von Oliver Cruzcampo
   

Thiazi-Prozess: „Und dann kam halt die Polizei“

Nach Verlesen der umfangreichen Anklageschrift konnte endlich in den Thiazi-Prozess eingestiegen werden. Während der mutmaßlich Hauptverantwortliche keine Aussage machen will, offenbarten seine drei Komplizen die ersten interessanten Details zur Hierarchie und Funktionsweise des ehemaligen Neonazi-Forums. Prozesse gegen weitere Administratoren stehen bereits in den Startlöchern.

Zwei der insgesamt vier Angeklagten im Thiazi-Prozess

Vier Verhandlungstage wurden benötigt, um die insgesamt 342 Seiten umfassende Anklageschrift im Prozess vor dem Landgericht Rostock zu verlesen, nun sollte den vier Angeklagten die Möglichkeit gegeben werden für Einlassungen. Doch Klaus R., dem zur Last gelegt wird, zusammen mit Daniela W. Hauptverantwortlicher des Forums gewesen zu sein, will keine Aussage tätigen. W., einzige Frau in dem Prozess, will hingegen aussagen.

Über „Metallica“ in die Szene

Doch bevor es dazu kommt, reicht die Verteidigung von R. einen Antrag ein. Ihr Mandat fühle sich in seinen Persönlichkeitsrechten beeinträchtigt. Im Internet seien unverpixelte Fotos des mutmaßlichen Administrators aufgetaucht. Dies würde zu einer Stigmatisierung des Mandanten führen – auch im Falle eines Freispruchs. Somit soll die Presse erneut an die Verpixelung und Abkürzung des Nachnamens erinnert werden. Doch der Vorsitzende Richter Goebels wies den Antrag als unbegründet zurück. Allein durch den Prozess seien die vier Angeklagten zu relativen Personen der Zeitgeschichte geworden.

In der anschließenden Einlassung wurde der aus einer Kleinstadt bei Heilbronn stammenden W. die Möglichkeit gegeben, zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen. Die Frau begann auffallend zögerlich. Der Einstieg sei über ihren ehemaligen Freund, der „nicht okay“ gewesen sei, vonstatten gegangen. Sie hätte nach Musik suchen sollen, nach einer Band namens Metallica. Die Aussagen der 32-Jährigen waren schwammig, sie wollte sich kaum festlegen. Oder erinnerte sich nicht. Und „rechts“ oder gar politisch sei sie sowieso nicht gewesen. „Aber was Nationalsozialismus ist, wissen Sie“, hakte der Richter angesichts weiterer relativierender Aussagen nach.

„Und dann kam halt die Polizei“, erklärte W. das abschließende Kapitel ihrer Thiazi-Vergangenheit. Sie hätte den Server abgeschaltet, dies sei ein guter „Schlussstrich“ gewesen. Doch wäre sie nicht aufgeflogen, hätte sie nach eigener Aussage ihre Aktivitäten vermutlich fortgesetzt.

Es folgten weitere Details zu technischen Inhalten, für die W. offenbar alleine zuständig war. So hätte es insgesamt drei Server gegeben. Einer sei ausschließlich für das Forum, ein weiterer als Speicherort für Musikalben und ein dritter als Proxy-Server genutzt worden. Über 400 Dollar seien dafür monatlich zu zahlen gewesen. Die Kosten seien durch Spenden und Einnahmen aus Werbebannern beglichen worden, so W.. Der Richter wollte dieses Kapitel gesondert betrachten, doch ein Beispiel floss bereits mit in die ersten Aussagen der Frau ein. So sei auf einem alten Screenshot der Forums-Startseite das Banner der Marke „Ansgar Aryan“ zu sehen. Die seinerzeitigen Inhaber der bei Neonazis beliebte Marke hätten für die prominente Platzierung bezahlt, erklärte die Angeklagte.

Aus „Metallica“ wird „Landser“

Nach einer Pause kam von W. überraschend die Aussage, dass sie nach Rücksprache mit ihrem Anwalt nun offen reden möchte. Ihr Anwalt nannte es „rumeiern“ und schickte die ehemalige Thiazi-Administratorin von der Anklagebank auf den Zeugenstuhl.

