksale sächsischer Juden, die nach Norwegen geflohen und schließlich deportiert wurden. Unter den Deportieren war auch der Chemnitzer Rechtsanwalt Dr. Fritz Cohn, der mit seiner Frau 1939 in das skandinavische Land auswanderte.

Sein Schicksal wird in der Ausstellung auf einem der 22 Rollups beleuchtet. Darüber hinaus bildete der erschütternde Bericht von Hans Sachnowitz „Auschwitz. Ein norwegischer Jude überlebte“ eine Recherchegrundlage. Aus seinen 1981 erschienenen Erinnerungen las zur Ausstellungseröffnung Egmont Elschner, der sich seit Jahren im Rahmen der Tage der jüdischen Kultur in Chemnitz engagiert.

Die Ausstellung beleuchtet auch die Entstehung des Lagers Tønsberg nach „Vorbild“ der deutschen Konzentrationslager, insbesondere Dachau. Zudem wird auf Besonderheiten der Lagerleitung – welche ausschließlich aus norwegischem Personal bestand – eingegangen.

Gestohlenes Schild bei Hausdurchsuchung gefunden

Schließlich spannt die Ausstellung den Bogen zur Gegenwart und zeigt, dass gerade die Namen der rechten Szeneläden in Städten wir Rostock, Dresden, Halle, Magdeburg oder Essen an historisch aufgeladene Orte und Ereignisse angelehnt sind. Desweiteren wird an Wegmarken des Protestes des Bündnisses Bunter Brühl erinnert; so auch an das Protestschild „Geöffnet von 1933-1945“, welches in der Vergangenheit mehrfach entwendet wurde.

Eines dieser Schilder ist nun bei einer Hausdurchsuchung aufgetaucht. „Und man kann so viel sagen, dass ein politischer Hintergrund nicht auszuschließen ist“, informierte Hanka Kliese. „Mit der Ausstellung ist nun ein Projekt entstanden, das sich nicht einfach entwenden lassen kann. Wir verlassen damit als Bündnis zugleich die Straße und den Protest vor dem Geschäft und setzen uns mit den historischen Hintergründen auseinander.“

Die Ausstellung ist bis zum 30. April im Ausstellungsraum des Chemnitzer Rathauses zu sehen. Sie ist so konzipiert, dass sie anschließend ausgeliehen werden kann, z.B. an Bündnisse in Städten, in denen ebenfalls ein Tønsberg-Geschäft ansässig ist, an Schulen oder Vereine.

Kommentare(1)

DasNiveau Mittwoch, 15.April 2015, 10:57 Uhr:
„Geöffnet von 1933-1945“ klingt aber auch nach DEM Schild das Otto-Normalnazi bei sich in der Kellerbar aufhängen will. Kein Wunder dass das geklaut wird.
 

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