von Oliver Cruzcampo
   

Thiazi-Prozess: „Junge Menschen sollten für die rechte Szene rekrutiert werden“

Nach der Razzia 2012 wurde Thiazi – das bis dahin größte Neonazi-Forum Deutschlands – abgeschaltet. Seit Freitag müssen sich vier mutmaßlich Hauptverantwortliche nun wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Volksverhetzung vor Gericht verantworten. Es wird ein Mammutprozess werden, der Verfahrensumfang beträgt über 67.000 Seiten.

Die Startseite des ehemals größten Neonazi-Forums in Deutschland

Klaus-Werner R., Daniela W., Denny S. und Dominik S. sind die Namen der vier mutmaßlichen Admins des ehemaligen Neonazi-Portals Thiazi, die sich ab Freitag vor dem Landgericht Rostock verantworten müssen.

Die drei Männer und einer Frau agierten vor allem im Schutz der Anonymität, im Umfeld der vier Angeklagten wusste kaum jemand über deren rechtsextreme Online-Aktivitäten Bescheid. Klaus-Werner R. aus Barth an der Ostsee war jahrelang als Erzieher tätig, bevor er im Zuge der Razzia von seiner Arbeitsstelle suspendiert wurde. Niemand wusste dort von seinen Nebentätigkeiten. Auch die 32-jährige W. war am Freitag sehr darauf bedacht, sich vor Pressevertretern zu verstecken. Die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen – erst auf Hinweis des Vorsitzenden Richters gab sie sich zu erkennen.

Prozessunterbrechung abgelehnt

Gleich zu Beginn reichte Christof Zuberbier, Pflichtverteidiger von Denny S., einen Unterbrechungsantrag ein. Er beanstandete, dass er aufgrund des Verfahrensumfangs sein Mandat nur beeinträchtigt ausüben könne. So hätte allein für das Kopieren der rund 67.000 Seiten des Verfahrens eine zusätzliche Arbeitskraft angestellt werden müssen. Die Verteidiger der anderen drei Angeklagten schlossen sich inhaltlich dem Anliegen an – doch es nützte nichts. Dem Antrag wurde nicht stattgegeben.

Bereits vorab hieß es in der Pressemitteilung des Gerichts, dass vermutlich die ersten beiden Tage ausschließlich für das Verlesen der Anklageschrift benötigt würden. 342 Seiten umfasst das Dokument, die gesamte Anklageschrift gar 853 Seiten.


Der Ordner mit der über 300 Seiten umfassenden Anklageschrift

Die Anklagepunkte der Staatsanwaltschaft beziehen sich auf den Zeitraum von 2009 bis 2012, in dem sich die vier Personen in jeweils über 100 Fällen strafbar gemacht hätten. Laut Staatsanwaltschaft seien dabei R. und W. die „Rädelsführer“ des Thiazi-Forums gewesen. Während der 33-jährige R. vor allem als eine Art Verwalter aufgetreten sei, hätte W. die Foren-Software programmiert und sich um technische Belange gekümmert.

Die Vorgehensweise sei dabei hierarchisch aufgebaut gewesen, es hätten strenge Regeln geherrscht. Es bestanden offenbar klare Handlungsleitlinien, Unterstützern seien konkrete Funktionen zugeteilt worden. So hätte es laut Staatsanwaltschaft Betreuer, Bereichsbetreuer und auch Archivisten gegeben, die sich jeweils um bestimmte Sektionen des Forums kümmerten.

Über 1.000 Alben zum Download angeboten

Vor allem der Musik-Bereich hätte eine gewichtige Rolle gespielt, weit über 1.000 Alben – größtenteils aus dem Rechtsrock-Segment – wären auf dem Portal zum Download angeboten worden. Durch Spenden hätte man Zugang zu den Downloads bekommen. Je größer die Spende, desto mehr rechtsextreme Musik konnten Nutzer seinerzeit herunterladen.


Die Angeklagten W. und R. auf der Anklagebank

Da der Server des Thiazi-Forums in den USA stand, wollten sich die Verantwortlichen so der Kontrolle durch deutsche Behörden entziehen. So sei auf den über 1,4 Millionen Beiträgen zur Gewalt angestachelt, der Holocaust geleugnet und die NS-Ideologie verbreitet worden. „Junge Menschen sollten für die rechte Szene rekrutiert werden“, hob die Staatsanwältin deutlich hervor.

Vor dem Landgericht wird es mindestens 30 weitere Verhandlungstage geben, die sich bis zum Sommer des kommenden Jahres erstrecken. Der nächste Termin ist für den 18. Dezember um 10.15 Uhr anberaumt.

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