„Todfeind, Parteifreund“

Der Zwist in der Hamburger NPD hat Konsequenzen weit über die Hansestadt hinaus.

Donnerstag, 15. Februar 2007
Tomas Sager

Wer die Steigerung „Feind, Todfeind, Parteifreund“ ganz praktisch erleben will, muss sich in diesen Tagen der Hamburger NPD zuwenden. Bizarre Szenen spielen sich dort ab. Nachdem die Opponenten der Landesvorsitzenden Anja Zysk dieser mit Gewalt gedroht hatten, die Landeschefin ihrerseits mit einer Strafanzeige geantwortet hatte und der Vorstand komplett zurückgetreten war (bnr 2/07), bemüht sich Bundesvize und Generalsekretär Peter Marx, die Hamburger NPD irgendwie wieder zurück zur Normalität zu führen. Doch das will nicht recht gelingen.
Alles andere als normal waren zum Beispiel die Umstände, unter denen am 5. Februar die Jahreshauptversammlung des Hamburger NPD-Kreisverbandes Nord stattfand. Nicht nur, dass sich Marx persönlich in die Niederungen der Provinz begeben und Mitglieder des NPD-Ordnungsdienstes mitbringen musste, um einen halbwegs geordneten und zivilisierten Ablauf sicherzustellen. Vollends skurril wurde das Ganze, wenn das „Störtebeker-Netz“ berichtete, die Hauptkontrahenten Zysk und Thorsten de Vries hätten sich für die Dauer der Veranstaltung auf eine Art Burgfrieden geeinigt, indem sie „schriftlich (!) erklärten, von Anzeigen wegen Nichteinhaltung des gerichtlich verordneten Mindestabstandes bzw. auf körperliche Gewalt zu verzichten“. Am Ende hatte der Kreisverband mit Matthias Faust, einem Gefolgsmann der zurückgetretenen Landeschefin, einen neuen Kreisvorsitzenden – aber nicht, weil er eine Mehrheit hinter sich gehabt hätte, sondern weil nach zweimaliger Stimmengleichheit mit dem Zysk-Gegner Jan Zimmermann ein Münzwurf über den neuen Vorsitzenden entscheiden musste. So richtigen Grund zur Freude über Fausts Erfolg konnte das Zysk-Lager auch deshalb nicht haben, weil bei der Wahl von vier Delegierten für den Landesparteitag alle Mandate an ihre Opponenten gingen.

Gegenkandidat von Zysk bei jenem Landesparteitag – als Termin war zuletzt der 18. Februar genannt worden – soll dem Vernehmen nach Jürgen Rieger sein. Der Hamburger Anwalt, im Bundesvorstand für Außenpolitik und Finanzbeschaffung verantwortlich, war bereits im Januar als potenzieller Landesvorsitzender ins Gespräch gebracht worden. Er hatte jedoch – zumindest öffentlich – wenig Neigung gezeigt, an die Spitze des zerstrittenen Verbandes treten zu wollen. „Störtebeker“ zufolge soll Marx ihn persönlich bekniet haben, nachdem Zysks Vorgänger Ulrich Harder (77) eine Kandidatur abgelehnt habe.

Die Spaltung der Hamburger NPD könnte derweil Kreise über die Hansestadt hinaus ziehen. In Niedersachsen soll am 11. März ebenfalls ein neuer Landesvorstand gewählt werden. Landesvize Adolf Dammann und der zur NPD übergetretene Ex-Republikaner-Vorsitzende in Niedersachsen, Hans-Gerd Wiechmann, wollen den NPD-intern als eher „gemäßigt“ geltenden Landeschef Ulrich Eigenfeld stürzen. Zweifelhaft ist, ob sich die Chancen von Eigenfelds Gegenkandidaten Dammann erhöht haben, nachdem er sich mit Wiechmann in Hamburg auf die Seite von Zysk geschlagen hat. Bei deren Kundgebung am 10. Februar gegen den Bau einer Moschee im Stadtteil Bergedorf waren Dammann und Wiechmann neben Zysk und Christian Worch als Redner aufgetreten. Das könnte unter Umständen manchen ihrer Anhänger wieder davon abbringen, ihre Anti-Eigenfeld-Kampagne zu unterstützen.

Zu Konsequenzen führte der Hamburger Zwist auch in Nordrhein-Westfalen. Worch hatte für die Neonazis aus dem Umfeld der „Nationalen Offensive Schaumburg“ (NOS) rund um Marcus Winter für den 17. März eine Demonstration im ostwestfälischen Minden angemeldet. Doch nachdem Winter am 10. Februar „in offen erkennbarer Konkurrenz zu der Kundgebung am gleichen Tag in Hamburg-Bergedorf“, so Worch, eine Paralleldemonstration im nur knapp 90 Kilometer von Hamburg entfernten Rotenburg an der Wümme unterstützte, meldete Worch den Minden-Aufmarsch wieder ab. Mit der Anmeldung in Rotenburg solle die Bergedorf-Demo bewusst hintertrieben werden, klagte Worch. Erpressung warf Winter ihm daraufhin vor und will von Worch wissen, „was man an der Front mit Erpressern gemacht hat“. Worchs Antwort ist schneidend: „Wären wir an der Front, würdest du vor mir Männchen machen.“ Merke: Unter Neonazis muss man nicht „Parteifreund“ sein, um zum „Todfeind“ zu werden.

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