Thüringen: Tummelplatz in Sachen Rechtsrock

In den vergangenen zwei Jahren hat es im Freistaat 78 Veranstaltungen mit rechtsextremer Musik gegeben. Bei mehreren Auftrittsbühnen verfügt die braune Szene über direkten Zugriff.

Mittwoch, 12. August 2020
Horst Freires

Aus der Antwort des Erfurter Innenministeriums auf eine Parlamentsanfrage der Linken-Politikerin Katharina König-Preuss geht hervor, dass ein seit langem zu beobachtender Trend im Umfeld von neonazistischem Konzertgeschehen sich ziemlich verfestigt hat, nämlich, dass Thüringen ein Tummelplatz für Rechtsrock-Aktivitäten ist.

2018 und 2019 wurden alleine in Thüringen 78 Konzerte und mit Musik bestückte Versammlungen registriert. Aus dem Kreis der Szene-aktiven Bands und Liedermacher des Freistaats hat es in den beiden besagten Jahren mindestens 199 Auftritte gegeben, darunter auch Events im Ausland. Zum rechtsextremen Musikmilieu gesellen sich im unmittelbaren Umfeld im Versand- und Onlinehandel tätige Läden oder Labels. Davon werden seitens des Innenministeriums insgesamt 17 gelistet.

Anmelden unter dem Versammlungsprivileg

Häufig stehen Live-Auftritte in einem Kontext mit einem anderen Thema. Das kann bei der Minipartei „Der III. Weg“ ein Parteitag sein, das können aber auch völkische Zusammenkünfte wie Sonnen- und Winterwendfeiern sein, Wahlpartys, Buchvorstellungen oder Vorträge. Die NPD wendet das Anmelden unter dem Versammlungsprivileg ebenso an wie das NPD-nahe „Bündnis Zukunft Hildburghausen“ um Tommy Frenck.  

In Südthüringen und im Raum Sonneberg sind Organisatoren zum Teil dazu übergegangen, Gästelisten beziehungsweise die Ansammlung von persönlichen Einladungen für Konzerte zusammenzustellen und diese bei Bedarf den Ordnungsbehörden zur Verfügung zu stellen. Damit soll signalisiert werden, dass gegen keine Gesetze, Auflagen und Verordnungen verstoßen worden ist.

Zahlreiche Bands und Liedermacher gezählt

Immer wieder auftauchende Locations sind Szenekennern sehr wohl geläufig, auch wenn das Innenministerium diese nicht namentlich benennt, sondern immer nur die Städte und Orte aufführt. Auftrittsbühnen finden sich in der Regel dort häufiger, worauf die neonazistische Szene einen direkten Zugriff besitzt. Da ist das „Erfurter Kreuz“ („Erlebnisscheune“) in Kirchheim ebenso zu nennen wie der Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ in Kloster Veßra von Tommy Frenck oder das „Flieder Volkshaus“ der NPD in Eisenach. Als Veranstalter sind einige Male auch die „Hammerskins“ beziehungsweise die Gruppierung „Turonen/Garde 20“ aufgetreten.

2018 wurden 23 Bands und elf Liedermacher gezählt, im Folgejahr waren es 20 Bands und zwölf Liedermacher. In die Kategorie Liedermacher eingruppiert wurden die rechten Rapper Mic Revolt (Michael Zeise/Raum Erfurt) und Makss Damage (Julian Fritsch/Mittelthüringen). Weibliches Alleinstellungsmerkmal hat die Bardin „Varghona“, auch als „Franzi“ bekannt, aus dem Raum Jena. Aufgelistet in der Antwort des Erfurter Innenministeriums wird die Existenz der Bands „Gedeih & Verderben“ aus Nordthüringen, „Brigade 88“ (Raum Meiningen), „Ostfront“ (Raum Gera) und „N.A.Z.I.“ für „Nordic Anti Zionist Incorporation“ (Raum Gotha), wobei aber aus geheimhaltungsrelevanten Gründen keine weiteren Details benannt werden. Vielbeschäftigt als Band oder Akustikprojekt war demnach „Sleipnier“ (Südthüringen/Nordrhein-Westfalen).

Axel Schlimper als gefragter Liedermacher

In den beiden Berichtsjahren wurden zehn Auftritte in Deutschland, fünf davon in Kloster Veßra bei Tommy Frenck, sowie ein Gastspiel in Bulgarien bekannt. Mit am meisten beansprucht wurde auch das Projekt „Zeitnah“ aus dem Raum Gotha mit 13 Auftritten. Noch häufiger gefragt war der aus der antisemitischen Ecke kommende Liedermacher Axel Schlimper mit 20 Einsätzen, davon sieben bei Frenck, dort unter anderem bei einer Kinderweihnachtsfeier, und sechs beim mittlerweile für beendet erklärten monatlichen „Thing-Kreis“ von Angela Schaller.

Die NSBM-Band „Absurd“ aus Mittelthüringen verzeichnete nur Auftritte auf ausländischen Bühnen. Den größten Zuspruch gab es 2018 und 2019 bei der unter NPD-Regie stehenden Veranstaltung „Tage der nationalen Bewegung“ in südthüringischen Themar. Nach 3250 Besuchern im Jahr 2018 wurden im Folgejahr 920 Teilnehmer gezählt.

Vertriebsdienste und Labels von NPD-Funktionären

Einige Vertriebsdienste und Labels lassen sich auch über einen Blick ins Impressum oder ins Handelsregister personell ganz genau zuordnen, ohne dass das Innenministerium diese Information liefert. „Deutsches Warenhaus“ und „W & B Versand“ kommen beispielsweise beide aus Fretterode, und dort hat NPD-Bundesvize Thorsten Heise das Sagen. Bei „Zeitgenoss“ in Eisenach steckt mit Patrick Wieschke ebenso ein NPD-Funktionär dahinter wie beim Multi-Versandhändler Patrick Weber aus Sondershausen mit seinen vier Firmen „Aggressive Zone Records“, „Germania Versand“, „Immortal Blood Records“ und „Schwarzburg Produktionen“.

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