Die Frau wirkte wie ausgetauscht, gab sich selbstbewusst und eloquent. Seinerzeit hätte sie gar nicht nach Metallica, sondern nach Landser und Störkraft gesucht. Auch die Aussage, sie hätte nie gewusst, welche Inhalte die seinerzeit auf Thiazi angebotenen Liedtexte gehabt hätten, widerrief sie. Sie räumte weiterhin fast alle seitens der Staatsanwaltschaft Rostock verlesenen Anklagepunkte ein, allerdings will W. keine eigenen Alben zum Download angeboten haben.

Auch die beiden weiteren Angeklagten bekamen noch Zeit für ihre Einlassungen. So sei Denny S. Anfang 2007 zu Thiazi gekommen, sei vor allem als Betreuer aktiv gewesen. Er half mit, die von der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ indizierten Lieder sukzessive auf den eigenen Server hochzuladen. Die Indizierung der Prüfstelle, die dafür sorgt, dass gewisse Alben gar nicht oder erst ab einem gewissen Alter über den Verkaufsthresen wandern dürfen, sei als „staatliche Zensur“ aufgefasst worden. „Bei uns war es normal, diese Musik zu hören“, gestand S.. Mittlerweile sei der Mann in einem Aussteigerprogramm und würde ehrenamtlich an Projekten gegen Rechtsextremismus mitwirken.

Dominik S. war nach eigener Aussage ebenfalls für den Musikbereich zuständig. Mit 15 in die rechte Szene abgerutscht, hat er den Musikbereich betreut und Liedtexte betreut. Er hätte sich unter Gleichgesinnten wohlgefühlt, später sei es ihm dann „zu dumm geworden mit den ganzen Spinnern“. Noch vor der Razzia durch die Polizei hätte sich S. aus dem Thiazi-Forum zurückgezogen.

Sechs weitere Anklagen erhoben

Der Prozess wird Mitte Februar fortgesetzt, wie jetzt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Rostock gegenüber ENDSTATION RECHTS. bestätigte, wurden bereits zusätzliche Anklagen erhoben. Die Ermittlungen gegen weitere Betreiber des Forums seien mittlerweile abgeschlossen. Weitere sechs Anklagen gegen insgesamt 14 Angeschuldigte wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung und Volksverhetzung seien am Landgericht Rostock erhoben worden. Gegen 13 weitere Mitglieder der „Belegschaft“, seien die Verfahren gegen Geld- oder Arbeitsauflagen eingestellt worden.

Gegen 488 Nutzer des Forums, denen zur Last gelegt wird, die Betreiber durch Geldspenden unterstützt und über das Forum Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen öffentlich verbreitet oder verwendet zu haben, seien gesonderte Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. In Berlin müssen sich derzeit zwei mutmaßliche Händler, die ebenfalls bei Thiazi aktiv gewesen sein sollen, vor Gericht verantworten

Kommentare(2)

Maria P. Montag, 02.Februar 2015, 17:00 Uhr:
Es freut mich zu sehen, dass einige der Nazis zumindest in Deutschland vor Gericht gestellt werden und es hoffentlich auch zu mehr Verurteilungen kommen wird. Es ist an der Zeit, diesen undemokratischen Kräften alles was eine Demokratie zur Verfügung hat, entgegenzuseten.
 
Irmela Mensah-Schramm Dienstag, 03.Februar 2015, 08:35 Uhr:
zu @Maria P.

Es fragt sich jedoch, ob dann auch das staatliche Versagen an das Tageslicht kommt. Ich selbst bin Geschädigte dieses höchst kriminellen Netzes und mußte mir von den zuständigen Behörden mitteilen lassen, "dass man dagegen nicht's tun könne, da dies im Ausland betrieben würde"..........
Eben wegen den Verharmlosungen der Verantwortlichen bis zur Unterstützung durch die hochkriminellen V-Leute, sind diese Juristen, b.z.w. Behörden für mich wenig glaubwürdig!
 

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